Interview mit Christine Lüders "Frauen überzeugen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen"

Anonyme Bewerbungen bieten Frauen bessere Chancen, auch in eher "männertypischen" Berufen Fuß zu fassen. Gerade kleine Betriebe könnten hier profitieren, da der Aufwand in den Bewerbungsverfahren sinke, sagt Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Interview mit Deutsche Handwerks Zeitung Online.

Jana Tashina Wörrle

Christine Lüders leitet seit Februar 2010 die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. - © ADS

DHZ: Sind anonyme Bewerbungen auch ein Thema für kleine Betriebe oder gilt hier die persönliche Vorstellung als erfolgreicher?

Christine Lüders: Bewerbungen, in denen der Fokus auf die Qualifikation gelenkt wird, können für alle Arbeitgeber von Vorteil sein. Gerade in kleinen Betrieben bieten anonymisierte Bewerbungen eine gute Gelegenheit, die bisherigen Rekrutierungswege ohne großen Aufwand umzustellen und sich als offener Arbeitgeber zu präsentieren. Denn in anonymisierten Bewerbungsverfahren haben alle Bewerber die gleiche Chance, zu einem Einstellungsgespräch eingeladen zu werden. Das ist das zentrale Ergebnis aus unserem Pilotprojekt.

Ein KMU-Pilotprojekt ist geplant

DHZ: Wird das schon von manchen Betrieben gemacht, haben Sie auch dazu Erfahrungen eingeholt?

Lüders: Bei uns haben sich einige kleine und mittelständische Betriebe gemeldet, die bereits mit einem ähnlichen Verfahren – ohne persönliche Angaben zu Alter, Herkunft, Familienstand  – rekrutieren oder die Interesse daran haben. Für letztere haben wir einen praktischen Leitfaden mit Musterbeispielen entwickelt, der auf unserer Internetseite zu finden ist. Die Erfahrungen im Pilotprojekt, die das mittelständische Unternehmen Mydays gesammelt hat – zeigen, dass hier gerade für kleinere Unternehmen viel Potenzial zu sein scheint. Ich freue mich sehr, dass das Bundesland Rheinland-Pfalz angekündigt hat, ein Pilotprojekt mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zu starten, um hier weitere Erfahrungen zu sammeln.

DHZ: Könnten anonyme Bewerbungen Frauen auch bessere Chancen bieten, in eher männertypischen Berufen Fuß zu fassen?

Lüders: Absolut. Das geben die Ergebnisse aus dem Pilotprojekt her. In anonymisierten Bewerbungen sieht der Personaler nur die bisherigen Ausbildungs- und Berufsstationen. Das heißt, Frauen, die zuvor schlechtere Chancen hatten, haben in diesem Verfahren bessere Chancen. Haben Frauen erst einmal die Gelegenheit, sich im Bewerbungsgespräch zu präsentieren, können Sie den einen oder anderen Arbeitgeber mit Sicherheit überzeugen. Auch in männertypischen Berufen.  

DHZ: Wie sehen Sie die Berufschancen von Bewerbern mit Migrationshintergrund generell? Haben diese noch mit besonders großen Vorurteilen zu kämpfen?

Lüders: Studien belegen, dass allein ein türkischer oder deutscher Name auf identischen Bewerbungsunterlagen durchaus einen Unterschied macht, mit bis zu 24 Prozent schlechteren Chancen von Bewerbenden mit Migrationshintergrund. OECD-Studien belegen ebenfalls, das Einwandererkinder deutlich mehr Bewerbungen verschicken müssen, bis sie ihre Chance auf ein Vorstellungsgespräch bekommen. Das gibt zu denken.

Altergemischte Teams bieten große Vorteile

DHZ: Wo liegt das Problem Ihrer Meinung nach bei der Berufsgruppe der Älteren, warum zählt hier das Alter als Ablehnungsgrund mehr als die Berufserfahrung?

Lüders: Das hat verschiedene Gründe. Da gibt es Sorgen, ältere Arbeitnehmer würden häufiger krank, wären nicht mehr so flexibel oder würden keine Überstunden machen. Dass sie unter Umständen deutlich effektiver arbeiten und mit ihrem Wissen ein großer Gewinn für jedes Team sind, ist dagegen noch nicht genug verbreitet. Zwar haben viele Unternehmen die Vorteile von altersgemischten Teams erkannt, doch damit es mehr werden, hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2012 zum Themenjahr "Im besten Alter. Immer" erklärt.

DHZ: Haben sich auch für die älteren die Berufschancen verbessert?

Lüders: Im Pilotprojekt waren die Altersunterschiede bei Studien- und Ausbildungsplätzen nicht groß genug, damit war insgesamt die Datenlage für diese Frage nicht aussagekräftig. Dennoch bin überzeugt, dass ältere Bewerende von der Anonymisierung profitieren, denn das Ergebnis lautete ja, dass für alle Bewerbende im anonymisierten Verfahren Chancengleichheit herrscht.