Interview mit Wolf Lotter "Erfüllungsgehilfen einer politischen Bürokratie"

Warum haben Selbstständige in Deutschland einen so schweren Stand? Der Publizist Wolf Lotter schreibt den Deutschen eine besondere Liebe zum Staat zu – und kritisiert, dass Unternehmer in der "Beamtenrepublik" übervorteilt werden.

Steffen Range

Wolf Lotter ist Publizist und Buchautor. - © K Lotter/büro Wolf Lotter 2021

DHZ: Wie geht es den Selbstständigen in Deutschland gerade?

Wolf Lotter: Sie werden zu Außenseitern gemacht. Nicht nur kulturell, sondern auch sozial. Dahinter steckt ein absurder und rückständiger Abwehrkampf gegen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung in der Arbeitswelt, der in der Großen Koalition Programm geworden ist. Man weiß zwar, dass die meisten Berufsbilder in der Wissensgesellschaft mit Selbstständigkeit zu tun haben, ignoriert das aber. Es ist, wenn sie so wollen, das letzte Gefecht der Beamtenrepublik gegen das Eigenständige und Selbstständige.

DHZ: Warum finden sie so wenig Gehör oder Beachtung in dieser Corona-Krise?

Lotter: Selbstständigkeit galt in Deutschland immer als Arbeit zweiter Klasse. In den Niederlanden ist es genau umgekehrt, zum Beispiel. Dort sind Selbstständige und Freiberufler hoch angesehen, weil sie es schaffen, ohne organisatorischen Tropf durchs Leben zu kommen. Und deshalb gibt es dort auch sehr gute, international vorbildliche Gesetze zur selbständigen Wissensarbeit, die in der Digitalisierung wichtig ist. Man darf nicht vergessen, dass die Vorurteile gegen Selbstständige in Deutschland ein Klima der Aggression und Ausgrenzung erzeugt haben. Gegenüber Selbstständigen herrscht in den meisten Organisationen mittlerweile eine Art Fremdenfeindlichkeit. Wir sind die Ausländer, die Anderen, die das Gefüge der Scheinsicherheit in Frage stellen. Das macht vielen unsicheren Leuten Angst. Es ist wie immer: man schürt Vorurteile gegen etwas, was man nicht kennt, um die eigene Bräsigkeit zu schützen. Es herrscht Klassenkampf – drinnen im Sozialstaat, draußen im Sozialstaat.

DHZ: Welchen Anteil hat die Politik daran?

Lotter: Die Politik empfiehlt sich, ganz ähnlich der Mafia, als Schutzgeldbeauftragter für all jener, die Angst vor Selbständigkeit haben. Schauen Sie mal auf die Mitglieder des Bundestags, die Parteimitglieder. Die meisten gehören dem öffentlichen Dienst an, sind Beamte oder Festangestellte älteren Jahrgangs. Alles Leute, die das Neue und Innovative skeptisch sehen. Für die wird Politik gemacht. Der Rest wird ausgegrenzt. Deshalb geht hier schon so lange nix mehr, deshalb haben wir den Anschluss verloren. Die Politik hat eigentlich einen einfachen Job: Ein neues Sozialversicherungssystem zu schaffen, dass den neuen Arbeitsbedingungen entspricht. Davor drückt man sich seit mindestens vier Jahrzehnten.

DHZ: Warum fremdeln in Deutschland so viele Bürger – und auch Vertreter der "Eliten" mit Selbstständigkeit und Unternehmertum?

Lotter: Deutschland hat eine sehr autoritäre Geschichte. Schon im alten Preußen hatte man sich dem Staat unterzuordnen. Man musste sich "eingliedern“. In der Industriegesellschaft ist das zu einer Art neuer Religion geworden. Jede Abweichung, jeder Unterschied macht verdächtig - man "tanzt aus der Reihe“ und dann muss man halt wieder "das, was nicht passt, passend machen". Unternehmer sein, selbstständig Lösungen finden, die auf neue Probleme passen, also innovativ denken, tüfteln, dass ist eigentlich den meisten Leuten zutiefst fremd.Sie machen ihre Routinearbeit – und fertig – "Haben wir immer so gemacht.“ Mit so einer Denke wird ein Unternehmer nicht alt.

DHZ: Würden Sie sagen, dass sich die Lage verschlechtert hat, was also die Wahrnehmung Selbstständiger betrifft?

Lotter: Die Jungen wollen wieder in den Staatsdienst oder wenigstens einen unkündbaren "sicheren“ Job. Startups fangen erst an, wenn die Subvention klar gemacht ist. Wirtschaft braucht aber Erwachsene. Da draußen geht es aber ausgesprochen kindlich zu. Alles Illusionen, die aber wo herkommen: Von mindestens zwei Generationen von Wohlstandsdeutschen, die meinen, dass das, was sie haben, gesetzt ist. Es fehlt an Eifer, Leistungsbereitschaft, Bemühung. Ich meine damit nicht schuften und sich körperlich plagen, sondern anstrengen im Sinne einer Suche nach besseren Lösungen. Wissensarbeit ist Schwerarbeit, das weiß eigentlich jeder, der es schon mal probiert hat. Die Lage der Unternehmer und Selbständigen wird umso schlechter, je mehr die Politik – übrigens meist mit dem Geld der Selbstständigen und Unternehmer – die Komfortzonen der "unselbstständig Erwerbstätigen“ aller Schichten fördert.

DHZ: Wie steht es um die wirtschaftliche Freiheit in Deutschland?

Lotter: Wirtschaftliche Freiheit kann man von persönlicher Freiheit nicht trennen. Selbstständigkeit ist Selbstbestimmung. Es geht sicher nicht darum, dass ein paar Chefs oder Chefin spielen können, sondern über Bildung und Möglichkeiten verfügen, um wirtschaftlich unabhängig zu sein. Ich nenne das "Zivilkapitalismus“, zugespitzt, aber treffend, denn es geht ja darum, dass man seine eigene, persönliche Ökonomie im Griff hat. Das ist weit vom traurigen Istzustand weg. Immer mehr Firmen reagieren nur mehr auf Gesetze und Verordnungen. Sie sind nicht innovativ. Sie investieren nicht mehr, sie reagieren nur noch. Das gilt für Konzerne und Mittelständler, vielfach auch schon für KMU. Das ist der Untergang, denn nun schafft Wirtschaft, schaffen Unternehmen nichts mehr Neues, sondern sind nur noch Erfüllungsgehilfen einer politischen Bürokratie, die jeden Tag ein wenig mächtiger wird. Vor 30 Jahren hätte man dazu Funktionärswirtschaft gesagt, das, was man aus den untergegangenen Systemen des Ostens kannte. Planwirtschaft, an deren Schwanzende noch ein wenig Pseudowirtschaft wackelt.

DHZ: Warum sind Eigenverantwortung und Subsidiarität so in Misskredit geraten?

Lotter: Weil sie der natürliche Feind eines Systems sind, das seine Untertanen, die man Bürgerinnen und Bürger nennt, bewirtschaftet. Wenn man sich allein nicht helfen kann, keine Bedingungen vorfindet, um seine Arbeit in Ruhe machen zu können, dann liegt das an einer Bürokratie, die alles für sich eingespannt hat. Und was passiert dann? Man muss sich an die Bürokratie wenden, um zu überleben. Die 68er haben viel über Selbstbestimmung geredet, aber sie haben sich im langen Marsch durch die Institutionen, also Richtung Eigentumswohnung und hohe Pensionsansprüche, verlaufen. Aus Leuten, die mehr Selbstbestimmung, persönliche Freiräume forderten, sind Funktionäre geworden.Ich erlebe das jeden Tag so. Wenn es um etwas geht, sind die Alt-68er und ihre Epigonen zuverlässig auf der Seite der Fremdbestimmung. Mit Kunden wird mittlerweile wie mit Kindern geredet, man duzt sie ungefragt, das hat nichts mit Nähe zu tun, sondern damit, dass man sie für unmündig hält. Der Philosoph Robert Pfaller hat ein sehr gutes Buch zum Thema geschrieben, in dem er die Rückkehr zur Erwachsenensprache fordert. Ich würde sagen: 1984 ist eine Diktatur mit respektloser Kindergartensprache. Man nimmt die Bürgerinnen und Bürger nicht ernst..

DHZ: Welche Folgen werden die massiven Staatseingriffe haben?

Lotter: Einen kurzen Sommer der Illusion, dass Wohlstand und Komfort aus der staatlichen Steckdose kommen. Kurz darauf wird tiefe Ernüchterung herrschen, eine Insolvenzwelle rollen und die wird schließlich auch die treffen, die heute noch glauben, dass sie im Trockenen sitzen, all jene, die vom Geld anderer Leute leben.

Cover von "Zusammenhänge"

Wolf Lotter ist Essayist, Vortragender und Berater für die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Er ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins "brand eins" und verfasste dort mehr als 20 Jahre die Einleitungen, die Leitessays des Blattes. Sein aktuelles Buch "Zusammenhänge. Wir wir lernen, die Welt wieder zu verstehen“, erschienen im Oktober 2020, ist mittlerweile in der 2 Auflage am Markt und hier erhältlich. Zuvor schrieb er u.a. "nnovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“ (2018) und "Zivilkapitalismus. Wir können auch anders“ (2013) .