Rente mit 63 zieht erfahrene Kräfte ab Erfahrene Mitarbeiter: Charmeoffensive für Ältere

Wer kann, geht früh in den Ruhestand. Das zeigt sich nach einem Jahr "Rente mit 63". Für viele Handwerksunternehmer verschärft sich dadurch der Fachkräftemangel weiter, denn die Suche nach jungem Ersatz ist nicht einfach. Wie sie trotzdem gegensteuern können.

Barbara Oberst

Hubert Timmel (links) setzt auf Erfahrung: Wie die Mehrzahl ihrer Kollegen haben Rainer Möbius, Marion Tilgner und Jörg Böttger (v.l.n.r.) die 50 weit überschritten. - © Detlev Müller

Hubert Timmel suchte leistungsfähige, junge Leute. Doch für seinen schnell wachsenden Betrieb gab es nicht genügend auf dem Arbeitsmarkt. Also ging er andere Wege: "Ich habe Menschen neu eingestellt, die bereits einiges über 60 waren. Das hat für unser Unternehmen und den Arbeitnehmer sehr gut funktioniert", erklärt der Diplomingenieur für Elektrotechnik aus Frankenberg. Eine Altersgrenze nach oben gibt es für den Geschäftsführer der EPS Timmel Service GmbH seither nicht mehr.

Berufserfahrung, fachlich kompetent, zuverlässig

41 der insgesamt 80 Mitarbeiter von Timmel sind über 50 Jahre alt, sie fertigen und montieren komplette elektrische Schaltanlagen. Der Chef lobt sie in den höchsten Tönen: "Sie haben Berufserfahrung und sind fachlich sehr kompetent. Außerdem sind sie zuverlässig und zeigen sehr hohe Einsatzbereitschaft. "

Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung: Wo im Jahr 2000 nur gut 37 Prozent der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren arbeiteten, waren es 2013 schon an die 64 Prozent. Selbst bei den 65- bis 74-Jährigen stieg die Rate der Berufstätigen auf knapp neun Prozent 2013 – ein Spitzenwert in der EU, fand das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) heraus.

Nützliche Links für Chefs und ältere Arbeitnehmer

Doch die Einführung der Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler hat diesen Trend gebrochen. Seit Juli 2014 ist die Zahl der Berufstätigen jenseits der 63 erstmals seit Jahren gesunken, statt zu steigen. Acht Prozent, fast 40.000 weniger, standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Handwerker, die ihre Ausbildung mit 15 oder 16 Jahren begonnen haben, erreichen die für die Rente mit 63 geforderten 45 Beitragsjahre leicht. Damit fallen ausgerechnet die erfahrensten Fachkräfte vorzeitig weg, stellt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) fest.

Prävention hilft, wenn im Alter die Kraft nachlässt

Wenn Menschen bis weit ins Rentenalter hinein arbeiten, sind es laut IW überwiegend gut verdienende, männliche Führungskräfte oder Selbstständige, nicht aber Facharbeiter. Je körperlich fordernder der Beruf ist, desto mehr müssen sich Chefs einfallen lassen, um ihre Mitarbeiter zu halten.

Möglichkeiten gibt es viele. Präventionskurse motivieren und zeigen Älteren, wie sie ihre Arbeit kräfteschonend verrichten können. Häufig lassen sich Arbeitsabläufe anders strukturieren oder Aufgaben neu verteilen. Entsprechende Schulungen und Weiterbildungen fördern Bund und Länder mit Bildungsgutscheinen . Wer ältere Arbeitslose einstellt, kann außerdem auf die Förderung der "Perspektive 50plus" zählen, eine Initiative des Bundesarbeitsministeriums, die auch "Unternehmen mit Weitblick" auszeichnet.

Auch Hubert Timmel bekam diese Auszeichnung, denn er bietet nicht nur seinen bewährten Mitarbeitern Weiterbildungen an. Systematisch sucht der Firmenchef Quereinsteiger und macht sie mit Schulungen und modularen Ausbildungen fit für den Betrieb.

Jedes Jahr vier neue Azubis

Damit sein Betrieb mit dieser Personalstruktur nicht in Schieflage gerät, stellt Timmel jedes Jahr vier Azubis ein, ein Ausgleich dafür, dass bei vielen Mitarbeitern die Rente bereits ansteht: "Nahezu alle, die bei uns mit 63 in Rente gehen konnten, haben den Antrag auch gestellt", bedauert Timmel. Doch der Unternehmer hat eine Lösung gefunden, wie er deren Fachwissen zumindest teilweise noch im Unternehmen halten kann: "Wir haben sie auf Minijobbasis weiter angestellt."