Wirtschaftspräsidenten beziehen Position Flüchtlingskrise: Was die Wirtschaft jetzt braucht

Humanitäre Hilfe, faire und zügige Asylverfahren, aber auch Solidarität der EU-Länder fordern die Präsidenten der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft in einer gemeinsamen Stellungnahme angesichts der Flüchtlingskrise. Selbst dann, so ihre Prognose, stehen Deutschland und seine Unternehmen noch vor immensen Herausforderungen.

Zehntausende fliehen nach Deutschland. Um sie schnellstmöglich zu integrieren, braucht es zu allererst Sprachförderung. - © Sven Hoppe/Picture Alliance

“Flüchtlinge haben das Recht auf ein faires, zügiges Asylverfahren und eine in jeder Hinsicht menschenwürdige Behandlung in Deutschland. Jeder Form von Hass, Beleidigung oder Gewalt gegen Asylsuchende tritt die deutsche Wirtschaft entschieden entgegen“, schreiben die Präsidenten der vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, Hans Peter Wollseifer (Zentralverband des Deutschen Handwerks), Ingo Kramer (Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände), Ulrich Grill (Bundesverband der deutschen Industrie) sowie Eric Schweitzer (Deutscher Industrie- und Handelskammertag).

In ihrer aktuellen Stellungnahme betonen die Wirtschaftsköpfe, wie wichtig die Solidarität der EU-Staaten untereinander ist: “Innerhalb der Europäischen Union müssen die Lasten der Aufnahme und Integration von Asylsuchenden deshalb schnell fairer verteilt werden.“ Gleichzeitig solle die gesamte Europäische Union die Fluchtursachen stärker bekämpfen. Die befristete Wiedereinführung von Grenzkontrollen sei angesichts des akuten Flüchtlingsstroms richtig.

Chancen in der Krise

In der Krise erkennen die Präsidenten auch eine klare Chance. Das Zusammenwirken von staatlichen Entscheidungsträgern, guter Verwaltung, tatkräftigen Betrieben und dem tausendfachen ehrenamtlichen Engagement stellten die Stärken einer freiheitlichen Gesellschaft und der Sozialen Marktwirtschaft heraus.

Unternehmen, Kammern und Verbände trügen schon jetzt stark zur Integration von Flüchtlingen bei, betonen die Autoren des Positionspapiers. Eine zentrale Herausforderung hier sei aber die Qualifikation, nicht nur in fachlicher, sondern vor allem in sprachlicher Hinsicht. “Viele Flüchtlinge sind kaum oder gar nicht qualifiziert, etliche waren bisher sogar ohne Chance auf Schulbildung. Selbst gut bis exzellent qualifizierte Flüchtlinge haben in der Regel keine deutschen Sprachkenntnisse. Zugleich ist die Einordnung der Abschlüsse und Kompetenzen von Flüchtlingen oftmals schwierig“, zählen die Autoren auf.

Forderungen für eine schnelle Integration

Um die Menschen so schnell wie möglich zu integrieren, sei es unerlässlich, dass anerkannte Verfolgte so schnell wie möglich eine Schule besuchen oder eine Ausbildung machen könnten und in Beschäftigung kämen. Dies sei der beste Weg zur dauerhaften Integration und beende außerdem den Bezug von Sozialleistungen. Dazu seien folgende Punkte notwendig:

  • Kitas, Schulen, Berufsschulen und Bildungszentren müssen mit den nötigen Ressourcen, Erziehern und Lehrkräften ausgestattet werden, um Kinder und Jugendliche so schnell wie möglich zu integrieren und ihnen die deutsche Sprache zu vermitteln.
  • Gerade kleine Unternehmen dürften sich in ihrem Engagement nicht alleingelassen fühlen. Sie brauchten umfassende Unterstützungsangebote.
  • Wichtig sei auch der Zugang der anerkannten Flüchtlinge zu Förderinstrumenten der Arbeitsagenturen und Jobcenter. Dies gelte insbesondere für Förderleistungen der Berufsausbildung, wie zum Beispiel die assistierte Ausbildung und ausbildungsbegleitende Hilfen, um den Abschluss der Berufsausbildung gezielt zu unterstützen.
  • Erleicherungen beim Einstieg in Ausbildung und Arbeit.
  • Eine bundesweit gültige Planungssicherheit für die gesamte Dauer der Ausbildung und eine Anschlussperspektive für Betriebe, die anerkannte Flüchtlinge ausbilden.
  • Die noch immer zu restriktiven Regelungen bei der Vorrangprüfung durch die Bundesagentur für Arbeit müssten auf den Prüfstand.
  • Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln stärker berücksichtigen.
  • Für gut qualifizierte Flüchtlinge, die die Voraussetzungen für einen Aufenthaltstitel zur Aufnahme einer qualifizierten Beschäftigung in Deutschland erfüllen, sollte der direkte Zugang zu einem Aufenthaltstitel der Fachkräftezuwanderung ermöglicht werden.

 Jenseits von Asylverfahren müssten die regulären Zuwanderungsmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte im Ausland bekannter gemacht und gezielt weiterentwickelt werden, regen die Autoren an. So könnten Fachkräfte auch aus sicheren Herkunftsstaaten im Einzelfall eine Perspektive in Deutschland haben. dhz