Wirtschaftsverbände warnen vor Fachkräftemangel ZDH: Berufliche Bildung muss Priorität der Politik sein

Die "demografische Wende" kommt in ein paar Jahren mit voller Wucht, sagt die Wirtschaft. Um die Fachkräftelücke zu schließen, fordert Handwerkspräsident Wollseifer schnellstmöglich einen Bewusstseinswandel bei der beruflichen Bildung. Ansonsten laufe das Ganze aus dem Ruder.

Fliesenleger schneidet Fliesen mit Schneidetisch-Werkzeug.
Fliesenleger bei der Arbeit: Der Handwerksverband warnt vor einer weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels und fordert mehr Wertschätzung für die berufliche Ausbildung. - © karepa - stock.adobe.com

Die deutsche Wirtschaft hat vor einer massiven Verschärfung des Fachkräftemangels in den kommenden Jahren gewarnt. "Der Höhepunkt des Fachkräftemangels kommt erst noch", sagte DIHK-Präsident Peter Adrian der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte der dpa: "Der Fachkräftemangel bleibt ein Topthema für die deutsche Wirtschaft und für unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung." Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sagte der dpa: "Nur mit beruflich qualifizierten Fachkräften des Handwerks sind die Klimaschutzziele, die Energieeffizienzziele, die E-Mobilität, der Ausbau der Ladesäulen und der Infrastruktur möglich."

Zu wenig Handwerker für anstehende Aufgaben

Im Handwerk seien bereits im Moment fast 2,5 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bereichen Klima- und Umweltschutz, Energieeffizienz und Energieversorgung, energetische Gebäudesanierung, dem Ausbau Erneuerbarer Energien und E-Mobilität tätig. "Doch für all diese Aufgaben reicht das nicht, das ist zu wenig", sagte Wollseifer.

Allein im Handwerk blieben jedes Jahr um die 18.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, welche die Betriebe gerne besetzen würden. Es fehlten Bewerberinnen und Bewerber, nicht die Plätze. "Es hätte in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit gegeben, rund 200.000 junge Leute mehr zu Fachkräften zu machen, wenn auf allen Ausbildungsplätzen, die unsere Betriebe angeboten haben, auch tatsächlich Jugendliche eine Ausbildung gemacht hätten." Vor der Pandemie habe der Fachkräftebedarf im Handwerk nach Schätzungen bei mindestens einer Viertel Million gelegen.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sprach sich für eine Fachkräfteinitiative aus. "Wir müssen alles daran setzen, so rasch wie möglich tatsächlich die Wende hinzubekommen zu mehr Wertschätzung der beruflichen Ausbildung, aber auch ganz konkret hin zu mehr jungen Menschen, die sich für den beruflichen Ausbildungsweg entscheiden. Diese Wende muss schon deshalb ganz schnell gelingen, damit wir nicht in eine Situation geraten, in der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr ausreichend mit handwerklichen Dienstleistungen und Produkten versorgt werden können."

Handwerk fordert Stärkung der beruflichen Bildung

Der entscheidende Hebel, um die Fachkräftelücke zu schließen, bleibt es, in Deutschland mehr junge Menschen zu qualifizierten Fachkräften auszubilden. Deshalb gehöre die berufliche Bildung als höchste Priorität in den Fokus politischen Handelns. "Wir brauchen einen Bewusstseinswandel in diese Richtung", der müsse im Jahr 2022 kommen. "Sonst läuft das Ganze aus dem Ruder", sagte der Handwerkspräsident.

Die Gleichstellung der beruflichen Bildung zur akademischen Bildung müsse gesetzlich festgeschrieben werden. Dies wäre ein klares Signal an die ausbildenden Betriebe, aber auch an Schulen, an Eltern, an Lehrer, dass der Staat die berufliche Bildung wirklich gleichwertig zur akademischen Bildung einschätze.

"Bei der Begabtenförderung werden die Begabten in der beruflichen Bildung mit 60 Millionen gefördert. In der akademischen Bildung mit 300 Millionen", sagte Wollseifer. "Ähnlich ist es in anderen Bereichen auch. Die Berufsschulen müssen stärker finanziert werden. Das steht im Koalitionsvertrag. Das ist richtig, das begrüßen wir. Die 600 Bildungsstätten des Handwerks stehen aber nicht drin. Das aber sind die Hochschulen des Handwerks. Da braucht es zwingend ein entsprechendes Engagement." Manche Berufsschule sei in einem grauenhaften Zustand.

"Beruflich qualifizierte Fachkräfte anzuwerben, die unsere Wirtschaft hier am Laufen halten, das ist ein weiterer Weg", sagte Wollseifer. Aber auch hier werde der Fokus zu sehr auf den akademischen Bereich gelegt: "Sich auch um beruflich Qualifizierte zu bemühen, das haben wir nicht ausreichend gemacht. Aber auch wenn wir unsere Anstrengungen hier jetzt zu Recht verstärken, werden wir es nach meiner Einschätzung nicht schaffen, innerhalb von kurzer Zeit Zehntausende fachlich qualifizierte Leute pro Jahr nach Deutschland zu holen."

Arbeitgeberpräsident: demografische Wende kommt mit voller Wucht

Arbeitgeberpräsident Dulger sagte: "Die ersten Jahrgänge der Babyboomer gehen schon in Rente." 2025 komme die "demografische Wende" mit voller Wucht. Dann komme der Punkt, an dem mehr Menschen in Rente gehen als auf den Arbeitsmarkt nachrücken. Dann explodierten die Beiträge oder die Steuern.

Die neue Bundesregierung müsse die Verfahren für eine gezielte und qualifizierte Fachkräftezuwanderung vereinfachen, beschleunigen und bürokratische Hürden abschaffen, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. "Wir brauchen ein funktionierendes Gesetz, das qualifizierte Zuwanderung ermöglicht und das aber auch einen Apparat vorhält, wo Bewerber zu jeder deutschen Botschaft im Ausland hingehen können und sagen können: An wen kann ich mich wenden, ich bin qualifiziert und möchte gerne nach Deutschland einwandern, um mir und meiner Familie eine gute Zukunft ermöglichen zu können."

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf

DIHK-Präsident Adrian sagte: "Der Fachkräftemangel zieht sich mittlerweile wie ein roter Faden durch die Wirtschaft." Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechne bis Ende des Jahrzehnts mit einem demografisch bedingten Rückgang um drei bis vier Millionen Arbeitskräfte. "Da ist die Frage: Wie können wir gegensteuern? Wir wollen uns natürlich stark engagieren um die duale Ausbildung noch besser zu gestalten und junge Menschen in einen Ausbildungsberuf hineinzubringen."

Er wünsche sich auch mehr Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so Adrian. "Wir haben da bereits Fortschritte gemacht. Aber wir haben immer noch eine im europäischen Vergleich hohe Teilzeitquote bei den Frauen." Bei der Einwanderung von Fachkräften wäre eine fünfstellige Zahl pro Jahr bei den besonders gesuchten beruflich Qualifizierten schon gut. Dazu müsse Bürokratie abgebaut werde, es gebe immer noch zu große Hürden etwa bei der Visavergabe. dpa/ew