"Auf dem Bau muss man sich was trauen" Gerüstbaumeisterin Silke Vogler: Selten und ziemlich gut

Silke Vogler ist eine Rarität. Von 100 Gerüstbauern sind weniger als zwei Frauen. Statistisch gesehen ist die Chance gering, dass eine Frau zur Jahrgangsbesten im Gerüstbauer-Handwerk gekürt wird. Und doch wurde die 38-jährige Quereinsteigerin bei der Meisterfeier der Handwerkskammer Dresden als solche ausgezeichnet. Ihr beruflicher Werdegang hat viel mit Mut zu tun.

Gerüstbaumeisterin Silke Vogler
Gerüstbaumeisterin Silke Vogler ist eine von wenigen Frauen, die in der Gerüstbaubranche arbeitet. - © André Wirsig

Knapp 3.000 Gerüstbaubetriebe gibt es in Deutschland. Bei ihnen arbeiten über 34.200 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – wobei die Verwendung der weiblichen Bezeichnung hier nur sprachlich passt. Statistisch gesehen hinkt sie etwas. Denn die Gerüstbaubranche ist keine mit hohem weiblichen Anteil. Hier arbeiten kaum Frauen aktiv auf den Baustellen mit – geschweige denn führen sie einen Betrieb.

Die Zahlen der Sozialkasse des Gerüstbaugewerbes (Soka Gerüstbau) sprechen für sich: 2022 gab es 584 weibliche gewerbliche Arbeitnehmer im Gerüstbauhandwerk. Das sind 1,6 Prozent aller gewerblichen Arbeitnehmer der Branche. Allerdings relativiert die Sozialkasse diese Angaben auf Anfrage, denn unter dieser Zahl können zum Beispiel auch angestellte Reinigungskräfte sein. Insofern sei die Zahl mit Vorsicht zu genießen. Unter den Auszubildenden waren Ende 2022 elf Frauen. Ihr Anteil machte 1,4 Prozent der Azubis aus.

Gerüstbaumeisterin: Frauen auf dem Bau kaum zu finden

"Man muss schon mutig und ehrgeizig sein. Ich wurde anfangs oft belächelt, wenn ich zu einer Baustelle kam und man mich noch nicht kannte", sagt Silke Vogler. Für die Arbeit im Gerüstbauhandwerk braucht man Kraft und Ausdauer, ein gutes räumliches Einschätzungsvermögen und technisches Verständnis. Das hat Silke Vogler. Sie ist Gerüstbaumeisterin – und das mit Auszeichnung. Ende November wurde sie bei der Meisterfeier der Handwerkskammer Dresden als Jahrgangsbeste der Gerüstbaubranche geehrt. Dem Thema, dass sie in dieser Branche als Frau noch immer als Seltenheit gilt, begegnet die 38-Jährige mit Gelassenheit. Dennoch ist sie nicht müde, darüber zu sprechen. "Wenn ich mal eine Kollegin treffe, denke ich sofort: Super, die hat sich auch getraut."

Gerüstbaumeisterin Silke Vogler
Silke Vogler kam als Quereinsteigerin zum Gerüstbau und wurde jetzt als Jahrgangsbeste Meisterausbildung bei der Handwerkskammer Dresden ausgezeichnet. - © André Wirsig

Denn Mut müsse man haben und sich meistens mehr beweisen als Männer in der Branche. "Aber mir macht diese Arbeit auch großen Spaß", erklärt die Handwerksmeisterin, die als Quereinsteigerin in die Branche kam. Denn eine Berufsausbildung hat Silke Vogler nicht im Gerüstbauhandwerk absolviert, sondern als Hotelfachfrau. Viele Jahre hat sie in der Gastronomie in der Schweiz gearbeitet. Zurück in Deutschland half sie zunächst im Büro eines Bekannten und dessen Gerüstbauunternehmen aus. In diesem Büro arbeitet sie noch heute, wenn sie nicht gerade auf einer Baustelle Gerüste aufstellt, abbaut, plant oder Mitarbeiter in die anstehenden Arbeiten einweist.

Gerüstbaumeisterin mit Berufserfahrung statt klassischer Ausbildung

"Ich habe erst ganz einfache Tätigkeiten übernommen, dann aber schnell Interesse für das Fachliche entwickelt", erzählt Silke Vogler. So hat sie Pläne gezeichnet und sich immer mehr in der Praxis eingebracht. Gerade die Abwechslung zwischen Büro und Baustelle, also zwischen planerischer und körperlicher Arbeit, gefällt ihr sehr. "Besonders liegt mir der Umgang mit Kunden. Da sehe ich noch Parallelen zu meinem Job als Hotelfachfrau." Die Arbeitszeiten in der Gastronomie bis spätabends und am Wochenende waren für sie allerdings nicht mehr mit ihrem Alltag vereinbar. Silke Vogler hat mittlerweile zwei Kinder.

Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, war in den letzten Monaten dennoch auch in ihrem jetzigen Beruf eine Herausforderung. Die Gerüstbaumeisterin hat den Meisterkurs in Vollzeit absolviert. Da dieser bei der Handwerkskammer in Dresden stattfand und sie im Landkreis Märkisch Oderland in der Nähe von Frankfurt/Oder wohnt und arbeitet, verbrachte sie die Zeit unter der Woche in einem Internat. "Während der Woche habe ich gelernt und nur am Wochenende war ich zu Hause", berichtet sie von einer sehr intensiven Zeit. Dass sie die Meisterausbildung bewältigt hat, die auf mehreren Jahren Berufserfahrung statt der klassischen Ausbildung im Gerüstbauhandwerk beruht, zeigt wiederum ihren Mut. Und der wird sich künftig auszahlen. "Mein Chef möchte in zwei Jahren kürzertreten und dann werde ich den Betrieb voraussichtlich übernehmen", kündigt Silke Vogler an.