Glaser und Fensterbauer in Sorge Glasöfen: Einmal aus ist alles vorbei

Glasproduktion ist enorm energieintensiv. Wird das Gas knapp oder gar abgestellt, könnten die Glasschmelzwannen, die in Deutschland das Handwerk mit Flachglas versorgen, nicht mehr betrieben werden. Die Folgen wären dramatisch.

Keine Baustelle ohne Flachglas: Würde Glasherstellern in Deutschland der Gashahn zugedreht, hätte dies weitreichende Folgen für die Bau- und Ausbauhandwerke. - © Falk Heller/www.amh-online.de

Glas hat strenggenommen ein Imageproblem. Schließlich kann man es nicht sehen. Es ist gemacht, um hindurchzusehen. Dabei sollte man nicht übersehen, wie wichtig Glas für die Wirtschaft ist. Kein Haus kann ohne Fenster gebaut werden. Keine klimaneutrale Gebäudesanierung im Altbau kommt ohne Glas aus. Kein Fahrzeug wird ohne Windschutzscheibe ausgeliefert. Das Ziel der Bundesregierung, 400.000 neue Wohnungen im Jahr zu bauen – ohne Glas unmöglich.

"Wenn überhaupt gebaut und saniert werden soll, dann brauchen wir Glas", sagt Jürgen Sieber, Landesinnungsmeister und Vorsitzender des Fachverbands Glas Fenster Fassade Baden-Württemberg. Ohne Glas komme der Bau zum Erliegen.

Glaser und Fensterbauer besorgt

Doch genau diese Gefahr besteht angesichts der Gasknappheit. Da die Glasherstellung energieintensiv ist, blicken Glaser, Fensterbauer und Glasproduzenten besorgt darauf, wie sich die Gaskrise entwickelt: Ob überhaupt genug Gas verfügbar ist, die Bundesnetzagentur den Hahn drosselt oder gar zugedreht.

Erdgas ist der wichtigste Energieträger in der Industrie. Der Anteil lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2020 bei 31,2 Prozent und 324,6 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Auf die Produktion von Flachglas zum Beispiel für Fenster entfielen in Deutschland im gleichen Jahr 4,8 Terawattstunden (TWh), so der Bundesverband Glasindustrie (BV Glas).

Im schlimmsten Fall: Ein Jahr ohne Glas

Der Glasgrundstoff Quarzsand schmilzt erst bei enormer Hitze. Glasschmelzwannen werden daher dauerhaft mit rund 1.500 Grad Celsius betrieben – 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. "Es darf in keinem Fall dazu kommen, dass der Industrie das Gas von heute auf morgen abgestellt wird", sagt Raimund Heinl, Geschäftsführer Deutschland und Österreich des Glasherstellers Saint-Gobain.

Denn: Werde die Temperatur von 1.500 Grad Celsius unkontrolliert heruntergefahren, dauere es mindestens ein Jahr, bis die Glasschmelzwannen wieder in Betrieb genommen werden könnten. Würde der Gashahn von heute auf morgen zugedreht, müssten die Glasöfen der Hersteller abrupt abgeschaltet werden, so "dass sich die Wannen verziehen und unwiederbringlich zerstört sind", sagt Raimund Heinl.

"Wenn das flächendeckend passiert, hätten wir ein Jahr kein Glas", sagt Glasermeister Jürgen Sieber. Ein Jahr mit Produktionsausfällen, weil kein Fenster, keine Windschutzscheibe, kein Dämmstoff aus Glas oder Steinwolle in Deutschland hergestellt werden könnte. Ob die Nachbarländer Frankreich und Polen den Ausfall auf dem großen deutschen Markt kompensieren könnten, ist fraglich.

Reduzieren statt stoppen

Saint-Gobain stelle sich darauf ein, die Glasschmelzwannen systematisch herunterfahren zu können. "Wir rechnen nicht mit dem Schlimmsten, aber wir bereiten uns darauf vor und haben natürlich einen Notfallplan", sagt der CEO. Wahrscheinlicher sei ein Szenario mit einer Reduzierung der Gasmenge von vielleicht 20 bis 30 Prozent. Diesen Teil des Verbrauchs will Heinl dann durch Öl ersetzen. "Doch dafür braucht es eine gewisse Vorlaufzeit." Er hoffe, dass Saint-Gobain die Wannen gegen Ende des Jahres so weit umgebaut habe, um die Produktion aufrechterhalten zu können. Um die Energiewende zu schaffen und durch Neubau und Sanierung Energie zu sparen, um Deutschland letztendlich unabhängiger von russischem Gas zu machen, wären Produktionsausfälle beim Glas fatal.