TV-Kritik: ARD – "Live nach neun" über Friseure in der Pandemie Fehlende Umsätze, Schwarzarbeit: Die Probleme der Friseure im Lockdown

Geschlossene Salons, Kunden mit zotteliger Mähne: Es ist wieder Lockdown, und wieder sind die Friseure zu. In der Branche wächst der Unmut über die lange Schließungsdauer, wie das ARD-Magazin „Live nach neun“ im Gespräch mit einer Friseurmeisterin feststellte. Auch heimliche Haarschnitte bei den Kunden zu Hause sind ein Thema.

Markus Riedl

Friseursalons mussten trotz der Hygienekonzepte erneut schließen. – © daniharofotografo – stock.adobe.com

„Man würde mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht mehr passieren.“ Dieses Zitat stammt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, er sprach die Worte Anfang September 2020 in Bottrop, um eine erzürnte Schar von Demonstranten zu beruhigen. Für die breite Masse war die Ansprache damals nicht gedacht, doch weil sie per Handy gefilmt wurde, schaffte es die Aussage in die Medien – und offenbar verließ sich so mancher Friseur durchaus darauf. „Man tätigt so eine Aussage nicht einfach so ohne Hintergedanken“, sagt Elisabeth Würz etwa gut vier Monate später im ARD-Magazin „Live nach neun“. „Wir haben uns da wirklich in Sicherheit gewogen und haben gedacht, das kann uns nicht mehr wieder passieren.“ Wie falsch diese Annahme war, erfahren viele Friseure derzeit schmerzlich. Seit 16. Dezember 2020 sind die Salons dicht, und noch mindestens bis 31. Januar 2021.

Die Corona-Haare: Nur teilweise lustig

Dass die Friseure wieder schließen mussten, gehört nach der Spahn-Aussage zu den bizarrsten Wortbrüchen der Politik in der Corona-Pandemie. Bis zuletzt sollte der „Lockdown light“ helfen, doch als die Zahlen trotzdem weiter stiegen, waren auch die Friseure bei den Schließungen an der Reihe – allen Beteuerungen zum Trotz. Seitdem sprießen die Haare wieder ungezügelt und ohne entsprechenden Schnitt – die Corona-Frisuren aus dem Frühjahr, als schon mal zwei Monate lang kein Friseur zur Schere gegriffen hatte, sind vielen noch in teils lustiger, teils aber auch nerviger Erinnerung. Passanten auf der Straße, die „Live nach neun“ zu der Thematik befragte, reagierten mit Galgenhumor. „Ich probiere was Neues aus, vielleicht Dreadlocks“, sagte ein junger Mann lachend. Eine Frau beklagte sich darüber, dass „der Ansatz“ langsam sehr rauskomme. Und ein Dritter bezeichnete seine Haarschneidemaschine als seinen „eigenen Friseur“. Da konnte man durchaus schmunzeln.

Friseure können kein Homeoffice machen

Doch dieser eher launige Part des Themas nahm richtigerweise nur einen kleinen Teil der Sendezeit ein. Denn die wirtschaftlichen Probleme, vor denen so mancher Friseur nun steht, sind äußerst groß, wie Meisterin Würz im Interview berichtete. Das Geld reiche hinten und vorne nicht. Die Entscheidung, den Lockdown bis 31. Januar zu verlängern, sei deshalb „ein herber Rückschlag“, sagte sie. Zumal die Branche acht Monate lang bewiesen habe, dass die Hygienekonzepte funktionierten. Eine Alternative zum Besuch im Salon gebe es ebenfalls nicht. „Wir können kein Homeoffice machen“, sagte Würz fast schon ein wenig sarkastisch und ging damit ungewollt auch auf die reichlich absurde Debatte um eine Homeoffice-Pflicht ein, die derzeit geführt wird – wobei die Pflicht natürlich primär von Menschen befürwortet wird, die in Büros und nicht direkt am Kunden, draußen oder im Handwerk tätig sind.

Die Lage ist also maximal mies – und sie veranlasst den einen oder anderen, den Kunden privat die Haare zu schneiden, ob im Wohnzimmer oder ganz konspirativ sogar im Keller. Dreistellige Summen würden einzelne Kunden aufrufen, um den Friseur zu sich ins Haus zu locken. Obendrein sei einfach auch die Zeit da, das Geld indes nicht, und die Versuchung groß. Deshalb sei „schon sehr viel draußen los“, so Würz, was sie aber nicht nur ungerecht finde, sondern auch einfach verboten sei.

Differenziertes Meinungsbild in einer Umfrage

Wie so oft bei den öffentlich-rechtlichen Sendern klemmte sich auch eine weitere Rundfunkanstalt hinter die Friseurin aus Neumarkt in der Oberpfalz, und machte eine eigene Geschichte zu dem Thema. Der Bayerische Rundfunk machte für seine Radiosender einen Beitrag zum Thema „Friseure im Lockdown: Schwarzarbeit im Keller?“, in dem Würz ebenfalls vorkam. Die Hygienestandards könnten bei Schnitten im heimischen Wohnzimmer nicht eingehalten werden, warnte der Sprecher, und dennoch gebe es die Fälle, in denen „schwarz“ geschnitten werde. Eine Straßenumfrage sollte belegen, dass es „in der Bevölkerung“ dafür nur „wenig Verständnis“ gebe. Ganz davon abgesehen, dass die fünf Befragten eigentlich nicht als „Bevölkerung“ durchgehen können, waren die dann getätigten Aussagen der Menschen durchaus differenziert. Es liege in der Natur der Sache, dass sich anderswo Neues auftäte, wenn irgendwo was wegbreche, sagte einer. Das Vorgehen mancher Friseure sei „irgendwie verständlich, aber nicht richtig“, ein zweiter, der gleichzeitig anregte, bei Einhaltung der Hygienevorschriften eine Ausnahme für Friseure zu machen, „damit die Leute wieder etwas manierlicher ausschauen“. Eine Befragte fand, es müsse dann schon bei allen gleich durchgezogen werden, während eine weitere „von Kellergeschäften noch nichts gehört“, hatte.

Die Kammer sagt: Alle an die Regeln halten

Das dürfte dem differenzierten Meinungsbild schon recht nahe kommen, denn die Friseur-Schließungen sind allenfalls im Sinne einer allgemeinen Gleichbehandlung nachzuvollziehen, da ansonsten keine Daten vorliegen, die eine besondere Ansteckungsgefahr im Friseursalon beweisen würden. Weil es aber eben so ist, wie es ist, kritisiert auch die Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz in dem Beitrag die heimlichen Haarschnitte. Er verstehe das Bedürfnis der Kunden, sagte Geschäftsführer Alexander Stahl, man könne auf Facebook sehen, wie nach Haarschnitten gefragt werde, „aber es geht halt momentan nicht.“ Zum Wohle der Allgemeinheit müssten sich alle an die Regeln halten.

Das böse Wort „Insolvenz“

Das tut auch Elisabeth Würz, und ihr fehlten die Worte, wenn sich Kollegen darüber hinwegsetzten. Dennoch kämpft die Meisterin in allererster Linie dafür, dass die Salons wieder öffnen können. Auf die auch nicht gerade geniale Schluss-Frage des „Live nach neun“-Moderators, was sie sich wünschen würde, muss sie dann auch erst kurz auflachen, weil die Antwort derart auf der Hand liegt. „Na, wieder arbeiten zu dürfen, natürlich mit Hygienemaßnahmen“, sagt sie – um dann noch das böse Wort ins Spiel zu bringen, vor dem nicht nur die Friseure, sondern auch viele Selbstständige in ganz anderen Branchen Angst haben. „Denn dann ginge es wieder weiter und wir können bestimmt einige Insolvenzen verhindern.“ Die zottelig-langen Haare der Deutschen, sie sind also nur auf den ersten Blick amüsant – denn sie versinnbildlichen auch, in welchen Problemen eine ganze Branche aufgrund des Lockdowns steckt.

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