Weltweit nachgefragt Foodtrucks aus Holz: Hier ist die Wagnerei noch quicklebendig

Das Wagnern war einst ein angesehener Beruf. Doch inzwischen ist das Handwerk nahezu ausgestorben. Trotz dieser Entwicklung ist es Denny Pistner gelungen, die Tradition des Wagenradbaus zu bewahren und an die heutige Zeit anzupassen. In seiner Werkstatt im Odenwald dreht sich bis heute noch alles um Holzräder.

Die Wagnerei GmbH
Tim Thomasberger vermisst die einzelnen Felgenteile, bevor sie auf die abgerundeten Speichen gesteckt werden. - © Sebastian Strauß

Es ist kalt und neblig an diesem Freitagmorgen. Unter einer dünnen Schneedecke verborgen, glitzern die Dächer und Wiesen des kleinen Dorfes im gelblichen Licht der Laternen. Nur die Straßen wurden bereits vom Schnee der vergangenen Tage geräumt. Hier im südhessischen Odenwald, in einer kleinen Senke unweit der Hauptstraße befindet sich die Werkstatt von Denny Pistner. Ein gepflasterter Weg führt von der Straße hinunter in den Hinterhof der Wagnerei GmbH. Aus dem Schornstein der grauen Halle steigt dunkler Rauch in den Morgenhimmel auf. Während in den Fenstern der umliegenden Häuser noch alles dunkel ist, brennt in der Werkstatt bereits Licht. Pistner und sein Mitarbeiter Tim Thomasberger sind wie jeden Morgen schon früh auf den Beinen.

Der Marktwagen von heute

In einem lichtdurchfluteten Nebenraum der Werkstatt steht der Wagen mit der Nummer 185. Stolz präsentieren die beiden Handwerker ihr letztes Projekt: einen vierrädrigen, rot lackierten Verkaufs- und Marktwagen. Von außen ein nostalgischer Anblick, denn der Wagen gleicht einer Kutsche, wie man sie sonst nur aus Western-Filmen kennt. Der Innenraum des Wagens ist hingegen mit einer modernen Küche und einigen luxuriösen Sonderanfertigungen ausgestattet. "Jeder Wagen ist ein Unikat und wird speziell nach den Vorstellungen der einzelnen Kunden angefertigt", erklärt Pistner. Dieser knapp drei Meter lange und über eine Tonne schwerer Wagen soll zunächst auf der Hotellerie und Gastronomie Messe (HOGA) in Nürnberg als Exponat ausgestellt werden. "Die Kunden können sich gleich von der Qualität unserer Wagen überzeugen. Jede noch so kleine Schraube wird von uns mit Liebe zum Detail eingebaut", berichtet Pistner stolz.

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Der rot lackierte Verkaufswagen wird zunächst auf der HOGA in Nürnberg als Exponat zu sehen sein. - © Sebastian Strauß

Tradition, Idealismus und Handarbeit

Über 400 Stunden brauchen die beiden Handwerker für einen dieser Wagen. Am Anfang stehe hierbei die Fertigung der Räder, so Pistner. Anders als das Gewerk ist die Holzwerkstatt der Wagnerei in keiner Weise veraltet. Gesäumt von zwei Holzstapeln und einer großen Werkbank, reihen sich in der Mitte der Werkstatt zahlreiche Maschinen für die Holzverarbeitung aneinander. "Unsere Arbeit ist Handarbeit. Die Maschinen unterstützen uns dabei und erleichtern die Prozesse", erklärt Pistner. Auf computergesteuerte Maschinen verzichten die beiden Handwerker dabei gerne. "Zu unserem Handwerk gehört auch viel Idealismus. Da passen automatisierte Maschinen nicht rein", ergänzt Thomasberger.

Das Handwerk des Wagenradbaus, das schon lange kein Ausbildungsberuf mehr ist, sei nahezu ausgestorben, berichtet Pistner. Der gelernte Schlosser- und Feinwerkmechanikermeister gehört zu einer Handvoll Menschen, die in Deutschland noch den Titel "Wagner" tragen dürfen. Zusammen mit Thomasberger, einem Schreiner- und Tischlermeister, vereinen beide die Fähigkeiten, der es für das Wagnerei-Handwerk bedarf. Zwar gehört der Handwerksbetrieb zur Karosserie- und Fahrzeugbauer-Innung, doch dank einer Ausnahmegenehmigung der Handwerkskammer darf Pistner den traditionellen Betrieb als Wagner führen.

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Wagner Denny Pistner steht vor einem fertigen Holzrad im Nebenraum seiner Werkstatt. - © Sebastian Strauß

Regionales Eschenholz

In der Werkstatt arbeitet Thomasberger an den Holzrädern für den nächsten Wagen. Der Schreinermeister hat bereits das Grundgerüst der Räder fertiggestellt. Diese Konstruktion setzt sich aus einer Radnabe und zwölf in die Nabe eingelassenen Speichen zusammen. Er nimmt eines der unfertigen Räder und beginnt es mit einem speziellen Zapfenschneider zu bearbeiten. Helle Holzspäne fliegen durch die Luft und der süßliche Duft von Eschenholz macht sich in der Werkstatt breit. Speiche um Speiche rundet der Schreinermeister die Enden der vierkantigen Hölzer zu sogenannten Speichenzapfen ab. "Alle Holzbestandteile unserer Räder sind aus Esche", erklärt Pistner. Das astfreie Holz stamme aus dem heimischen Odenwald und werde bis zu sieben Jahre lang luftgetrocknet. "Das Holz eignet sich perfekt für Wagenräder, weil es so elastisch und biegsam ist."

Das Geheimnis des Wagenradbaus

Inzwischen sind alle Speichen abgerundet. Thomasberger legt das Grundgerüst auf einen Arbeitsbock. Nun ist Pistner an der Reihe. Während der Wagner die Felgenteile auf die abgerundeten Speichenzapfen steckt, erinnert er sich an seine Anfänge in der Wagnerei: "Der Radbau war damals ein gut gehütetes Geheimnis, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde und immer Chefsache war." 2006 kam der heute 38-Jährige als Schlosser in die Wagnerei nach Langen-Brombach. Nach dem Tod des früheren Inhabers Achim Brohm übernahm Pistner im vergangenen Sommer die Werkstatt und ist inzwischen selbst Wagner. "Wir hatten keine Aufzeichnungen und Pläne für den Radbau und mussten viel ausprobieren", erinnert sich Pistner. Doch trotz anfänglicher Schwierigkeiten gelang es ihnen, die Räder in ihrer bekannten Qualität herzustellen.

Bis heute existieren in der Wagnerei keine Baupläne für die Wagen und Räder. "Wir arbeiten ausschließlich mit Bildern, Schablonen und ein paar Notizbüchern. Jedes neue Projekt ist ein Unikat und eine neue Herausforderung", erklärt Thomasberger. Eines der gelben Notizbücher liegt aufgeschlagen auf der Werkbank. Tatsächlich beinhaltet es nur wenige Skizzen und Maßangaben. "Was wir machen, ist von Grund auf Handwerk und das wollen wir bewahren", so Pistner.

Kunden auf der ganzen Welt

Draußen hat sich die Sonne mittlerweile den Weg durch den Nebel gebahnt und scheint durch die großen Fenster in die Halle. In der Werkstatt will das letzte Teil der Felgen nicht auf die Speichenzapfen passen. Der Schreinermeister nimmt seinen Meterstab und zieht geschickt einen Bleistiftstrich. Ein paar Holzspäne später passt das sechste Teil der Felge wie angegossen. "Unsere Stärke liegt darin, dass wir ein aussterbendes Handwerk an die heutige Zeit angepasst haben", sagt Pistner selbstsicher. Diese Anpassungsfähigkeit würden auch die Kunden schätzen. Die Wagnerei habe in den letzten Jahren viele Kunden auf der ganzen Welt gewinnen können. Neben Österreich, Italien und der Schweiz wurden auch Wagen nach China und Israel geliefert. "Solange es umsetzbar ist, können wir alle Kundenwünsche erfüllen", ergänzt Pistner.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.