Anonyme Bewerbungen Wenn allein die Qualifikation zählt

Gute Bewerbungsunterlagen sagen viel über eine Person und deren Qualifikationen aus – manchmal schüren sie aber auch Vorurteile. Ein Ausweg sind anonyme Bewerbungsverfahren. Das zeigte das erste bundesweite Pilotprojekt zu diesem Thema. Doch auch nach dem anonymen Einstieg müssen die Bewerber persönlich überzeugen. Für kleine Handwerksbetriebe mit viel Kundenkontakt zählt deshalb eher der direkte Eindruck.

Jana Tashina Wörrle

Anonyme Bewerbungen verbessern die Chancen für Frauen, allein nach dem Können und den erreichten Qualifikationen beurteilt zu werden. - © JiSIGN/Fotolia

Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter spielen viele Faktoren eine Rolle. Auch Alter, Geschlecht und Herkunft des Bewerbers beeinflussen die Entscheidung – und das sogar so stark, dass die Qualifikationen nicht selten in den Hintergrund treten. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zeigt nun, wie sich die Chancen bei anonymen Bewerbungen verbessern.

Über zwölf Monate lang haben die Experten der ADS anonymisierten Bewerbungsverfahren in der Praxis getestet. Nun stehen die Ergebnisse fest: Frauen, aber auch ältere Menschen und Personen mit Migrationshintergrund haben in normalen Bewerbungsverfahren schlechtere Chancen, eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch zu bekommen. Werden die Bewerbungsunterlagen jedoch ohne Angabe von Name, Herkunft und Alter eingesendet, ist das Verhältnis ausgewogener.

Bessere Chancen für Frauen

Mehr Mädchen als Jungen machen heute Abitur, mehr Frauen studieren, aber trotzdem wird immer noch davon gesprochen, dass sie im Berufsleben benachteiligt sind. Die Qualifikation allein entscheidet also noch immer nicht über die Karrierechancen. Bei den anonymen Verfahren profitieren deshalb besonders Frauen mit Berufserfahrung.

"Unser Pilotprojekt hat gezeigt, dass anonymisierte Bewerbungen den Fokus auf die Qualifikation der Bewerbenden lenken", erklärte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, bei der Vorstellung der Ergebnisse gestern in Berlin. Das gelte sowohl für ältere Frauen mit Kindern als auch für jüngere Frauen, die wegen eines möglichen Kinderwunsches bislang schlechtere Chancen hatten. Aber auch für Bewerber mit Migrationshintergrund, die zuvor geringere Chancen auf eine Einladung hatten, hätten sich diese nach der Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren verbessert.

Im Handwerk zählt der persönliche Eindruck

Im Handwerk wird das Thema zwar sehr positiv aufgenommen, doch bei der Umsetzung in die Praxis gibt es Schwierigkeiten. "Die Studie hat gezeigt, dass die anonymisierte Bewerbung zumindest ein geeignetes Instrument für den Einstieg in das Bewerbungsverfahren ist", sagt Steffen Größer vom Bundesverband Farbe, Gestaltung, Bautenschutz, der das Maler- und Lackiererhandwerk vertritt. Für die Auswahl des Bewerbers sei jedoch nach wie vor das Vorstellungsgespräch ein entscheidendes Kriterium. "Gerade im Maler- und Lackiererhandwerk mit einem hohen Privatkundenanteil und einem intensiven Kundenkontakt ist die personale Kompetenz des Bewerbers von hoher Wichtigkeit", erklärt Größer

Handwerksbetriebe haben in vielen Fällen nur wenige Mitarbeiter. Im Maler- und Lackiererhandwerk haben sogar rund 90 Prozent der Unternehmen weniger als zehn Beschäftigte und deshalb meist auch keine eigenen Personalabteilungen, die derartige Verfahren anbieten könnten. Ganz im Gegenteil dazu wird der persönliche Kontakt bei der Bewerbung im Handwerk sogar angestrebt.

Den direkten Weg gehen

"Wir raten den Jugendlichen sogar dazu, erst einmal persönlichen Kontakt aufzunehmen mit dem Betrieb, bei dem sie eine Ausbildung machen möchten", sagt auch Bernd Sieber, der den Geschäftsbereich "Berufliche Bildung" bei der Handwerkskammer in Frankfurt leitet. Die Jugendlichen sollten am besten einen Termin vereinbaren, sich den Betrieb einmal anschauen und die Unterlagen selbst vorbeibringen, meint Sieber. Auch ein Praktikum sei ein guter Weg, um einen Ausbildungsplatz zu finden und Kontakt zu einem Beruf und einem Ausbildungsbetrieb zu finden.

Auf die Frage, ob mit anonymisierten Bewerbungen vielleicht auch die Hürden abgebaut werden könnten, die immer noch viele Frauen abhalten, sich für männertypische Berufe zu begeistern, antwortet der Berater lachend mit nein. Denn die Bewerbungsabläufe seien hier nicht das Problem, sondern eher das Interesse der Bewerber, das nun mal nicht für alle Berufe gleich stark sei.

Im Maler- und Lackiererhandwerk wird das positiver gesehen, denn hier hat sich der Frauenanteil in den letzten Jahren nahezu verdoppelt. "Frauen haben im Maler- und Lackiererhandwerk bereits heute die gleichen Chancen wie Männer.", sagt Steffen Größer.

Dass kleine un d mittelständische Betriebe trotzdem große Vorteile aus dem anonymen Bewerbungsverfahren ziehen können und warum ältere Mitarbeiter stärker in den Mittelpunkt des Interesses rücken müssten, lesen Sie im Interview mit Christine Lüders zur aktuellen Studie.