Teamkultur in der Praxis Emotionale Bindung als Schlüssel für mehr Produktivität

Emotionale Verbundenheit ist längst kein "weicher Faktor" mehr, sondern ein messbarer Produktivitätstreiber. Unternehmen, die auf Wertschätzung, Sinnstiftung und echte Teamkultur setzen, sichern sich nicht nur engagierte Mitarbeiter, sondern auch einen entscheidenden Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte.

Wenn Mitarbeiter erleben, dass ihre Meinung zählt und sie an Entscheidungen beteiligt werden, entsteht Ownership statt Dienst nach Vorschrift. (Symbolbild) - © Dusan Petkovic - stock.adobe.com

Wenn Martin Osterberger-Seitz, Inhaber und Geschäftsführer der Autohandelsgruppe Seitz mit Hauptsitz in Kempten im Allgäu, über seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spricht, leuchten seine Augen. "Eine geile Truppe" sei man, sagt er. Miteinander und Teamgeist würden bei der Seitz-Gruppe über alle Standorte und Abteilungen hinweg gelebt.

Und das macht sich in Zeiten des Fachkräftemangels auch in unternehmerischer Hinsicht bezahlt: "Diesen harten Fachkräftemangel merken wir glücklicherweise nicht", sagt Osterberger-Seitz. "Wir sind mit der Personalsituation und dem Recruiting zufrieden." Zudem habe man gerade 72 Auszubildende angestellt.

Teamgeist über Standorte und Marken hinweg

Doch wie schafft man es, dass über 1.000 Mitarbeiter, die auf 29 Standorte verteilt sind und zudem unterschiedliche Automarken aus dem VW-Konzern vertreten, an einem Strang ziehen und sich als Teil des großen Ganzen begreifen?

"Ich glaube einfach, das Umfeld muss passen", sagt Osterberger-Seitz. "Meine Leute müssen gerne zu uns kommen. Und sie müssen auch über Abteilungsgrenzen hinweg miteinander sprechen und sich austauschen." Die Menschen würden schließlich acht bis zehn Stunden am Tag an ihrem Arbeitsplatz verbringen – da müssten sie sich einfach wohlfühlen.

Mitarbeiterzufriedenheit als Produktivitätsfaktor

Osterberger-Seitz hat etwas verinnerlicht, was in vielen Betrieben noch immer unterschätzt wird: dass die Mitarbeiterzufriedenheit ein entscheidender Faktor für die Produktivität eines Unternehmens ist – und damit für dessen wirtschaftlichen Erfolg.

Nur neun Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind laut Gallup-Index emotional mit ihrem Arbeitgeber verbunden – ein historischer Tiefstand. Entsprechend verlieren Unternehmen Milliarden durch ungenutzte Energie ihrer Teams.

"Der größte Produktivitätshebel liegt nicht in neuen Tools oder Arbeitszeitmodellen, sondern in emotionaler Bindung", sagt Christian Conrad, der als Trainer und Coach mittelständische Unternehmen dabei unterstützt, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Engagement entstehe durch hohe Mitarbeiterzufriedenheit – denn wer gerne zur Arbeit geht und Freude an dem hat, was er tut, ist automatisch engagierter und macht nicht nur Dienst nach Vorschrift.

Engagement entsteht durch emotionale Verbundenheit

"Mitarbeitende, die eine hohe emotionale Verbundenheit haben und begeistert sind, sind auch bereit, eigenständig zu denken und zu handeln und die Extrameile zu gehen", sagt Conrad. Zudem verfügten sie über ein höheres Energielevel als lediglich zufriedene Mitarbeiter.

Wer Engagement systematisch fördere, könne die Fluktuation senken und die Innovationsfähigkeit seines Unternehmens steigern – und damit sein Fachkräfteproblem von innen heraus lösen, so der Experte.

Menschlichkeit und Wertschätzung als Erfolgsfaktoren

Doch wie gelingt es Arbeitgebern, eine solche emotionale Bindung aufzubauen? Menschlichkeit und Wertschätzung spielen dabei eine zentrale Rolle, erklärt Conrad. "Wenn ich meine Mitarbeitenden als ganzen Menschen sehe – nicht nur als austauschbare Arbeitskraft oder Produktionsfaktor –, dann werden sie sich stärker verbunden fühlen."

Dieses "Gesehenwerden" sei eine Haltung, die Unternehmer und Führungskräfte entwickeln und kultivieren könnten. Gute Arbeit dürfe zudem nicht als selbstverständlich gelten, sondern müsse aktiv anerkannt werden. "Durch Wertschätzung entsteht eine höhere Verbundenheit der Mitarbeitenden – und das bedeutet höhere Produktivität und niedrigere Fluktuation." Knapp die Hälfte aller Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz proaktiv verlassen, tue dies aufgrund mangelnder Wertschätzung durch den Vorgesetzten.

Sinn, Beteiligung und Entwicklung

Ebenso wichtig sei es, Sinn und Wirksamkeit erfahrbar zu machen, erläutert Conrad. "Menschen bauen dann eine emotionale Bindung auf, wenn sie spüren, dass ihre Arbeit Bedeutung hat – für Kunden, für Kollegen und für etwas Größeres als die eigene Stellenbeschreibung."

Dazu gehört auch echte Beteiligung: "Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Meinung zählt und sie an Entscheidungen beteiligt werden, entsteht Ownership statt Dienst nach Vorschrift."

Hinzu komme die persönliche und fachliche Entwicklung. "Menschen binden sich emotional an Orte, an denen sie wachsen dürfen", betont Conrad. Unternehmenskultur zeige sich darin, ob Entwicklung als Kostenfaktor oder als Investition gesehen werde. "Wer spürt, dass ein Unternehmen an ihn glaubt, bleibt – auch in herausfordernden Phasen."

Ganzheitliche Arbeitsumfelder gewinnen Talente

Reiner Huthmacher pflichtet ihm bei. Er ist seit mehr als 30 Jahren Unternehmer in der Versicherungsbranche und berät als zertifizierter Coach Unternehmen bei Personalführung und Mitarbeiterbindung.

"Arbeitnehmer erwarten heute ein ganzheitliches Arbeitsumfeld, das ihre beruflichen und persönlichen Bedürfnisse berücksichtigt", sagt er. "Diejenigen, die ein umfassendes und attraktives Arbeitsumfeld bieten können, sind erfolgreicher bei der Gewinnung und Bindung hochqualifizierter Fachkräfte."

Warum Geld allein nicht mehr überzeugt

Dabei gewinnen vermeintlich weiche Faktoren zunehmend an Bedeutung: Neben beruflicher Weiterentwicklung, flexiblen Arbeitszeiten und einer ausgewogenen Work-Life-Balance ist es vor allem eine positive Unternehmenskultur.

"Unternehmen, die sich nicht an diese sich entwickelnden Erwartungen anpassen, riskieren, im Wettbewerb um Talente den Anschluss zu verlieren", warnt Huthmacher. Gleiches gelte für stagnierende Organisationen, da viele Bewerber heute mehr suchten als rein finanzielle Anreize.

Ein hohes Gehalt und klassische Vergünstigungen wie Boni, Dienstwagen oder Jobrad seien nicht mehr ausschlaggebend, so Huthmacher. Autohändler Osterberger-Seitz bestätigt das: Incentives wie Jobrad, betriebliche Altersvorsorge oder Erfolgsbeteiligungen – die es bei der Seitz-Gruppe ebenfalls gibt – seien ein nettes Gimmick. "Aber ich glaube nicht, dass einer wegen dem Jobrad bei uns arbeitet."

Teamkultur als Fundament für Innovation

Entscheidend sei vielmehr ein handlungsleitendes Set an Unternehmenswerten und darauf aufbauend eine kollaborative Teamorientierung, erklärt Christian Conrad. "Menschen, die sich in ihrem Team als Mensch – nicht nur als Arbeitskraft – zu Hause fühlen, kündigen deutlich seltener."

In starken Teams herrsche psychologische Sicherheit, Rollen und Verantwortlichkeiten seien klar, und es entstehe ein Gefühl positiver Zugehörigkeit. Das sei auch die Grundlage für Innovation und kontinuierliche Verbesserung.

Ein Indiz aus der Praxis

Dass dieser Ansatz bei der Seitz-Gruppe funktioniert, zeigt ein Detail aus dem Arbeitsalltag: Es gibt dort das Recht auf einen Homeoffice-Tag pro Woche. Nach Absprache mit dem Vorgesetzten können Mitarbeiter einen Tag von zu Hause arbeiten.

"Aber es wird kaum genutzt – höchstens mal, wenn das Kind krank ist oder ein Handwerkertermin ansteht", sagt Osterberger-Seitz. "Und das zeigt mir, dass die Leute gerne zur Arbeit kommen."