Zunahme psychischer Krankheiten Guter Chef, gesunde Psyche

Glückliche Mitarbeiter, glückliche Kunden, glückliche Chefs. Das Rezept klingt simpel, doch es ist alles andere als einfach. Das zeigt die ständig steigende Zahl psychischer Erkrankungen in Deutschland, allen voran der Burnout, für den Stress bei der Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Friseurmeister Dennis Lessing zeigt, dass es auch anders geht.

Barbara Oberst

Arbeiten in Wohlfühlatmosphäre: Saloninhaber Dennis Lessing (rechts) im Gespräch mit Friseurin Franziska Hellwig, links Friseurin Lea Klaus mit einer Kundin. - © Foto: Artur Worobiow

"Als meine Mutter noch den Salon führte, hat hier mal eine Mitarbeiterin der Kollegin ein trockenes Brötchen an den Kopf geschmissen.“ Das Team um Friseurmeister Dennis Lessing hat einen weiten Weg hinter sich: „Heute verbringt das Team die Wochenenden und Urlaube miteinander“, berichtet der Chef stolz.

Der Weg zur Wohlfühlatmosphäre bei den Lessing Friseuren im hessischen Korbach hatte viele Stationen. Die wichtigste hieß "Unternehmenswert Mensch“. Dieses vom Bundesarbeitsministerium geförderte Programm der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) unterstützt mitarbeiterorientierte Personalführung. Hintergrund des Projekts ist nicht nur der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel, sondern auch der Anstieg psychischer Erkrankungen in der Arbeitswelt .

Führungsverhalten entscheidet

Vor rund 40 Jahren attestierten Ärzte ihren Patienten bei nur zwei Prozent der Fehltage eine psychische Erkrankung. Heute machen Seelenleiden etwa 15 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage aus, informiert das Projekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ (psyGA) . Mehr Frauen als Männer erkranken daran. Depressionen und Burn-out-Symptome sind die wichtigsten Leiden.

Teilnehmer gesucht

Teilnehmer gesucht: Glücklich und gesund führen

Wie wirken sich die Herausforderungen im Arbeitsalltag auf den Chef aus? Dieser Frage geht die Diplom-Psychologin Stefanie Richter in ihrer Doktorarbeit an der Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bamberg nach. Für ihre Studie "Gesunde Führung: Führungskräfte im Fokus“ untersucht sie insbesondere, welche Folgen die tägliche Interaktion mit den Mitarbeitern auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Führungskräften hat.

Die Wissenschaftlerin sucht nach Führungskräften aller Branchen, die im Rahmen einer Online-Tagebuchstudie Auskunft über ihren Führungsalltag geben. Zu diesem Zweck beantworten Teilnehmer zunächst eine einmalige Vorbefragung, bevor sie im Rahmen einer selbst gewählten Arbeitswoche (Montag bis Freitag) pro Tag zwei sehr kurze Online-Fragebögen ausfüllen.

Die Teilnehmer können dabei persönlich von einer Teilnahme profitieren: Nach Abschluss der Studie erhalten sie eine individuelle Rückmeldung zu den Befragungsergebnissen sowie Anregungen, Tipps und Empfehlungen zur persönlichen Gesundheitserhaltung und Gesundheitsförderung. Bei mehreren Teilnehmern aus derselben Organisation bietet die Promovendin zudem die Option auf eine organisationsspezifische Auswertung.

Interessierte schreiben an studie.auopsych@uni-bamberg.de , weitere Infos unter www.uni-bamberg.de/auopsych .

Auch im Handwerk sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch, allerdings auf niedrigerem Niveau. 8,4 Prozent der Ausfalltage werden laut IKK Classic mit der Psyche begründet. Im Schnitt dauert es mindestens 40 Tage, bis der Kranke an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt.

Mindestens 40 Tage krank

Ob Mitarbeiter motiviert sind und psychisch gesund bleiben, hat viel mit dem Führungsverhalten des Chefs zu tun, zeigt eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Anerkennung ist ein wesentlicher Punkt, nicht nur in Form von angemessener Bezahlung. Das aufrichtige Lob des Chefs ist unerlässlich.

Das Friseurehepaar Dennis und Yvonne Lessing hat viele Möglichkeiten gefunden, sein Team zu motivieren. Besondere Leistungen belohnen sie mit Gutscheinen. Sie luden für einen Tag einen Physiotherapeuten ein. Er gab individuelle Tipps für körperschonenderes Arbeiten. Außerdem fördern die Chefs die Mitgliedschaft ihres Teams im Fitnessstudio .

"Wir wollten unsere Mitarbeiter stützen"

Doch auch für die Seelen seiner Angestellten wollte Dennis Lessing etwas tun: „Wenn ein Friseur mit sieben oder acht Menschen am Tag eingehend spricht, kann das aufs Gemüt gehen. Wir wollten unsere Mitarbeiter stützen.“ Lessing ging zur kostenlosen Erstberatung von „Unternehmenswert Mensch“. Darauf folgte die Prozessberatung.

Coach Werner Gronau begleitete Dennis und Yvonne Lessing bei der Entwicklung eines Unternehmensleitbildes. Anschließend holten sie das ganze Team dazu: „Alle haben mitgearbeitet, haben freiwillig ihre Freizeit und Wochenenden investiert, um das Leitbild mit Leitsätzen zu unterfüttern“, erzählt Lessing begeistert.

Chefduo und Mitarbeiter verankerten in sieben Punkten alle Themen, die ihnen wichtig waren: Der Umgang miteinander, mit den Kunden, die Einstellung zur Arbeit. Besonderen Wert legt das Team heute auf seine Sprache. „Worte und Gedanken haben großen Einfluss auf die Gesundheit“, begründet Berater Gronau diesen Fokus.

Wörter aktivieren Schmerzareale im Gehirn

Forscher der Universität Jena haben nachgewiesen, dass bestimmte Wörter Schmerzareale im Gehirn anregen. „Bitte“, „Danke“ und alle Formen der bewussten und wertschätzenden Kommunikation sind also nicht nur höfliche Floskeln, sondern ein direkter Beitrag zur Gesundheit.

Das angenehme Arbeitsklima bei Lessing hat sich in Korbach herumgesprochen. Gute Bewerbungen zeugen davon, vor allem aber der Ausspruch einer Mitarbeiterin: „Der Salon ist wie ein zweites Zuhause.“

Die eigenen Führungsqualitäten können Chefs unter "Bin ich ein guter Chef?“ testen.