Meisterstücke -

Schuhmacher Jürgen Ernst fertigt Schuhe für Filme Filmreifes Schuhwerk

Bei Schuhmachermeister Jürgen Ernst geht nichts über gut sitzendes Schuhwerk. Ob als straßentauglicher Herrenschuh oder in Hollywood-Produktionen. Manchmal dürfen die Schuhe aber auch nur Kunst sein.

Jürgen Ernst, Werkstatt
Hat Spaß an der Vielfalt: Schuhmachermeister Jürgen Ernst, hier in seiner Werkstatt in Dreieich, fertigt sowohl kunstvoller Schuhe als auch den straßentauglichen Maßschuh. -
Inglourious Basterds, Diane Kruger, Pumps
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Jürgen Ernst kann nicht anders. Der Schuhmacher aus dem hessischen Dreieich guckt bei den Menschen, die er trifft, auf die Schuhe. Das gibt er gerne zu. Zwar nicht gleich nach dem ersten Blickkontakt, aber ganz sicher im Laufe eines Gesprächs. Ernst macht Maßschuhe und hat natürlich eine Leidenschaft für schöne – und manchmal sogar kunstvolle – Schuhe.

Wer also hochwertige Fußbekleidung sucht, wird bei Jürgen Ernst ganz sicher gut bedient. Denn der Schuhmacher fertigt sowohl den klassischen Herren- wie den Damenschuh als auch das extravagante Pärchen "High Heels" mit aus Perlen besetztem Pythonleder. Was er dagegen an den Füßen der anderen sieht, stimmt ihn manchmanl nachdenklich, denn das, was die Industrie fertigt, könne nicht immer gut in Passform und Verarbeitung sein. Schließlich hat jeder andere Füße.

Kunstvolle Schuhe sorgen für Aufträge beim Film

Filmreifes Schuhwerk
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Neben den Maßschuhen, die Ernst für seine Kunden herstellt – sei es für den Alltag oder eine Hochzeit –, hat der Schuhmacher noch eine Leidenschaft fürs Außergewöhnliche entwickelt. Demnach kann ein Schuh durchaus auch einfach mal nur so etwas wie Kunst sein. Die Tragbarkeit ist dann zweitrangig. Für eine "Audi-A3"-Werbung beispielsweise fertigte er Schuhe, die Tieren nachgebildet waren: ein Zebra, eine Schlange oder ein Vogel. Zum Anziehen oder gar Laufen sind die Paare nicht geeignet.

Dieses Faible fürs Besondere, das ihm unter anderem den hessischen Gestaltungspreis eingebracht hat, verschaffte ihm Mitte der 90er Jahre auch Aufträge beim Film. Auslöser war eine Ausstellung im Museum für moderne Kunst im niederländischen Arnheim. Ernst präsentierte dort ein Paar Lackschuhe. Das Modell gefiel der Werbeagentur Jung von Matt, die besondere Schuhmodelle für besagte Audi-Werbung brauchte. Diese Anzeigen wiederum fielen einer Kostümbildnerin ins Auge, die Filmproduktionen ausstattete. Und so landete Ernst schließlich beim Film. Erstes Filmmodell wurde 1997 ein Paar roter Cowboystiefel für Jürgen Vogel in "Emil und die Detektive".

Es folgten Schuhe für Charlize Theron in "Aeon Flux" und Sir Peter Ustinov in "Luther". Höhepunkt waren dann sicherlich die Pumps aus Schlangen- und Veloursleder für Diane Kruger in der Tarantino-Produktion "Inglourious Basterds".

Für die Schuhe der Stars bleibt nicht so viel Zeit

Jürgen Ernst, Leisten, Werkstatt
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Wirtschaftlich ist die Anfertigung von Filmschuhen eher uninteressant, wie Ernst zugibt. Denn auch die Filmstudios rechnen trotz Millionenbudgets im zwei- bis dreistelligen Bereich schließlich mit spitzer Feder. Zuweilen muss die Arbeit auch von heute auf morgen fertig sein. "Im Filmbusiness ticken die Uhren eben anders", sagt Jürgen Ernst. Während sich die Arbeit für deutsche Produktionen wegen der guten Planung recht gut organisieren lasse, stehen in Hollywood manchmal die Besetzungslisten erst kurz vor Drehbeginn fest.

Die Schuhe für die Stars müssen jedoch schon mal innerhalb einer Woche fertig sein, während die Fertigungszeit für ein normales paar Maßschuhe zehn bis zwölf Wochen dauere.
Doch die Arbeit selbst ist natürlich interessant, wenn er fürs Maßnehmen die Schauspieler in den Studios trifft. Nicht zuletzt spiele auch der Imagefaktor eine Rolle: Für Filme gefertigte Schuhe sind nun einmal gut fürs Renommee.

Zuschnitt, Leder, Hände, Jürgen Ernst
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Angefangen hat Jürgen Ernst sein Handwerk in einem nicht ganz so kreativen Segment. Der 51-Jährige hat in Berlin ursprünglich Orthopädie-Schuhmacher gelernt. Ästhetik habe damals keine Rolle gespielt. Doch die Kunstszene im Berlin der 80er Jahre inspirierte den in Freiburg aufgewachsenen Handwerker, kreativ zu arbeiten und bei der Schuhmacherei zu experimentieren. 1989 absolvierte er seine Meisterprüfung. Seither arbeitet er auch gestalterisch. Der Liebe wegen zog er 2008 von Berlin nach Dreieich. In der Hauptstadt besitzt er aber immer noch eine Filiale.

Ohne Stammkunden geht nichts

Auch wenn die kreative Szene in dem kleinen zwischen Frankfurt und Darmstadt gelegenen Ort nicht so groß ist, sieht er dort hohes Kundenpotenzial. Einen Trend zur Wertschätzung gegenüber den qualitativ hochwertigen Dingen wie in anderen Branchen, spürt auch Jürgen Ernst. Ohne Stammkunden gehe es allerdings nicht. Schuhe allein um der Kunst willen helfen zwar, den einen oder anderen Preis zu gewinnen, doch für den langfristigen geschäftlichen Erfolg müssten die Modelle zeitlos und typgerecht sein. "Ein Schuhmacher muss den Stil der Person treffen", sagt Ernst.

Jürgen Ernst, Stiefelette Beat
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Deswegen geht der Fertigung des Schuhs auch ein ausführliches Gespräch voraus. Der Schuhtyp und die Art der Nutzung werden festgelegt. In welche Richtung soll die Gestaltung gehen? Welches Material bevorzugt der Kunde?

Man müsse ein gewisses Fingerspitzengefühl für die Leute entwickeln. Nicht jeder Schuhtyp passt für jeden. Jeder Mensch hat andere Füße. "Ich möchte keine Erwartungshaltung wecken, die ich nicht erfüllen kann", sagt Ernst. Der Schuhmachermeister fertigt deshalb auch einen Probeschuh, um Optik und Passform vor der endgültigen Fertigstellung abzugleichen. Auch wenn der Kunde das Material dann eventuell wechseln will und an der Passform nachgearbeitet werden muss, kann Jürgen Ernst am Ende wenigstens zufrieden auf ein gutes Paar Maßschuhe schauen.

derherrderschuhe.de

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