Zwei Kandidaten bewerben sich um das Amt des ZDH-Vizepräsidenten. Der Münchner Kammerpräsident Franz Xaver Peteranderl ist einer von ihnen. Der Bauunternehmer sieht sich als Vermittler zwischen den Gewerken und der Politik, als Interessenwahrer des Handwerks in der Stadt und auf dem Land.

Wenn Franz Xaver Peteranderl von seinen Baustellen spricht, gerät der sonst eher nüchterne Mann regelrecht ins Schwärmen. Den Mund umspielt ein Lächeln, als er von anspruchsvollem Tunnelbau unter der Isar erzählt oder schildert, wie sich sperrige Dachbalken in historische Altbauten zwängen lassen.
Peteranderl ist durch und durch ein Mann vom Bau. Als "disziplinierten Vollblutunternehmer" charakterisieren ihn Weggefährten, als "Handwerker mit Herz und Verstand" beschreibt ihn etwa Claudia Beil, Landesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk Bayern. Gerade feierte der Bauingenieur und Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern im Hofbräuhaus sein 50-jähriges Arbeitsjubiläum – ein Ort mit Symbolcharakter für Peteranderl, denn in dem berühmten Wirtshaus hatte er im Alter von 17 Jahren erstmals Arbeiten als Maurer ausgeführt.
Im kommenden Monat will Peteranderl es noch einmal wissen. Der 67-Jährige kandidiert als Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), ein Amt, das er seit dem vergangenen Jahr bekleidet. Es könnte eine spannende Wahl werden: Denn während es für den Posten des ZDH-Präsidenten mit Jörg Dittrich aus Dresden bisher nur einen Anwärter gibt, bewerben sich um den prestigeträchtigen Vizeposten im geschäftsführenden Präsidium gleich zwei Kandidaten. Neben Amtsinhaber Peteranderl tritt Friseurmeister Hans-Jörg Friese, Präsident der Handwerkskammer Rheinhessen, an.
Kontinuität im ZDH-Präsidium
Peteranderl sagt: "Ich kandidiere als Vizepräsident, weil ich denke, dass Jörg Dittrich in der aktuell schwierigen Gemengelage seine volle Konzentration auf die politische Arbeit in Berlin richten wird." Er wolle Dittrich mit seiner Erfahrung den Rücken freihalten und stehe für Kontinuität im geschäftsführenden Präsidium, so Peteranderl.
Ein durchaus verlockendes Angebot, denn Bayern ist ein wichtiges Handwerkerland. Peteranderl ist nicht nur Präsident einer der größten deutschen Handwerkskammern, sondern auch Präsident des Bayerischen Handwerkstags. Er spricht damit für ein Fünftel der deutschen Handwerksbetriebe. Zudem ist er bestens vernetzt im Baugewerbe. Das bestätigt Zimmerermeister Peter Aicher, Präsident Holzbau Deutschland, der ihn schon lange aus gemeinsamer ehrenamtlicher Gremienarbeit kennt: "Er nutzt sein Netzwerk und setzt es als Teamplayer ein."
Tatsächlich bescheinigen Weggefährten dem Münchner Präsidenten eine ausgleichende und vermittelnde Art. Als er noch im Vorstand der Bauinnung und des Bauverbands saß, schaffte er es nicht nur, die teils auseinanderdriftenden Interessen unterschiedlicher Gewerke zu bündeln, sondern setzte sich auch für die damals finanziell schwächeren Bauunternehmen in Ostdeutschland ein. Peteranderl habe immer auch auf die Anschlussgewerke geschaut und Branchen zusammengebracht, berichtet Aicher. Der sagt selbst: "Ich bin ein Vertreter des Hybridbaus. Wir müssen alle vernünftig zusammenarbeiten.“. Ihm liege der Umweltschutz im Bau am Herzen. Kostengünstigen Wohnraum zu schaffen, hält er gar für eine Kernaufgabe der kommenden Jahre. Aufgrund seiner Sachkenntnis sei Peteranderl dafür "prädestiniert“, Kooperationen zu schmieden, bestätigt Aicher. Er habe die Gabe, sich gut in andere hineinzuversetzen.
Auf Ehrenämter im Bausektor verzichtet
Als Franz Xaver Peteranderl 2016 Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern wurde, legte er seine Ehrenämter im Bausektor nieder, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Nicht zuletzt aufgrund dieser Entscheidung gilt der Handwerkskammerpräsident als integer. Claudia Beil von den Unternehmerfrauen sagt: "Er ist ein ehrlicher, kompetenter Mann, der zu dem steht, was er sagt."
Der Präsident bemüht sich seitdem, die Anliegen unterschiedlicher Gewerke gleichermaßen zu vertreten. "Ich bin auch der Präsident der Kosmetikerinnen, der Maßschneider und der Reinigungsbetriebe." Was in einer Kammer, die von Ingolstadt bis Berchtesgaden reicht, alles andere als einfach ist. Da ist die Millionen-Metropole München, in denen gestresste Handwerker mit drohenden Zufahrtssperren, steil ansteigenden Parkgebühren und horrenden Gewerbemieten zu kämpfen haben. Zum Kammergebiet gehören auch ländliche Gebiete in den Alpen, in denen Betriebe im November schließen. Deren Mitarbeiter verdingen sich dann im Winter-Tourismus, bis im März die Arbeit auf den Baustellen wieder losgeht.
In Bayern hat Peteranderl diesen Spagat zwischen ländlichem Raum und urbanen Großstädten souverän gemeistert. Er verteidigte den Digitalbonus, als die bayerische Staatsregierung diesen kippen wollte, weil sie "Mitnahmeeffekte" befürchtete. Unter Peteranderl wurde die Werbung für Azubis verstärkt. Er setzt sich dafür ein, mehr Frauen für eine Karriere im Handwerk zu gewinnen und Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen. "Für die Unternehmerfrauen hat er immer ein offenes Ohr. Er weiß genau, was die Ehepartner in den Betrieben leisten", sagt Beil.
Einzelkämpfer im eigenen Büro
In seinem eigenen Büro ist Peteranderl dagegen eher Einzelkämpfer. Jeden Morgen sitzt der überzeugte Frühaufsteher um 6 Uhr im Büro, der Arbeitstag endet um 22 Uhr. Begleiter bescheinigen ihm ein "enormes Arbeitspensum", er muss sein Handy zwei Mal am Tag aufladen. Meist pendelt er zwischen der Kammer und seinen Baustellen in der Innenstadt. Am Bau gilt Peteranderl als Spezialist für schwierige Aufgaben. Er kennt sich mit historischen Putzen aus oder wird gerufen, wenn ein Haus im Nachhinein unterkellert werden soll. Auf manchen seiner Baustellen war schon sein Vater tätig, mit vielen Münchner Betrieben unterhält die Bauunternehmung Peteranderl jahrzehntelange Geschäftsbeziehungen.
Und wie entspannt er sich, wenn nach sechs Tagen seine Arbeitswoche endet? Daheim im Garten. Das ist sein Rückzugsort. "Ich sehe es als Privileg, in der Stadt ein Grundstück mit Garten zu besitzen", sagt Peteranderl. Dort wachsen Obstbäume und Beerensträucher. Als seine beiden Töchter noch klein waren, standen immer frische Früchte aus eigenem Anbau auf dem Tisch. Heute spielen zwei Enkelkinder im Grünen. "Garten bedeutet für mich Entspannung. Egal ob ich jetzt Erde umsteche, Hecken schneide oder Bäume fälle."
Dafür macht Peteranderl nur selten Urlaub, erzählen seine Freunde. Mal ein paar Tage in Frankreich oder in der Schweiz. In Amerika dagegen war er noch nie. Wenn er sich selbst neu erfinden könnte, würde er sich mit besseren Fremdsprachenkenntnissen ausstatten, verrät er schmunzelnd. "Ich verstehe Englisch und ein paar Wörter Französisch, aber ich spreche es leider nicht so gut." Im Urlaub in Frankreich dolmetscht daher seine Frau.
Ausgeglichener Charakter
Peteranderl gilt als ausgeglichener Charakter. Auch in Konflikten bleibe er ruhig und besonnen, berichten Weggefährten. Selbst wenn auf einer Baustelle etwas richtig schiefläuft, behalte er die Nerven. Manche kreiden ihm seine ruhige Art durchaus an. Sie würden sich wünschen, dass der Handwerkskammerpräsident mit der Faust auf den Tisch haut, schneidende Forderungen erhebt. Doch das ist nicht Peteranderls Stil: "Es gibt Kollegen, die kriegen einen hochroten Kopf, schreien rum und verlassen polternd die Baustelle. Ich bleibe ruhig und überlege, was zu tun ist, um den Schaden möglichst gering zu halten. Ich kritisiere niemanden öffentlich, sondern hole meine Mitarbeiter später zu mir. Dann besprechen wir sachlich, was falsch gelaufen ist", sagt Peteranderl.
Er versuche lieber, Politiker, Kollegen und Verhandlungspartner mit Argumenten zu überzeugen. Das unterstreicht auch Claudia Beil: "Er knickt nicht ein, ist aber offen für Kompromisse." Im Fußball sei er ein "Roter", sagt Peteranderl, also Bayern-München-Fan, politisch "eher schwarz". "Ich versuche zu allen Parteien, außer den extremen, gute Kontakte aufzubauen."
Der Unternehmer sagt von sich, dass er eine "gute Festplatte" habe. Er könne sich Pläne und Grundrisse leicht einprägen. Das hilft ihm, wenn Kunden die Baupläne spontan umschmeißen. Franz Xaver Peteranderl hat das Baugeschäft von der Pike auf gelernt. Er hat zwar keinen Gesellenbrief, die dafür erforderlichen Fertigkeiten aber schon als Jugendlicher erworben. 1985 – nach seiner Zeit als junger Ingenieur beim Baukonzern Philipp Holzmann – stieg er endgültig in den elterlichen Baubetrieb ein. Gut ein Jahrzehnt später wurde er Geschäftsführender Gesellschafter. "Ab meinem 16. Lebensjahr hat es immer geheißen: erster Tag Ferien, erster Tag Baustelle, letzter Tag Ferien, letzter Tag Baustelle. Meine Freunde gingen an den See und ich auf den Bau."
Als er den Führerschein hatte, sagte der Vater: "Hier hast du den Transporter und vier Mann. Du hast für die Baustelle sechs Wochen Zeit. Dann sind die Ferien rum und du musst fertig sein." So habe er sich viele Kenntnisse angeeignet und schon früh alle möglichen Arbeiten auf den Baustellen ausführen können. "Mauern, bewehren, schalen. Ich konnte alle Maschinen fahren, ob Kran, ob Nadelausleger, ob Lader - selbst Lkw mit unsynchronisiertem Getriebe. Sogar mein Vater war überrascht, dass ich das schaffe. So habe ich mir sein Vertrauen verdient." Eine Einstellung, die sich Peteranderl seinen Mitarbeitern gegenüber bewahrt hat. Er müsse auch nicht jedes Jahr einen neuen Umsatzrekord erzielen, sagt der Bauunternehmer, "solange wir eine schwarze Null schreiben, ist für mich alles okay. Ich muss keine Reichtümer mehr verdienen." Wichtiger sei Peteranderl, sich weiter für die Interessen des Handwerks stark zu machen.