Eine neue Engpassanalyse des IW Köln zeigt: Das Handwerk ist vom Fachkräftemangel besonders betroffen. Die Situation wird sich in einigen Bereichen noch deutlich zuspitzen.
Mirabell Schmidt-Lackner

Wer derzeit eine Ausbildung als Kältetechniker macht, braucht keine Sorgen um einen Arbeitsplatz zu haben. Denn Kältetechniker sind extrem gesucht. Auf 100 gemeldete offene Stellen kamen zwischen August 2011 und Juli 2015 durchschnittlich nur 31 gemeldete Arbeitslose. Das ergab eine Studie des IW Köln. Es ist demnach der Beruf mit den größten Fachkräfteengpässen.
Im Juli 2015 waren laut Studie insgesamt 111 Berufe, die eine berufliche Qualifikation voraussetzen, von Fachkräfteengpässen betroffen. 85 davon waren duale Ausbildungsberufe, darunter 19 aus dem Handwerk.
Kaum Abiturienten in dualer Ausbildung
Zwar kann von einem generellen Fachkräfteengpass in Deutschland noch nicht die Rede sein. Doch der Anteil an Engpassberufen nimmt zu. Dass sich die Lage in vielen Bereichen noch verschlechtern wird, zeigt die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Die Zahl unbesetzter Lehrstellen hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Im Jahr 2015 waren es 40.960 – alleine im Handwerk waren Ende September noch rund 20.000 Ausbildungsplätze frei.
Die Gründe dafür sind vielfältig und seit Jahren bekannt: Wegen des demografischen Wandels gibt es i mmer weniger Schulabgänger, zugleich steigt der Anteil an Abiturienten und Studenten. Im Jahr 2012 strebten nur 15 Prozent der Studienberechtigten eine duale Berufsausbildung an. Zum Teil ist das Problem hausgemacht. Jahrelang hatte die OECD die niedrige Akademikerquote in Deutschland kritisiert. Die Politik tat alles, um die Quote zu erhöhen. Erst jetzt, als deutlich wurde, wie gut Deutschland auch aufgrund des dualen Systems durch die Wirtschaftskrise kam, setzte bei der OECD ein Umdenken ein.
SHK-Handwerk und Bauelektriker besonders betroffen
Hinzu kommen Passungsprobleme und das schlechte Image des Handwerks: Die Vorstellungen oder Qualifikationen der Bewerber passen nicht zu den angebotenen Ausbildungsstellen. Fast 21.000 Bewerber blieben 2015 trotz freier Lehrstellen unversorgt. Wo heute die Auszubildenden fehlen, mangelt es künftig an Fachkräften.
Besonders angespannt ist die Lage laut Studie bei den Bauelektrikern und im SHK-Handwerk. Hier mangelt es bereits seit Jahren an Lehrlingen und Fachkräften. Alleine im SHK-Bereich blieben zwischen 2011 und 2014 fast 1.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Lage wird sich in den noch deutlich verschärfen. "Unter den Bauelektrikern sind derzeit 65.000 Handwerker 50 Jahre und älter", gibt Studienautor Sebastian Bußmann zu bedenken. Auch im SHK-Handwerk sei jeder Dritte über 50 Jahre alt. Dort wo es derzeit noch genügend Fachkräfte gibt, wie bei den Bäckern, wird sich der Azubi-Mangel bald ebenfalls auswirken.
Noch ist Zeit zu reagieren, sagt Bußmann. Die Imagekampagnen des Handwerks seien gut und wirksam. "Es ist noch Potenzial vorhanden. Gewisse Zielgruppen wie förderbedürftige Jugendliche und Studienabbrecher müssen mehr in den Fokus rücken", erläutert der Experte.
Dass das Angebot an Arbeitskräften zurückgehen wird – klammert man das mögliche Potenzial von Flüchtlingen aus – ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Das betrifft auch die Nachfolgefrage. Bußmann: "Dass dabei einige Betriebe auf der Strecke bleiben werden, ist wahrscheinlich."