Zum Streaming-Start der True-Crime-Serie German Crime Story: Gefesselt im Folterkeller des Handwerksmeisters

Die neue Serie "German Crime Story: Gefesselt" dreht sich um die bestialischen Morde eines Handwerkers, der in den 80er und 90er Jahren als "Säurefassmörder" für Angst und Schrecken sorgte. Erfahren Sie hier, wo Sie die Serie jetzt streamen können und ob sich das Einschalten lohnt.

Auch ein Kürschnermeister kann mit der Säge umgehen: Raik Doormann (Oliver Masucci) zerstückelt eine Frauenleiche in seiner Badewanne. - © Neue Bioskop Television

"True Crime", also die Nacherzählung realer Kriminalfälle, hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Neben Film- und Fernsehformaten schießen auch Podcasts, die sich den Schreckenstaten realer Verbrecher widmen, wie Pilze aus dem Boden. Der Streaming-Anbieter Amazon Prime schickt nun eine entsprechende Produktion ins Rennen um die Gunst seiner zahlenden Abonnenten und Testkunden. Und die dreht sich um einen Handwerksmeister.

"German Crime Story: Gefesselt" feierte beim Filmfest Hamburg 2022 seine Vorpremiere und ist ab dem 13. Januar 2023 auf der Streaming-Plattform abrufbar. Die sechsteilige Serie, deren Titel recht unverhohlen an die US-Erfolgsserie "American Crime Story" angelehnt ist und zum ersten Mal in der Amazon-Prime-Geschichte auch originär in Deutschland produziert wurde, beleuchtet in rund 45-minütigen Einzelfolgen die Geschichte des "Säurefassmörders". Der gelernte Kürschnermeister trieb in den 80er und 90er Jahren sein Unwesen in Hamburg.

Fakten oder Fiktion?

Mit den wahren Begebenheiten nehmen es die Filmemacher allerdings nicht genau. Das Kreativteam um Regisseur Florian Schwarz surft auf der True-Crime-Erfolgswelle mit. Aber wirklich "true" ist ihre Geschichte bei genauerer Betrachtung nicht. Vielmehr sichern sich die Headwriter Dirk Morgenstern und Michael Proehl, mit dem Schwarz bereits bei seinem überragenden "Tatort: Im Schmerz geboren" zusammenarbeitete, direkt gegen Kritik ab. Zu Beginn jeder Folge erscheinen die Einblendungen "Frei nach wahren Begebenheiten" und "Ereignisse, Personen, Namen und Ort wurden geändert". Man stellt sich daher unweigerlich die Frage, was denn eigentlich nicht geändert wurde. Selbst der Mörder hört auf einen anderen Namen als in der Realität. Und während die Serie zwar in Hamburg spielt, wurden große Teile der Außenaufnahmen in München gedreht.

Ein Kürschnermeister vor dem Ruin

Zumindest der Handwerksberuf des realen Säurefassmörders bleibt erhalten und wird in allen sechs Folgen wiederkehrend thematisiert. Der fiktive Raik Doormann (Oliver Masucci) ist gelernter Kürschnermeister. Er betreibt in Hamburg den edlen Laden "Doormann Pelze", in dem die gut betuchte Kundschaft jahrelang ein- und ausging. Gleich zu Beginn bricht er aus dem Off eine energische Lanze für sein traditionsreiches Gewerk und die bewährte "Symbiose von Mensch und Tier". Der Zuschauer sieht ihm bei der Arbeit mit dem Rohmaterial über die Schulter. Doormann schneidet in seiner Werkstatt teure Pelze mit dem Messer, verarbeitet die Einzelteile an der Nähmaschine oder bürstet Pelze aus, die in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Lehrmeister und Jägerin des Mörders: Kürschner Ludwig Lübke (Sylvester Groth) und Polizistin Nela Langenbeck (Angelina Häntsch) in einem teuren Pelzmantel. - © Neue Bioskop Television

Sein Handwerk ist allerdings auf dem absteigenden Ast. Durch die Tierschutzbewegung der 80er-Jahre ist sein einst so geachteter Berufsstand in Verruf geraten. Und anders als sein erfahrener und wohlhabender Lehrmeister Ludwig Lübke (Sylvester Groth), hat Doormann seine Schäfchen nicht rechtzeitig ins Trockene gebracht. Weil die Kundschaft ausbleibt, muss der gebeutelte Kürschner machtlos mitansehen, dass seine Frau nun besser verdient als er. Auch seinem Sohn bleibt das nicht verborgen. Es kriselt.

"German Crime Story: Gefesselt": Kein Psychogramm im Stile von "Dahmer"

Hier beginnt sie, die Geschichte, die sich in der Folge zumindest grob an kriminalhistorische Tatsachen hält. Aber warum aus dem gefrusteten Handwerksmeister ein brutaler Entführer, Folterknecht und Säurefassmörder wird, bleibt auch nach der letzten der sechs Folgen im Nebel. Anders als im kontrovers diskutierten Serienmörder-Hit "Dahmer", der 2022 einen Netflix-Rekord nach dem nächsten brach, gehen die Filmemacher kaum auf Spurensuche in Doormanns Psyche. Er ist eben ein exzentrischer Lebemann, der gern provoziert und Macht über Frauen hat. Aber das macht ihn noch lange nicht zum Schwerverbrecher. Auch den stets etwas gekünstelt klingenden Hamburger Zungenschlag des gebürtigen Stuttgarters Oliver Masucci muss man sich anfangs "warmhören".

Erzählerisch ist "German Crime Story: Gefesselt" ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Die Handlung springt recht wild zwischen den Taten in den 80er und 90er Jahren, dem etwas späteren Zeitpunkt der ersten Gerichtsverhandlung und den anschließenden Mordermittlungen von Nela Langenbeck (Angelina Häntsch). Stellenweise verschmelzen die Zeitebenen ohne separate Einblendung der Jahreszahl. Langenbeck fungiert als Identifikationsfigur fürs Publikum und muss sich auf dem Morddezernat in einer schwierigen Männerwelt behaupten. Sexismus, Machosprüche und Mobbing sind ihr Berufsalltag, aber sie beißt sich durch. Über die frühere "Sitte"-Ermittlerin erfährt man nichts, was über den beruflichen Background hinausgeht – ein wenig schade.

Können diese Augen lügen? Kürschner Raik Doormann (Oliver Masucci) bezirzt sein späteres Opfer Cornelia Kessler (Nikola Kastner) in seinem Pelzgeschäft. - © Neue Bioskop Television

Lohnt sich das Einschalten?

Unterhaltsam ist die Amazon-Prime-Produktion aber allemal. Das liegt nicht zuletzt an den überraschend heiteren Zwischentönen, die der Trailer (siehe unten) konsequent ausblendet und mit der die düstere Atmosphäre oft aufgebrochen wird. Anfangs ist Doormann nicht einmal unsympathisch. Er wirkt eher wie die Karikatur eines Frauenmörders. Als er etwa einen Koffer mit Leichenteilen im Auto verstaut, grüßt er seinen ahnungslosen Nachbarn grinsend mit "Moin, Dieter!". Später öffnet der nie um einen frechen Spruch verlegene Sado-Maso-Fan freundlich einem bewaffneten SEK-Team die Tür, als er gerade einen Kuchen backt. Dabei ist er nur mit einer Schürze bekleidet, die sein von Peitschenstriemen gezeichnetes Hinterteil nicht zu verhüllen vermag.

Seine stärksten Momente (das ist dann doch eine Parallele zu "Dahmer") hat die True-Crime-Serie, wenn Doormann seine Verdacht schöpfenden Mitmenschen und späteren Opfer geschickt manipuliert. Seine Opfer folgen ihm sogar freiwillig in den schalldichten Bunker unter seinem Haus, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Diese Abgeschiedenheit unterscheidet die Serie auch von Fatih Akins ähnlich gelagertem Kino-Schocker "Der Goldene Handschuh". Doormann ist kein minderbemittelter Spontantäter, sondern ein eiskalter Profi, der seine Taten akribisch vorbereitet und nichts dem Zufall überlässt.

Brutale Gewalt und blutiges Morden gibt es im Übrigen in eher geringer Dosis zu sehen, so dass auch zartbesaitete Zuschauer einschalten können. "German Crime Story: Gefesselt" funktioniert trotz einiger Ekel-Momente eher als subtiler Psychothriller. Denn viel Schreckliches findet auf der Tonspur und im Kopf des Publikums statt. Wer in der Hoffnung auf den ultimativen Nervenkitzel und ausgiebiges Gruseln einschaltet, dürfte eine kleine Enttäuschung erleben. So oder so sollte man der Serie zumindest bis zur dritten der sechs Folgen ihre Chance geben. Dann nämlich schaltet die Geschichte mit der sehr erschütternd arrangierten Entführung von Cornelia Kessler (Nikola Kastner) gnadenlos vom Schon- in den Schleudergang.

Hier den Trailer von "German Crime Story: Gefesselt" anschauen: