Durch Schwarzarbeit verlieren Staat und Sozialversicherung zwischen 30 bis 40 Milliarden Euro im Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr sinken die Werte. Wirtschaftsforscher Friedrich Schneider warnt im DHZ-Interview jedoch, dass die diskutierte Abschaffung der Minijobs zu einer massiven Ausweitung der Schattenwirtschaft führen könnte.
Karin Birk

DHZ: Herr Schneider, wie sieht es mit der Schwarzarbeit in Deutschland aus, sind wir dabei, sie auszurotten?
Friedrich Schneider: Nein, ganz sicher nicht. Aber sie nimmt auch dieses Jahr wieder etwas ab. Insgesamt rechnen wir mit einem Rückgang der Schattenwirtschaft um 2,7 Milliarden Euro auf 340 Milliarden Euro. Das ist nicht mehr ganz so viel wie in Jahren 2010 bis 2012, als wir angesichts der sehr guten Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage Rückgänge von rund neun Milliarden Euro prognostizierten. Aber auch dieses Jahr ist die Arbeitsmarktlage relativ robust. Hinzu kommt, dass die Verdienstgrenzen bei Minijobbern steigen und die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung etwas gesunken sind.
DHZ: Wie kommen Sie zu diesen Prognosen, wenn sich die Schattenwirtschaft – wie ihr Name schon sagt – doch im Verborgenen abspielt?
Schneider: Wir haben dazu spezielle Modellrechnungen entwickelt. In sie gehen verschieden Größen wie die Steuerbelastung, die Konjunkturerwartung, aber auch die Geldmenge ein. Für dieses Jahr rechnen wir beispielsweise mit einem Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent und rund 2,75 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt. Hinzu kommen repräsentative Umfragen über die Bereitschaft, schwarz zu arbeiten.
DHZ: Wo steht denn Deutschland im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn?

Schneider: Deutschland liegt ungefähr im Mittelfeld. Deutlich weniger Schattenwirtschaft gibt es in Österreich und der Schweiz. In Südeuropa ist die Schattenwirtschaft mit einem Anteil von fast einem Viertel am offiziellen Bruttoinlandsprodukt deutlich höher als hierzulande.
DHZ: Sie haben die Auswirkungen der Erhöhung der Minijob-Grenzen auf die Schattenwirtschaft beschrieben. In der aktuellen Diskussion über Altersarmut wird immer wieder über die Abschaffung der Minijobs diskutiert. Was hieße das für die Schattenwirtschaft?
Schneider: Würden die rund vier Millionen Minijobs abgeschafft, hätten wir ganz sicher einen gewaltigen Satz nach oben. Man müsste mit einem Anstieg der Schattenwirtschaft um sieben bis neun Milliarden Euro rechnen. Angesichts der höheren Belastung durch Steuern und Abgaben würden die Minijobs eben nur teilweise in Teilzeitarbeitsplätze umgewandelt. Für mich ist die Sache deshalb klar: Finger weg von Minijobs.
DHZ: Wie sieht es mit den Mindestlöhnen aus?
Schneider: Ein Mindestlohn in einer moderaten Höhe von 7,50 bis 8,50 Euro hätte ganz sicher deutlich geringere Auswirkungen auf die Schattenwirtschaft als eine Abschaffung der Minijobs. Bei einem einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro wäre mit einer Zunahme der Schattenwirtschaft um rund 900 Millionen Euro zu rechnen.
DHZ: Mit oder ohne höheren Mindestlohn. Welcher Schaden entsteht einer Volkswirtschaft wie Deutschland durch die Schattenwirtschaft?
Schneider: Schattenwirtschaft schadet nicht nur, sie nutzt auch. Es werden Dinge geschaffen, es wird Geld verdient, das meist gleich wieder ausgegeben wird. Über die Mehrwertsteuer profitiert der Staat sogar in gewisser Weise von dieser Wertschöpfung, die wir auf rund 200 Milliarden Euro beziffern. Andererseits gehen dem Staat auch Steuern verloren. Ingesamt verlieren Staat und Sozialversicherung zwischen 30 bis 40 Milliarden Euro im Jahr.
DHZ: Wie könnte die Politik diesen Schaden reduzieren?
Schneider: Sie müsste entsprechende Anreize schaffen. Sie müsste die Steuern senken oder etwa den Handwerkerbonus weiter ausbauen oder die Minijobgrenze weiter erhöhen. Das alles wären Optionen. Im Wahljahr 2013 ist außer leeren Versprechungen hier allerdings nicht mehr viel zu erwarten.