In urbanen Räumen wächst die Konkurrenz um Flächen. Handwerker müssen um ihre Standorte bangen, wenn der Wohnungsbau näher rückt. Für Betriebserweiterungen oder Existenzgründer fehlt es an Platz.
Ulrich Steudel

Der deutschen Wirtschaft geht es gut. Selbst wenn in diesen Tagen das Coronavirus für Unsicherheit sorgt, haben die guten Jahre dazu geführt, dass in Großstädten ein Wettbewerb um freie Flächen entstanden ist. Dabei droht dem Handwerk die Gefahr, in Konkurrenz mit dem Wohnungsbau den Kürzeren zu ziehen. Wie sieht es diesbezüglich im Verbreitungsgebiet der DHZ aus?
Dresden
Uta Schulz, Geschäftsführerin der Jost Dresden GmbH, würde gern neue Leute einstellen. Die Auftragslage der Elektrofirma mit 20 Mitarbeitern, die hauptsächlich in den Bereichen Telekommunikation und Beleuchtung arbeiten, würde es erlauben. "Aber dafür ist es hier einfach zu eng", sagt Schulz am Sitz des Unternehmens im Schönfelder Hochland im Osten der sächsischen Landeshauptstadt. Ihr Bauantrag auf Erweiterung wurde abgelehnt. Ein erneuter Antrag ist aussichtslos, seit das Areal in ein reines Wohngebiet umgewidmet wurde.
Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, kennt das Problem. Seit Jahren beobachtet er eine schwindende Akzeptanz fürs Handwerk im Wohnumfeld. "Die Leute wollen zwar zum Bäcker um die Ecke gehen, aber keinen Lieferverkehr oder Lärm aus der Backstube dulden", benennt Brzezinski das Dilemma. Über die Stadtratsfraktionen versucht die Handwerkskammer Einfluss auf die zukünftige Nutzung der Flächen zu nehmen. Außerdem erhebt sie bei öffentlichen Auslegeverfahren der Flächenpläne ihre Stimme. Trotzdem bekommt bei freiwerdenden Flächen in Dresden eine Wohnbebauung meist den Vorzug.
Für die Jost GmbH bleibt nur die Suche nach einem neuen, größeren Standort, die bisher erfolglos geblieben ist. "Wir haben sogar schon ein zweites Grundstück gekauft, um es als Lager zu nutzen. Aber das hat sich bei 20 Minuten Fahrzeit leider nicht bewährt", sagt Uta Schulz. Ein neuer Standort sollte auf jeden Fall nahe dem aktuellen Unternehmenssitz liegen, an dem Uta Schulz’ Vater Ulrich Wange den Betrieb vor vier Jahrzehnten gegründet hatte. Denn die Arbeitswege der Mitarbeiter sollen durch einen Umzug möglichst kürzer, aber auf keinen Fall länger werden.
Lange könne Jost unter den beengten Räumlichkeiten nicht mehr alle Nachfragen bedienen. "Wenn wir keinen größeren Standort finden, wird das unsere unternehmerische Freiheit massiv einschränken", betont die Geschäftsführerin.
Frankfurt am Main
In der hessischen Finanzmetropole spitzt sich die Lage für viele der rund 7.300 Handwerksbetriebe im Stadtgebiet ebenfalls zu. Armin Bayer, bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main zuständig für Wirtschaftspolitik, spricht von Verdrängungseffekten aufgrund der hohen Nachfrage nach Wohnungen. Gleichzeitig steige der Bedarf an Gewerbeflächen, weil Betriebe expandieren möchten. Davon sei aber nicht nur Frankfurt betroffen. In Offenbach und Darmstadt sowie in vielen mittelgroßen Kommunen im Speckgürtel um die Metropole sei die Lage ähnlich.
Die Konkurrenz um Flächen bezieht sich in Frankfurt aber nicht nur auf den Wohnungsbau. "Handwerker konkurrieren auch mit Rechenzentren, Hotels und Spielhallen", betont Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats. Aktuell wird vom Magistrat ein Gewerbeflächenentwicklungsprogramm erarbeitet. Noch im Ideenstadium sieht Gellert das Vorhaben, bei der Entwicklung von Wohnquartieren "verträgliches Gewerbe" verbindlich zu integrieren.
Auch die Idee von Gewerbehöfen nach dem Vorbild Münchens wird in Frankfurt diskutiert (siehe München). Die August-Schanz-Straße im Stadtteil Preungesheim könnte aufgrund ihrer kleinteiligen Gewerbeflächen als Beispiel dienen, meint Gellert. Armin Bayer von der Handwerkskammer hofft auf eine Bedarfsanalyse, deren Ergebnisse demnächst erwartet werden. Auf deren Basis könnte zusammen mit der IHK und der Wirtschaftsförderung der Stadt ein Pilotprojekt für einen Gewerbehof gestartet werden.
München
Die bayerische Landeshauptstadt gilt mit ihrem Gewerbehofprogramm, das seit 36 Jahren fester Bestandteil der kommunalen Wirtschaftspolitik ist, bundesweit als Vorbild für innerstädtische Ansiedlungen von Handwerksbetrieben. In den aktuell acht Gewerbehöfen finden rund 450 kleinere Unternehmen Platz.
Leicht ist es für Handwerker trotzdem nicht, in München einen Standort zu finden. "Unsere Auslastung liegt zwischen 98 und 99 Prozent, was die gute Konjunktur widerspiegelt", betont Rudolf Boneberger, Geschäftsführer der Münchner Gewerbehofgesellschaft (MGH). Das städtische Tochterunternehmen, an dem auch die Handwerkskammer für München und Oberbayern beteiligt ist, betreibt die Gewerbehöfe, deren kleingliedrige Parzellierung zusammen mit den hohen Baukosten und den limitierten Mieteinnahmen die Rendite der Immobilien drückt. "Für private Investoren sind Gewerbehöfe uninteressant, weil sie sich nicht innerhalb von 30 Jahren refinanzieren", erklärt Boneberger.
Aber weil die Stadt ihren Einwohnern eine wohnortnahe Versorgung mit handwerklichen Dienstleistungen ohne lange Anfahrtswege sichern will, bezuschusst sie die Gewerbehöfe. Langfristig lohnen sich diese Investitionen für die Stadt trotzdem. Denn aufgrund ihrer robusten Bauweise sind die Gewerbehöfe besonders langlebig. "Nach gut 30 Jahren erreichen wir die Gewinnzone. Die Erlöse kann die Stadt dann wieder in ihre Wirtschaftsförderung investieren", erklärt MGH-Geschäftsführer Boneberger. So bringen die Gewerbehöfe Vorteile für mehrere Seiten: Das Handwerk profitiert ebenso wie die Stadt und ihre Einwohner.
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Stuttgart
Wie schwer es für einen Handwerksbetrieb in Stuttgart ist, eine geeignete Gewerbefläche zu finden, kennt Kreishandwerksmeister Alexander Kotz aus eigener Erfahrung. Ende der 1990er-Jahre suchte er zusammen mit seinem Vater Helmut einen neuen Standort für den SHK-Betrieb der Familie, der seinen Sitz in einem Wohngebiet im Stuttgarter Osten hatte. Als im gleichen Stadtteil das Schlachthofgelände frei wurde, sahen sie nach langem Warten ihre Chance gekommen. "Aber Daimler wollte das gesamte Gelände als Reservefläche kaufen, ohne es zu bebauen. Damals gelang es m it Unterstützung der Handwerkskammer, Oberbürgermeister Manfred Rommel und den Gemeinderat davon zu überzeugen, dass die Fläche für ein Gewerbegebiet aufgeteilt wird. So sind auch wir zum Zug gekommen", erinnert sich Kotz.
Bis heute hat sich die Situation weiter verschärft. Verlässt ein größeres Unternehmen wie damals der Schlachthof seinen Standort, wird dieser nicht auf kleinere Flächen aufgeteilt und weiter gewerblich genutzt, sondern großflächig mit Wohnungen bebaut. "Dank der allgemeinen Saturiertheit gibt es wenig Verständnis fürs Gewerbe. Schnell formieren sich Bürgerinitiativen", klagt Gesine Kapelle von der Stabsstelle Politik der Handwerkskammer Region Stuttgart.
Zu den extrem gestiegenen Preisen kommt das Problem, dass Angebot und Nachfrage oft nicht zusammenpassen. "Handwerksbetriebe haben sehr spezielle Anforderungen. Da muss eine Gewerbefläche passen wie ein Maßanzug, gerade in einer Großstadt, wo fünf Kilometer Entfernung gleich eine halbe Stunde Fahrzeit bedeuten", erklärt Alexander Kotz, der die Interessen des Handwerks auch als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat vertritt.
"Es ist besser, bei politischen Entscheidungsprozessen direkt mit am Tisch zu sitzen, als nur als Lobbyist von außen einzuwirken", sagt Kotz. So kann er im "linksorientierten Stuttgarter Rat" rechtzeitig seine Stimme erheben, wenn etwa kommunale Betriebe bei der Flächenvergabe bevorzugt werden. Außerdem dringt er mit seiner Fraktion darauf, dass in Bebauungsplänen für Erdgeschosse eine gewerbliche Nutzung vorgesehen wird.