Viele Handwerker registrieren aktuell mehr Bewerber, doch es wäre gefährlich, sich darauf auszuruhen, ist Ralf Suhre, Geschäftsführer der SHK-Innung München, überzeugt. Seine These: Zukunft hat nur, wer Verantwortung übernimmt, moderne Strukturen schafft und junge Menschen ernst nimmt. Wie er das begründet.

Herr Suhre, Handwerker bekommen wieder mehr Bewerbungen, seit Deutschlands Industrie schwächelt und KI Bürojobs bedroht. Ist die Fachkräftefrage noch ein Thema?
Ralf Suhre: Sie ist sogar die entscheidende Zukunftsfrage vieler Betriebe, zumindest im SHK-Handwerk. Die Ausbildungszahlen mögen in manchen Regionen stabil erscheinen. Doch sie reichen nicht aus, um den wachsenden Bedarf zu decken, ausgelöst durch eine alternde Gesellschaft mit steigendem Bedarf an barrierefreien Bädern, die Wärmewende und die damit verbundene Transformation im Heizungskeller. Hinzu kommt der bevorstehende Renteneintritt der Babyboomer.
Das Handwerk im allgemeinen und die SHK-Branche im Besonderen bieten gute Zukunftsperspektiven. Ist das jungen Leuten bewusst?
Aktuell spüren wir zwar einen leichten Aufwärtstrend, es kommen mehr Bewerber, bei denen auch die Passung einigermaßen stimmt. Aber nur darauf zu hoffen, dass jetzt mehr Leute kommen, weil sie müssen, finde ich nicht gut. Energiewende, Digitalisierung und steigende Kundenanforderungen verändern das Tätigkeitsprofil. Der klassische Anlagenmechaniker SHK entwickelt sich zunehmend zum "Systemtechniker für Gebäudetechnik": Wärmepumpen, digitale Steuerungen, Smart-Home-Systeme, komplexe Energiesysteme. Das eröffnet enorme Chancen für junge Menschen – vorausgesetzt, die Branche kommuniziert diese Perspektiven offensiv. Und SHK bedeutet auch nicht nur Geselle und Meister. Es gibt durchaus Möglichkeiten, Studierte reinzubekommen, als Ingenieure oder im kaufmännischen Bereich.
Es geht also vor allem um gut Qualifizierte?
Gesucht werden vor allem Gesellen fürs Tagesgeschäft. Gleichzeitig verfügt ein großer Teil der verfügbaren Arbeitslosen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Das Problem ist weniger ein Mangel an Menschen, sondern ein Mangel an qualifizierten Menschen. Zu oft wird über Fachkräftemangel geklagt, ohne sich ehrlich zu fragen, welche Verantwortung die Branche selbst trägt: Häufig fehlen echte Wertschätzung für Mitarbeiter und eine durchdachte Strategie zur Nachwuchsgewinnung. Viele Betriebe betreiben Recruiting noch immer nach dem Prinzip Hoffnung: Anzeige schalten, warten und sich anschließend über mangelnde Bewerbungen beklagen.
"Viele Betriebe betreiben Recruiting noch immer nach dem Prinzip Hoffnung: Anzeige schalten, warten und sich anschließend über mangelnde Bewerbungen beklagen."
Ralf Suhre
Das klingt nach harter Kritik!
Wenn man mit Gesellen und Azubis spricht, hört man teilweise bittere Dinge. Den Unterschied sehe ich dabei weniger zwischen einzelnen Gewerken als zwischen Betriebstypen: progressiv oder konservativ, klein oder groß, Nische oder breit aufgestellt. Es gibt Betriebe mit gutem Führungssystem und einer Kultur, in der es Spaß macht – die bekommen auch Leute. Bei anderen wird der Markt in den nächsten fünf bis zehn Jahren entscheiden, wer bleibt und wer geht.
Was heißt das für die Betriebe?
Die Hoffnung auf den "perfekten Azubi" entspricht nicht unserer Zeit. Ausbildung ist heute deutlich mehr als reine Wissensvermittlung. Viele Ausbilder müssen Bildungsdefizite ausgleichen, Sprachkompetenzen fördern und junge Menschen sozial begleiten. Sie sind zu Reparaturbetrieben eines Systems geworden, dessen Probleme sie nicht verursacht haben. Wenn aber das Überleben eines Betriebs davon abhängt, neue Fachkräfte zu gewinnen, muss er lernen, mit dieser Realität umzugehen, auch wenn das nicht immer fair erscheint.
Können Handwerksbetriebe das überhaupt leisten?
Ich beobachte, dass viele auf diese Anforderungen schlicht nicht vorbereitet sind. Meister sollen Unternehmer sein, doch viele bleiben trotz Meisterausbildung in erster Linie Techniker. Deshalb müsste die Ausbildereignung den Führungsaspekt stärker abbilden – und die Betriebsgröße mitdenken. Ein Dreimannbetrieb ist etwas anderes als ein 100-Mann-Betrieb. Ich sehe Führung eher systemisch als personenbezogen: gut beobachten, kommunizieren, intervenieren, Entscheidungen treffen.
Aber auch mit diesen Fähigkeiten könnten Handwerker diese gesellschaftliche Herausforderung doch kaum allein stemmen?
Nein, es gibt Unterstützungssysteme wie Sprachförderung, Lernunterstützung oder Mentorenmodelle. Moderne Bildungszentren sichern die Qualität der überbetrieblichen Ausbildung, vermitteln neue Technologien und fördern Netzwerke. Immer wichtiger werden Kooperationen mit Arbeitsagenturen, Schulen oder sozialen Trägern. Doch eines muss klar sein: Diese Strukturen können Betriebe unterstützen, sie können sie nicht ersetzen. Wer Ausbildung ernst nimmt, investiert Zeit, Kommunikation und Struktur.
