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Neue Leitsätze für vegetarische und vegane Lebensmittel Fleischersatz darf nicht wie das Original heißen

Ist ein veganes Schnitzel wirklich ein Schnitzel und darf der Bierschinken aus Erbsenprotein "Bierschinken" heißen? Nach jahrelangen Streitigkeiten gibt es nun neue Leitsätze für "vegetarische und vegane Lebensmittel". Sie sollen Klarheit bei den Produktbezeichnungen schaffen. Für den Deutschen Fleischer-Verband steht fest, dass es Fleischersatzprodukte künftig schwerer haben könnten.

Im Zentrum der Debatte steht die Verwechslungsgefahr oder nennen wir es die Befürchtung, dass eine Irreführung für Verbraucher entsteht. Es geht um die zahlreichen vegetarischen und veganen Fleischersatzprodukte, die es im Handel gibt, seitdem vor ein paar Jahren der große Boom rund um die fleischlose Ernährung begann: Sie sehen den Originalen aus tierischen Zutaten oft täuschend ähnlich, kommen in Konsistenz und Geschmack nicht selten nahe an sie heran und so haben sich auch einige Hersteller nicht davor gescheut, sie wie die Originale zu benennen – ob vegane Fleischwurst oder vegetarisches Schnitzel. Der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) fordert schon seit einiger Zeit, dass es eine Klarstellung im Gesetz bedarf, wann, welche Bezeichnungen für die Ersatzprodukte verwendet werden dürfen.

Auch wenn die Nachfrage nach den Veggie-Produkten schon wieder im Abklingen – laut den Konsumforschern der GfK-Gruppe sogar rückläufig – ist, hat  die zuständige Deutsche Lebensmittelbuchkommission (DLMBK) nun neue Leitsätze für "vegetarische und vegane Lebensmittel" vorgelegt, die genau diese Klarheit schaffen sollen. Die DLMBK bestimmt, welche Zutaten und welche Bezeichnungen für Lebensmittel in Deutschland zulässig sind. Der DFV wertet die neuen Bestimmungen als positiv, denn Hersteller von Fleischersatzprodukten sollen die Bezeichnungen von traditionellen Fleischerzeugnissen künftig nur unter engen Voraussetzungen verwenden können.

Die wichtigsten Änderungen für die Bezeichnung von Fleischersatzprodukten

Das sehen die neuen Leitsätze der DLMBK vor:

  • Bezeichnungen für spezifische Wurstwaren wie Schinkenwurst, Bierschinken oder ähnliches dürfen nicht für Fleischersatzprodukte verwendet werden. Allenfalls können die Produkte in der "… Art einer …" oder "… mit …-geschmack" bezeichnet werden. Dies gilt allerdings nur dann, wenn diese dem Produktcharakter der imitierten Wurstware sensorisch, also in Aussehen, Geruch, Geschmack, Konsistenz und Mundgefühl hinreichend ähnlich sind.
  • Ebenso dürfen Anlehnungen an Bezeichnungen wie Schnitzel, Gulasch, Geschnetzeltes oder Frikadellen oder an Kategorien von Wurstwaren wie Brat- oder Streichwurst nur dann erfolgen, wenn die Ersatzprodukte in den sensorischen Eigenschaften eine hinreichende Ähnlichkeit aufweisen.
  • Bei der Produktbezeichnung muss künftig stets "vegetarisch" oder "vegan" sowie die ersetzende Zutat, zum Beispiel "... mit Erbsenprotein" angegeben werden. Die Verwendung von Bezeichnungen spezifischer Fleischteilstücke wie zum Beispiel "Rinderfilet" ist faktisch nicht mehr möglich.
Quelle: DFV

Darf es vegane Schnitzel und vegetarische Salami geben?

Enttäuscht ist dagegen die Seite derjenigen, die sich für die Ersatzprodukte stark machen, der ehemalige Vegetarierbund Vebu, der heute ProVeg heißt. Mit ihm streiten sich die Fleischer schon seit Jahren darüber, ob es überhaupt nötig ist, Regeln für die Bezeichnung der veganen und vegetarischen Fleisch- und Wurstimitate festzulegen. So sieht Felix Domke von ProVeg überhaupt keinen Bedarf dafür, prägend in die Produktaufmachung veganer und vegetarischer Fleischalternativen einzugreifen. Er erwähnt eine Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, die gezeigt hätte, dass die Konsumenten von der aktuellen Kennzeichnungspraxis nicht in die Irre geführt werden. Die Studie zeige, dass nur vier Prozent der Befragten jemals versehentlich statt eines tierischen oder fleischhaltigen Lebensmittels ein vegetarisches oder veganes Produkt gekauft haben – oder umgekehrt. Laut ProVeg werde die vegetarische oder vegane Eigenschaft in aller Regel deutlich auf den Verpackungen kommuniziert und niemand ein "veganes Schnitzel" für ein fleischhaltiges Lebensmittel hält.

Gleichzeitig verteidigt Domke, der in der Politik-Abteilung von ProVeg arbeitet, die Nutzung der Namen der Original-Produkte mit tierischen Zutaten: "Sie sind wichtig, um der Verbraucherschaft Informationen über Geschmack, Textur, Aussehen und Verwendung der Fleischalternativen zu vermitteln". Die Hersteller würden außerdem im Sinne der Käufer selbst Wert darauf legen, die Produkte als Alternativen ausreichend zu kennzeichnen – schließlich sollen die Käufer sie auch finden.

"Bratstück" statt "veganes Schnitzel": Verbraucher brauchen Erklärungen

Dass die vegetarischen und veganen Ersatzprodukte in Aussehen, Verwendungsmöglichkeit und Bezeichnung den tierischen Produkten oft sehr ähnlich sind, ist nach Angaben von ProVeg sogar das Ziel. "Alternativprodukte bieten die Chance, Ernährungsgewohnheiten beizubehalten und gleichzeitig die Vorteile pflanzlicher Produkte zu nutzen", hieß es bereits vor Jahren in einer Stellungnahme zum Thema. Mit Bezeichnungen wie "Bratstück" die einst der DFV vorgeschlagen hatteoder Ähnlichem müssten die Produzenten der fleischlosen Produkte zusätzliche Erklärungen bereitstellen. Wer das Wort "Schnitzel" liest, weiß dagegen meist sofort, was er erwarten kann in Bezug auf Form, Aussehen und Konsistenz, er weiß, wie er ein Schnitzel zubereiten kann und dass es keine Süßspeise, sondern eine deftige Mahlzeit darstellt. Die neuen Leitsätze kritisiert ProVeg, da die Bezeichnungen komplizierter und unverständlicher würden.

Außerdem weist Felix Domke darauf hin, dass der genaue Inhalt der Leitsätze noch weitestgehend unbekannt sei und die DLMBK keine ausreichende Beteiligung der Zivilgesellschaft erlaube. "Unsere Kommentierung bezieht sich auf frühere Entwurfsstadien, im Vergleich zu denen sich aber mit großer Wahrscheinlichkeit nichts Entscheidendes geändert hat", sagt er. Die Kategorisierung der Produkte und die daraus resultierenden Vorschriften für die Benennung seien willkürlich Als Beispiel nennt er die Bezeichnung "vegane Wurst", die künftig voraussichtlich weiterhin erlaubt sei, "vegane Salami" müsste in Zukunft aber wohl "vegane Tofu-Wurst nach Art einer Salami" heißen. "Wo aber liegt der Unterschied, gerade für die Verbraucherschaft?", fragt der ProVeg-Mitarbeiter.

Der Fleischer-Verband ist jedoch anderer Ansicht und bemängelt schon seit langem, dass ProVeg verkenne, dass Wurst, Schinken und Schnitzel auch wegen der charakteristischen Inhaltsstoffe beliebt sind. So hat der DFV schon vor über zwei Jahren gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband einen Antrag beim DLMBK gestellt, der klären soll, welche Produkte mit den Namen der bekannten Originale aus tierischen Zutaten bezeichnet werden dürfen. Der eigens dafür eingerichtete Fachausschuss hat seine Arbeiten nun abgeschlossen. Allerdings werden die neuen Leitsätze nun erst einmal in den zuständigen Bundesministerien rechtlich und fachlich geprüft. Zuständig ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das sich mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einigen muss, bevor die Leitsätze veröffentlicht werden. Ein Termin dafür steht noch nicht fest.

Vorgetäuschte Wurstoptik?

Der DFV zweifelt allerdings nicht nur an der Zulässigkeit der Bezeichnungen der Fleischersatzprodukte, sondern auch am gesundheitlichen Nutzen. So meldet der Verband mit Bezug auf eine Untersuchung der Zeitschrift ÖKO-Test, die bemängelt hat, dass in den Produkten sehr viele Zusatzstoffe enthalten sind. Das sei nötig, um Wasser und Pflanzeneiweiß in eine schnittfeste Masse zu verwandeln und eine "Wurstoptik" vorzutäuschen, so der DFV.

Anders als die DLMBK sieht die EU bislang keinen Handlungsbedarf bei der  Namensgebung der Fleischimitate, die sich nahe an der der Originale aus tierischen Zutaten orientiert. So hat die EU-Kommission im vergangenen Jahr offiziell bestätigt, dass die geltenden Bestimmungen als Rechtsgrundlage ausreichen würden, um die Verbraucher vor Irreführung zu schützen. Als Grundlage gelt hier die Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, wonach das Aussehen, die Bezeichnung oder die bildliche Darstellung eines Lebensmittels nicht suggerieren dürfen, dass es eine Zutat enthält, die gar nicht enthalten ist. Zudem müsse in unmittelbarer Nähe des Produktnamens die Bezeichnung der ersetzenden Zutat(en) ausgewiesen sein. Die EU-Kommission sieht bei den veganen und vegetarischen Ersatzprodukten durch die Angaben auf den Verpackungen, die meist die Zusätze "vegan" oder "vegetarisch" enthalten keine Verbrauchertäuschung.

Umso mehr freut sich der Fleischer-Verband, dass sich nun auf nationaler Ebene etwas tut. Teilte DFV-Vizepräsident Konrad Ammon im vergangenen Jahr noch mit: "Wer auf eine Verpackung draufschreibt, was nicht drin ist, macht sich der Verbrauchertäuschung verdächtig." So spricht er jetzt von einem „guten Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen der Lebensmittelwirtschaft.“ Denn ein veganes Schnitzel sei nun mal kein Schnitzel und vegetarische Wurst keine Wurst. Es mangle an Geschmack, Geruch und Konsistenz bzw. seien diese einfach anders. Kern der Kritik des DFV ist die nicht erfüllte Verbrauchererwartung. So viele Fleischersatzprodukte wie derzeit im Handel zu finden sind, könnte es eben zu Verwechslungen kommen.

"Nur Form und Aufmachung des Originals zu imitieren, genügt nicht"

Der DFV empfindet es zudem als ungerecht, dass bei Fleischersatzprodukten mit zweierlei Maß gemessen werde. "Es geht darum, dass an diejenigen, die Produkte verkaufen, die Fleisch enthalten, sehr viele Vorgaben erfüllen müssen", sagt Gero Jentzsch, Sprecher des DFV. Die vielen Vorgaben findet Jentzsch in Ordnung, nur nicht, dass sie bei denjenigen wegfallen, die ein Schnitzel verkaufen, das statt Fleisch teilweise künstliche Ersatzstoffe enthalten. "Für Kochschinken zum Beispiel gibt es eine lange Liste an Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bis man ihn so nennen und unter dem Namen verkaufen darf. Für veganen Kochschinken gilt das nicht", kritisiert der DFV-Sprecher.

Als gesetzliche Grundlage dient in der Problematik die Lebensmittelinformations-Verordnung, die klar vorschreibt, dass Verbraucher, das von einem Produkt erwarten dürfen, was auf der Verpackung steht. "Alleine die Nachahmung der Form kann nicht ausreichen, um die entsprechenden Verkehrsbezeichnungen zu verwenden", so Jentzsch. Lediglich die Aufmachung oder die Form des "Originals" zu imitieren, ist nach Ansicht des Verbandes irreführend. Besser wären demnach für die fleischlosen Erzeugnisse neutrale Begriffe wie "Bratstück". Doch auch mit der jetzigen Fassung der Leitsätze erklärt sich der DFV zufrieden.

EU-Urteil zu Veggie-Produkten

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) urteilte im Jahr 2017, dass Bezeichnungen wie "Tofubutter" oder "Veggie-Käse" für rein pflanzliche Produkte unzulässig sind. Die traditionellen Namen sollen den Originalen vorbehalten sein und nicht zu einer Verwirrung der Verbraucher führen.

Der EuGH musste entscheiden, ob vegetarische und vegane Milchersatzprodukte mit den bekannten Namen wie "Milch" oder "Käse" bezeichnet und beworben werden dürfen. Und legte fest, dass sie es nicht dürfen. Die Hersteller dieser Alternativprodukte müssen sich künftig andere Namen ausdenken.

Laut EuGH ist die Bezeichnung „Milch“ allein Produkten vorbehalten die aus der "normalen Eutersekretion" von Tieren gewonnen werden und dies gelte auch für die Nutzung der Begriffe "Rahm", "Sahne", "Butter", "Käse" oder "Joghurt". Die Richter in Luxemburg sahen eine Verwechslungsgefahr für die Verbraucher und diese gelte es auszuschließen.

Veganer Fleischer und vegetarischer Metzger

Der DFV ist übrigens kein grundsätzlicher Gegner von Vegetarischem und Veganem, da viele Handwerksmetzger bereits fleischlose Alternativen mit im Programm haben. Immer mehr Metzgereien bieten ihre Produkte auch bei Caterings und im Partyservice an und hier wächst die Konkurrenz mit Anbietern veganer Speisen.

Erfahrungen mit der Problematik der Namensgebung bei den veganen Alternativen zu Schnitzel, Steak und Co. aus dem Handwerk können jedoch auch ganz anders verlaufen. Statt darin eine Konkurrenz zu sehen, hat beispielsweise Metzgermeister Michael Spahn aus Frankfurt am Main ein Geschäftsmodell daraus gemacht und bringt selbst immer neue vegane Produkte auf den Markt. 25 Prozent seiner Gesamtumsatzes erwirtschaftet der Metzger mittlerweile damit.

Doch auch Michael Spahn sah sich dem Vorwurf der Verbrauchertäuschung ausgesetzt, da er die Namen seiner Spezialitäten zu nah an denen der ursprünglich en Produkte mit tierischen Zutaten gewählt hat. Er hat sich einfach eine ganz eigene Schreibweise ausgedacht, um der Problematik zu entgehen. So stehen auf seiner veganen Produktliste heute "Lebberkees" und "Döner-Vleisch". Die gesamte Geschichte von Michael Spahn, der übrigens mittlerweile selbst Veganer geworden ist, können Sie hier nachlesen.>>>

Zum Thema wird der Unterschied zwischen fleischloser und "richtiger" Wurst, zwischen vegetarischer Alternative und den Originalen auch beim "Vegetarischen Metzger" in Berlin Kreuzberg. Mehr über dieses Ladengeschäft inklusive Imbiss, das bewusst darauf setzt genauso auszusehen wie ein Fleischerfachgeschäft und doch keine tierischen Produkte bietet, lesen Sie hier.>>>

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