Abkopplung vom Euro Frankenschock: Chancen und Gefahren im Schweizer Grenzgebiet

Von der Abkopplung des Franken vom Euro, dem sogenannten Frankenschock, sollte das deutsche Handwerk in Grenznähe zur Schweiz profitieren. Nach einem Jahr lautet die Bilanz: Nur auf den ersten Blick.

Mareike Knewitz

Obwohl das Werkstattgeschäft von Hansjörg Blender von der Abkopplung profitert, blickt er skeptisch in die Zukunft. Er macht sich auch Sorgen um die gesamte Grenzregion. - © Oliver Hanser

Vor knapp einem Jahr entkoppelte die Schweizer Nationalbank den Franken vom Euro. Schnell hat sich gemeinhin der Begriff "Frankenschock" etabliert – durchaus passend, da diese Entscheidung überraschend kam und daher eine ziemliche Wucht entfaltete. Die Währung wurde innerhalb kürzester Zeit deutlich teurer.

Viele Experten zeichneten für das Nachbarland ein düsteres Zukunftsszenario. Sie prophezeiten teure Exporte, höhere Arbeitslosigkeit und einen Einbruch des Tourismus. Umgekehrt hieß das aber auch, dass das Handwerk auf deutscher Seite in grenznahen Gebieten davon profitiert. "Sicher bringt der neue Wechselkurs zunächst Vorteile für das Handwerk in der Grenzregion, weil seine Dienstleistungen dadurch noch attraktiver für Schweizer Kunden werden", prognostizierte im Januar 2015 Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz. Allerdings müssten, so Hiltner weiter, die Betriebe bei der Entsendung von Arbeitnehmern "ja auch die Löhne ans Schweizer Niveau anpassen".

Jetzt, ein Jahr später sind die Folgen dieses Frankenschocks im Grenzgebiet durchaus zu spüren. Für den Einzelhandel auf deutscher Seite hat es in jedem Fall einen Gewinn bedeutet. Die Schweizer strömen über die Grenze und bescheren den deutschen Geschäften gute Umsatzzahlen. Solch eine Entwicklung kann das Handwerk aber nicht verzeichnen.

Arbeitsdauer in der Schweiz entscheidend

Handwerker profitieren nur dann davon, wenn die Montage in der Schweiz nur einen kleinen Teil der Arbeit ausmacht, konstatiert Sonja Zeiger-Heizmann, Leiterin des Fachbereichs Wirtschaft und Arbeit der Handwerkskammer Konstanz: "Das gilt zum Beispiel für Schreiner, den Laden- oder Metallbau." Handwerkstätigkeiten, die dienstleistungsintensiv sind, profitieren hingegen nicht von der Abkopplung des Franken vom Euro.

Das liegt vor allem an den Zugangshemmnissen für deutsche Handwerker in der Schweiz. „Deutsche Betriebe schrecken aufgrund diverser Regelungen und Vorgaben der Schweiz oft davor zurück, Aufträge in der Schweiz anzunehmen“, erläutert Brigitte Pertschy, Beraterin für Außenwirtschaft der Handwerkskammer Freiburg. Entsendet beispielsweise ein Dachdeckecker Mitarbeiter in die Schweiz, muss er dort Schweizer Löhne zahlen. "Die Schweizer haben ein anderes Steuersystem. Außerdem sind die Lohnnebenkosten dort anders geregelt. Schweizer Unternehmen zahlen etwa 18,5 Prozent, wir um die 83 Prozent Nebenkosten pro Stunde. Seit der Abkopplung des Franken vom Euro sind die Arbeitsstunden in der Schweiz noch teurer geworden", berichtet Matthias Ebi, Geschäftsführer des Betriebs "Die Holzwerkstatt". Der Meisterbetrieb im Zimmerer- und Dachdeckerhandwerk in Nöggenschwiel an der Grenze zur Schweiz hatte im Jahr 2009 an sechs Häusern in der Schweiz gearbeitet. Heute sind es nur noch zwei. Für ihn hat es durch die Abkopplung des Franken vom Euro keine positiven Veränderungen gegeben. Durch den hohen Anteil an Arbeitsstunden, die er in der Schweiz verrichten lassen muss, sei dieser Effekt sogar eher negativ.

Hohe Kaution für deutsche Handwerker

"In den letzten zehn Jahren hat die Schweiz regelmäßig ihre Regularien verschärft oder Gebühren erhöht, die den deutschen Handwerkern die Grundlage der Wirtschaftlichkeit entziehen", erzählt Ebi. Die Betriebe müssen acht Tage, bevor sie in der Schweiz tätig werden, ihre Mitarbeiter anmelden. Seit 2009 gibt es zusätzlich eine Kaution, die deutsche Handwerksbetriebe hinterlegen müssen. Diese liegt bei 20.000 Franken. Durch die Frankenabkopplung muss ein Handwerker seit dem letzten Jahr also noch mehr Geld in die Hand nehmen und somit ein größeres Risiko eingehen. "Es gibt zwar die Möglichkeit einer Bankbürgschaft, trotzdem verzichten viele Handwerker darauf, in der Schweiz zu arbeiten", erklärt Michael Schwab, Geschäftsführer der Schreinerei Stöcklin & Schwab. Seinen Betrieb trennen vier Kilometer von der Schweizer Grenze.

Preis ist nicht immer entscheidend

Schwab kann seit dem letzten Jahr einen deutlichen Zuwachs an Nachfragen von potenziellen Schweizer Kunden verzeichnen. Allerdings hat sich die Auftragslage nicht erhöht. Doch Schwab beobachtet generell, dass deutsche Handwerker bei Schweizern beliebt sind. "Es ist nicht immer der Preis entscheidend. Ein großer Pluspunkt ist unsere Mentalität. Das haben mir schon viele Schweizer Kunden gesagt. Wir sind pünktlich und zuverlässig", betont er. Es habe auch vor dem Frankenschock bereits eine groß Nachfrage nach deutscher Dienstleistung und deutschen Produkten gegeben.

Das bestätigt auch Zeiger-Heizmann: "Für die Schweizer ist Effizienz und Qualität wichtig." Das können deutsche Handwerker leisten. "Betriebe sollen nicht durch einen niedrigen Preis ihre Attraktivität erhöhen, sondern diesen Wettbewerbsvorteil nutzen", findet sie.

Für Hansjörg Blender, Geschäftsführer vom Autohaus Blender in Radolfzell, das zwei Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt ist, hat die Frankenabkopplung geschäftlich einen positiven Effekt. Der Umsatz durch Schweizer Kunden ist in seinem Werkstattgeschäft um 25 Prozent gestiegen. Der Verkauf von Fahrzeugen an Schweizer Kunden ist dafür deutlich zurückgegangen. Doch das rechnet sich für Blender trotzdem, denn das Werkstattgeschäft ist für ihn das wichtigere.

Die zwei Seiten des Frankenschocks

Doch gleichzeitig macht sich Blender Sorgen um die gesamte Grenzregion. "Ich sehe diese Entwicklung nicht positiv, weil Handwerker in der Schweiz zugrunde gehen. Es weiß auch keiner, was passiert und welche Auswirkungen die Abkopplung des Franken vom Euro noch haben wird", mahnt er. Tatsächlich bleibt die Frage offen, was wohl noch kommt, wenn auf Schweizer Seite Betriebe schließen müssen, die Arbeitslosigkeit steigt und die Kaufkraft im Endeffekt sinkt. "Ich bin vorsichtig. Auf Dauer kann keiner sagen, was passiert", gibt Blender zu bedenken.

Auch Schwab sieht die Entwicklung kritisch. "Die Frage ist, wie lang die Schweiz das durchhält. Wenn es der Schweiz schlecht geht, leidet die Region. Die Schweiz muss bald handeln", findet er. Dass der Staat das Reglement noch weiter verschärft, ist zu befürchten. Nach wie vor kontrollieren sie dort die deutschen Handwerker intensiv, berichtet Zeiger-Heizmann.

Erfahrene Betriebe trauen sich

Durch die bestehenden Zugangshemmnisse leisten ohnehin vorwiegend solche Betriebe Handwerksarbeiten in der Schweiz, die dies bereits seit vielen Jahren machen. Gerade kleinere Betriebe, die keine Erfahrung damit haben, lassen es meist bleiben. Das System ist mittlerweile durchaus kompliziert. "Die Beratungszahlen im Hinblick auf das Arbeiten in der Schweiz sind immer noch hoch. Daran hat sich nichts geändert", versichert Zeiger-Heizmann.

"Was letztes Jahr passiert ist, hat sich für uns nicht als "Schock" herausgestellt", meint sie. Einige Betriebe hätten davon profitieren können, für andere habe sich nichts oder kaum etwas verändert. Darüber hinaus ist sie sich sicher: "Es ist ein interessanter Markt für deutsche Handwerker – mit eigenen Spielregeln."