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Deutsch-israelisches Sanierungsprojekt Strand und streichen: Was junge Handwerker in Tel Aviv erlebten

Junge Handwerker aus Deutschland sanieren zusammen mit Israelis ein Haus in Tel Aviv – eines von 4.000 Gebäuden, die als Weiße Stadt zum Unesco-Welterbe gehören. Auf der Baustelle in Israel erfahren die Maler und Lackierer große Wertschätzung und können nach Feierabend die Mittelmeermetropole genießen.

Musik übertönt das Streichen der Bürsten. Acht junge Handwerker aus Deutschland stehen auf einem Gerüst in Tel Aviv und arbeiten Farbe in die Außenwand ein. "Weil es die letzte Fassade ist, machen wir sie mit Musik", sagt Ausbildungsmeisterin Annika Hillegeist. Es sind die finalen Handgriffe für die 26-jährige Maler- und Lackierermeisterin aus Dresden und ihr Team bei der Sanierung des Max-Liebling-Hauses .

15 Stuckateur-Azubis und sieben angehende staatlich geprüfte Farb- und Lacktechniker von Fachschulen in ganz Deutschland haben für das Projekt "open for renovation" zusammen mit Israelis das denkmalgeschützte Haus verputzt und gestrichen. Dieses Förderprojekt der Sto-Stiftung soll junge Menschen aus beiden Ländern zusammenbringen. "Vor dem Hintergrund von zunehmendem Antisemitismus stehen für die Stiftung der Austausch und der Kontakt zwischen Deutschen und Israelis an erster Stelle", sagt Konrad Richter, Stiftungsrat Handwerk der Sto-Stiftung.

Internationaler Stil

Junge Israelis sollen aber auch für das Kulturerbe von Tel Aviv sensibilisiert werden. 4.000 Gebäude ähnlich dem Max-Liebling-Haus stehen für die Weiße Stadt. Sie entstand in den 1930er- und 1940er-Jahren und gehört seit 2003 zum Unesco-Welterbe.

Junge Handwerker auf einer Baustelle in Tel Aviv

Nach ihrer Gründung 1909 wuchs die Stadt am Mittelmeer schnell, insbesondere in den 1930er-Jahren, als sich Juden aus Deutschland dort ansiedelten; unter ihnen viele Architekten, von denen einige am Bauhaus studiert hatten. Um dem großen Bedarf an Wohnraum gerecht zu werden, entstand die Weiße Stadt. Deren Internationaler Stil orientiert sich an Elementen des Bauhauses und nimmt die Ideen der Weimarer Kunstschule auf: funktional und sachlich, den klimatischen Bedingungen angepasst, mit flachem Dach und horizontalen Fensterbändern.

Da viele Häuser der Weißen Stadt in keinem guten Zustand sind, wurden nach dem Erhalt des Welterbe-Titels Denkmalschutzpläne erarbeitet. Etwa die Hälfte der Gebäude steht heute unter Denkmalschutz. "Für Fachkräfte gibt es hier viel zu tun", stellt Maler und Lackierer Maximilian Wolfgruber aus dem baye­rischen Truchtlaching fest. Der 29-Jährige besucht die Städtische Fachschule für Farb- und Lacktechnik in München.

Denn eine handwerkliche Ausbild­ung wie in Deutschland gibt es in Israel nicht. Obwohl das Hebräische deutsche Wörter wie Kratzputz, Waschputz oder Spachtel kennt, "fachlich wird hier längst nicht so gearbeitet, wie wir es in Deutschland lernen. Das ist schade, denn man sieht die Häuser zerfallen", fügt der 22-jährige Raumausstatter Jakob Berner aus dem baden-württembergischen Holzgerlingen hinzu. Er besucht in Stuttgart die Schule für Farbe und Gestaltung, um seinen Abschluss als staatlich geprüfter Gestalter und Malermeister zu machen.

Fachwissen weitergeben

"Die Leute arbeiten nur nach Erfahrung und versuchen, das Bestmögliche zu erreichen", sagt Maximilian Wolfgruber. Deshalb vermittelt das Projekt auch in Schulungen und Workshops handwerkliches Wissen an Einheimische. Das Interesse ist groß und das Fachwissen aus Deutschland begehrt. Der 23-jährige Maler und Lackierer Pirmin Kenk aus Bötzingen – zurzeit an der Badischen Malerfachschule in Lahr – spricht aus, was alle empfinden: "Die Wertschätzung für uns ist hoch."

Gesprochen wird auf der Baustelle Englisch. "Das funktioniert sehr gut", sagt Annika Hillegeist, "im Handwerk kann man ja außerdem viel zeigen." Das Miteinander auf der Baustelle lobt auch Jakob Berner. "Wir können uns gut mit den israelischen Arbeitern unterhalten. Es macht sehr viel Spaß." An die gute Zusammenarbeit erinnern sich ebenso die Stuckateure. Drei Teams zu je fünf Auszubildenden vom Beruflichen Schulzentrum Leonberg sanierten in den Wochen zuvor die Risse in der Fassade.

Das Projekt

Das Projekt "open for renovation" wird koordiniert und durchgeführt von der Geschäftsstelle Weiße Stadt Tel Aviv des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI), die beim Amt für Bundesbau (ABB) in Mainz angesiedelt ist; gefördert und finanziert von der Sto-Stiftung in Essen. Im September wird das sanierte Max-Liebling-Haus als deutsch-israelisches Zentrum für Architektur und Denkmalschutz anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums neu eröffnet.

Die angehenden Stuckateure führten eine Putzertüchtigung durch und trugen den aus Deutschland importierten Feinputz auf die Fassade auf. Unter Anleitung der Deutschen arbeiteten in Spitzenzeiten bis zu acht Israelis auf der Baustelle mit. "Für die Jugendlichen ist das eine Erfahrung, die sie nicht vergessen werden", sagt Stuckateur- und Ausbildungsmeister Jochen Drescher.

Gebürstet, nicht gerollt

900 Quadratmeter Fassade waren dann bereit für die Maler und Lackierer. Die ebenfalls importierte mineralische Farbe wird nicht aufgerollt, sondern mit Bürsten eingearbeitet. "Die Silikatfarbe trocknet nicht nur auf der Oberfläche, sie verkieselt durch eine chemische Reaktion direkt mit dem Untergrund. Das ergibt eine stärkere Haftung", erklärt Annika Hillegeist. Zwei Schichten trägt das Team über die Grundierung auf. Wegen des schwülwarmen Klimas trocknet die Farbe so schnell, dass Erst- und Zweitschicht oft an einem Tag aufgebracht werden können.

Alle Fachschüler im Team sind für das Projekt vom Unterricht freigestellt. "So eine Möglichkeit bekommt man nicht alle Tage. Dann muss man sich halt anstrengen und vor- oder nacharbeiten", sagt der 20-jährige Fabian Walter aus dem hessischen Wehrheim, der als Handwerker schon in Rumänien, Irland und Italien gearbeitet hat. Der Maler und Lackierer besucht die Fachschule für Farbtechnik in Fulda.

Feierabend am Strand

Doch auch in Israel ist Arbeit nicht alles. "Von der Stadt bekommen wir viel mit, eine sehr faszinierende Kultur", berichtet Jakob Berner. Die Arbeitstage ließ das Team am Strand ausklingen. "Die Stadt ist unglaublich. Sie bietet einfach dieses Verhältnis zwischen Arbeit und Entspannung", sagt Annika Hillegeist. Das Mittelmeer ist nur wenige Gehminuten von der Baustelle in der Idelson Street entfernt. "Allein der Eindruck zwischen Arbeit und abends ans Mittelmeer zum Baden zu gehen, ist super", freut sich Maximilian Wolfgruber. Mit einem kleinen Umweg über den Carmel Market konnte sich das Team alles für ein Picknick am Strand frisch einkaufen. "Das Essen hier ist richtig lecker", sagt Fabian Walter.

Nach Abschluss der Fassaden­sanierung erkundeten die jungen Handwerker noch drei Tage das Land. Dazu gehörte ein Abstecher in die Wüste und ans Tote Meer genauso wie der Besuch der Hauptstadt Jerusalem und der Gedenkstätte Yad Vashem. "Ich würde sofort wieder herkommen – für einen Urlaub oder zum Arbeiten", sagt Jakob Berner. Eine gute Gelegenheit dafür wäre im September, wenn das Max-Liebling-Haus neu eröffnet wird.

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