Ab 2.500 Euro Gas-Umlage: Handwerk warnt vor enormen Mehrkosten

Ab dem 1. Oktober muss jeder, der Gas verbraucht, eine Umlage von 2,4 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Für viele Handwerksbetriebe ist damit das Maß überschritten, warnen nun Stimmen aus der Branche. Auf sie könnten jährliche Mehrkosten von bis zu Zehntausenden Euro zukommen, Betriebe müssten um ihre Existenz bangen. Politiker versprechen derweil, weitere Entlastungs-Maßnahmen für Unternehmen zu prüfen.

Zwei Bäcker schieben langes Blech mit Broten in Ofen.
Die Mehrkosten für energieintensive Betriebe wie Bäckereien werden ab dem 1. Oktober deutlich steigen, prognostizieren Handwerksvertreter. Dann greift die Gas-Umlage von 2,4 Cent pro Kilowattstunde. - © Studio Romantic - stock.adobe.com

Stimmen aus dem Handwerk haben angesichts der am 15. August festgelegten Gas-Umlage von 2,4 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde vor hohen Mehrkosten für die Betriebe gewarnt. "Das Maß an finanziellen Belastungen für die mittelständische Wirtschaft ist überschritten", sagte Dirk Neumann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Halle.

Er rechnet vor, dass die Gas-Umlage bei einem durchschnittlichen Handwerksbetrieb im Kammerbezirk zu jährlichen Mehrkosten von 2.500 bis 3.000 Euro führen wird. In den energieintensiven Gewerken wie Bäckereien und Metallbau sei mit einer deutlich höheren Belastung zu rechnen. "Betrieben bleibt nichts Anderes übrig, als die steigenden Kosten an den Verbraucher weiterzugeben. Durch die weiter steigenden Energiepreise müssen Betriebe um ihre Existenz bangen", warnte Neumann.

Handwerk warnt vor Mehrkosten von vielen Zehntausend Euro pro Jahr

Peter Haas, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), prognostiziert sogar Mehrkosten durch die Gas-Umlage von vielen Zehntausend Euro pro Jahr für einen durchschnittlichen Betrieb. "Die Gasumlage darf nicht dazu führen, dass Handwerksbetriebe aufgrund dieser unverschuldeten Krise ihre Energiekosten nicht mehr stemmen können und letztlich sogar schließen müssen", sagte Haas. "Wir brauchen daher Hilfen für belastete Betriebe, um ihre Liquidität zu sichern. Leider hat die Politik bislang nur Großunternehmen bei ihren Entlastungsprogrammen im Blick. Beim Handwerk nahm man bislang an, dass es die höheren Kosten weitergeben kann. Das ist jedoch naiv", so Haas.

Ein weiteres Problem sind nach Meinung des BWHT-Hauptgeschäftsführers die Dienstleistungs- und Lieferverträge mit der öffentlichen Hand, zum Beispiel für die Reinigung von Gebäuden oder Krankenhaustextilien. "Hier melden uns Betriebe große Probleme bei der Anpassung langfristiger Verträge", sagte er. Der BWHT fordert deshalb unverzüglich eine Ansage der Landesregierung, dass Länder und Kommunen Preisanpassungen nicht nur ermöglichen, sondern zügig umsetzen. "Konkret muss die Bundesregierung das Handwerk in ihr neues Entlastungspaket mitaufnehmen", sagte Haas weiter.

Gas-Umlage: Politiker kündigen Entlastungen für Unternehmen an

Bundesregierung und Koalitionspolitiker haben derweil Bürgern und Wirtschaft versichert, dass Entlastungen greifen werden, wenn ab Oktober die neue zusätzliche Gasumlage zu zahlen ist. Grünen-Chef Omid Nouripour kündigte dafür einen "gemeinsamen Kraftakt" an. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck versprach den Unternehmen, weitere Maßnahmen zumindest zu prüfen. Die konkrete Ausgestaltung ist aber unklar.

Nouripour sagte den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (16. August) zu seiner Ankündigung: "Das bedeutet einerseits, dass wir besonders Menschen mit geringen und mittleren Einkommen gezielt unterstützen müssen, die von den drastisch steigenden Energiekosten besonders betroffen sind. Andererseits trifft die Krise auch viele Mittelständler und damit wesentliche Treiber unserer Innovation und Wirtschaftskraft. Auch sie werden wir in dieser Notsituation nicht allein lassen." Die Regierung habe sich bereits verständigt, den Schutzschirm für Unternehmen, die wegen der hohen Energiepreise in Schwierigkeiten seien, zu verlängern.

Der Grünen-Politiker Habeck sagte am Abend des 15. August im ZDF-"heute Journal", für Unternehmen sei bereits ein System von Wirtschaftshilfen aufgebaut worden. "Ob es da noch Nachsteuerungsbedarf gibt, das schauen wir uns gerade nochmal sehr genau an."

Die energiepolitische Sprecherin der SPD, Nina Scheer, räumte ein, dass das bestehende Programm zur Dämpfung der Energiekosten teils solche Unternehmen vernachlässige, die nicht zu den energieintensiven oder handelsintensiven zählten. "Hier müssen wir Lücken schließen, um zu vermeiden, dass Unternehmen aufgrund der akuten Energiepreissituation in Not geraten", sagte sie den Bayern-Zeitungen.

Ausgleichsmechanismen für Mehrwertsteuer angekündigt

Auf eine Mehrwertsteuer-Ausnahme bei der Umlage können Gaskunden derweil nicht mehr hoffen. Die EU-Kommission bekräftigte am 16. August, dass eine Streichung der Steuer anders als von der Bundesregierung erhofft nicht möglich ist. Die Brüsseler Behörde arbeitet nach eigenen Angaben aber zusammen mit Berlin an einer Lösung. Bundesfinanzminister Christian Lindner hatte auf EU-Ebene um eine Ausnahme gebeten. "Sollte das nicht gelingen, werden wir entsprechende Ausgleichsmechanismen schaffen", hatte Bundeswirtschaftsminister Habeck daraufhin angekündigt.

Mit der Umlage sollen erhöhte Beschaffungskosten von Großimporteuren ausgeglichen werden, um diese vor der Pleite und das deutsche Energiesystem vor dem Kollaps zu bewahren. Auslöser der steigenden Gaspreise war der russische Überfall auf die Ukraine Ende Februar. Die Umlage wird ab dem 1. Oktober gleichermaßen für Haushalte und Firmen fällig. Sie endet am 1. April 2024. Mit Inhalten der dpa

Wichtige Antworten zur Gas-Umlage

Was bedeuten die 2,4 Cent für den Geldbeutel?

Für einen Einpersonenhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 5.000 Kilowattstunden bedeutet die Umlage ohne Mehrwertsteuer jährliche Zusatzkosten von rund 121 Euro. Mit wären es rund 144 Euro. Für einen Familienhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden liegen die Mehrkosten bei rund 484 Euro im Jahr. Kommt die Mehrwertsteuer hinzu, sind es 576 Euro.

Wann kommt die Umlage an?

Die Umlage gilt ab Anfang Oktober. Sie werde aber nicht unmittelbar auf den Rechnungen sichtbar, sondern mit etwas Zeitverzug, so das Wirtschaftsministerium. Ankündigungsfristen von vier bis sechs Wochen müssten eingehalten werden. Daher werde die Umlage wahrscheinlich erst im November oder Dezember erstmals auf den Rechnungen ausgewiesen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft rechnet allerdings damit, dass einige Versorger die Umlage schon ab dem 1. Oktober ihren Kunden in Rechnung stellen werden.

Wie lange müssen Gaskunden die Umlage zahlen?

Die Umlage endet am 1. April 2024. Sie wird laut Wirtschaftsministerium monatlich abgerechnet und kann alle drei Monate angepasst werden. Die Ausgleichszahlungen bekommen die Importeure nur unter bestimmten Bedingungen. Abgerechnet werden können 90 Prozent der Mehrkosten. Noch bis Ende September müssen die Unternehmen alle Mehrkosten selbst tragen. Sollte Russland gar kein Gas mehr liefern, hält Habeck es für wahrscheinlich, dass die Umlage steigt.

Wem soll die Gasumlage helfen?

Den Firmen, die in der Vergangenheit günstiges russisches Erdgas nach Deutschland importiert haben. Sie bekommen noch einen Bruchteil der vertraglich zugesicherten Liefermengen. Gleichzeitig haben sie ihren Abnehmern wie Stadtwerken genau dieses Gas versprochen. Um die Versorgung aufrechtzuerhalten, müssen sie kurzfristig Gas an der Börse teuer hinzukaufen. Die Folge: Bei den Importeuren sind erhebliche Verluste entstanden. Der Fortbestand der Unternehmen kann gefährdet sein. Beim größten Gasimporteur Uniper war die Lage so dramatisch, dass noch vor Einführung der Umlage ein milliardenschweres Rettungspaket nötig wurde. Habeck bezeichnete die Umlage als eine "bittere Medizin". Die Alternative zu den Hilfsmaßnahmen wäre ein Zusammenbruch des deutschen Energiemarktes gewesen.

Sollen auch Bürger entlastet werden?

Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte den Bürgern erneut ein weiteres Entlastungspaket zu. "Wir lassen niemanden allein mit den höheren Kosten", schrieb der SPD-Politiker auf Twitter und räumte gleichzeitig ein: "Es wird teurer – da gibt es kein drumherumreden. Die Energiepreise steigen weiter." Bisher seien schon staatliche Hilfen über 30 Milliarden Euro beschlossen worden. Habeck sagte, die Bundesregierung habe sich schon auf erste Schritte wie eine Ausweitung des Wohngeldes mit einem Heizkostenzuschuss verständigt. "Ich meine aber, dass weitere zielgenaue Entlastungen nötig sind. In dieser Krise müssen wir den demokratischen Konsens sozialpolitisch absichern."

Welche Unternehmen profitieren von der Gas-Umlage?

Zwölf Gasimporteure haben ihre Ersatzbeschaffungskosten angemeldet. Darunter sind Uniper, VNG und EWE. RWE und Shell wollen auf eine Kostenerstattung verzichten. Insgesamt haben die zwölf Unternehmen bis Anfang April 2024 zunächst rund 34 Milliarden Euro geltend gemacht, teilweise aufgrund von Schätzungen. Wirtschaftsprüfer und die Bundesnetzagentur sollen darauf achten, dass alles mit rechten Dingen zugeht.

Wie wirkt sich die Umlage auf Festverträge und Fernwärmeverträge aus?

Das ist noch nicht ganz klar und wird geprüft. Gegebenenfalls wird es noch Gesetzesänderungen geben. Habeck wies darauf hin, dass es auch viele Festverträge mit einer Preisanpassungsmöglichkeit für staatliche Abgaben gibt.

Welche Umlagen kommen noch?

Neben der Beschaffungsumlage kommt im Herbst noch eine Gasspeicherumlage. Diese soll die Kosten ersetzen, die für die Extra-Einspeicherung von Erdgas zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit im Winter entstehen. Das Wirtschaftsministerium geht aber nicht davon aus, dass diese Umlage eine "relevante Größe" erreichen wird.

Was sind die Folgen für die Volkswirtschaft?

Die Gasumlage wird nach Ansicht von Ökonomen zu einer Steigerung der Inflationsrate führen. So hält das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung eine Inflationsrate im vierten Quartal um die zehn Prozent für möglich. Experten der Commerzbank gehen von einer Steigerung der Teuerung bis Jahresende auf deutlich über neun Prozent aus. dpa