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Elektrobetriebe als digitale Vorreiter Digitalisierung: Elektro-Branche besonders gefordert

Berufe, Dienstleistung, Kommunikation: Die Digitalisierung verändert den Alltag in den Betrieben – vor allem auch in den Elektrohandwerken. Ein Praktiker berichtet.

Beim Thema Digitalisierung geht an den Elektrohandwerken kein Weg vorbei. Die Branche sieht sich als wesentlicher Akteur. In der sogenannten Bonner Erklärung hat der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) deswegen die Bedeutung dieses Themas jüngst für die Branche herausgearbeitet.

Mehr als 100 Obermeister diskutierten über den Megatrend und erarbeiteten fünf wesentliche Themenfelder, mit denen sich die Branche auseinandersetzen müsse (siehe Kasten). Nach eigener Erkenntnis geht es auch darum, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden – etwa beim Verkauf. "Zunehmend kristallisiert sich heraus, dass es immer weniger darum geht, den Kunden Produkte in herkömmlichem Sinn anzubieten. Vielmehr rückt die umfassende Dienstleistung in den Fokus", sagt ZVEH-Hauptgeschäftsführer Ingolf Jakobi. Wer erfolgreich bleiben wolle, müsse seinen Service optimieren.

Praktiker bekommen die Anforderungen schon heute jeden Tag zu spüren – Elektroinstallateurmeister Arnd Hefer zum Beispiel. Der Betriebsinhaber aus Essen und Mitglied der Projektgruppe Digitalisierung im ZVEH zeigt anhand seines Betriebes, was sich in den letzten Jahren geänder hat.

Berufe an die Praxis anpassen

"Der Beruf ist unglaublich anspruchsvoll geworden", weiß der 52-Jährige. Er plädiert dafür, die schon lange in Fachrichtungen unterteilten Berufe an die Erfordernisse der Praxis anzupassen – und ebenso an die Vorkenntnisse der Auszubildenden. Die Lehrzeit, die schließlich nicht länger geworden sei, reiche dafür allein nicht aus. Hefer fordert deshalb ständige Weiterbildung und fortwährende Übung im Betrieb. Bleibt das aus, gerieten Azubis und Mitarbeiter schnell ins Hintertreffen. Die Bildungsangebote in der Branche seien jedoch ausreichend. Wer sich fit machen wolle, finde auch etwas – etwa bei den Fachverbänden.

Allein die Berufsschulen sieht Hefer im Nachteil. Denen fehlten die Ausstattung und die Fachlehrer. Bernd Dechert kann das bestätigen. Der Geschäftsführer Technik und Berufsbildung beim ZVEH hat den Eindruck, dass das Thema noch nicht in notwendigem Maße verfolgt wird. Da sei noch einiges zu tun. Wie weit die Schulen sind, hänge aber auch vom jeweiligen Bundesland ab.

Neuausrichtung der Ausbildungsberufe geplant

Dechert sieht den Verband in der Pflicht, die Thesen zur Digitalisierung auch als eigene Botschaft an die Schulen heranzutragen. "Wir versuchen, das Thema noch mehr in die Ausbildung zu integrieren", so Dechert. Noch fehlten viele Aspekte in den Rahmenlehrplänen. Geplant sei deswegen eine Neuausrichtung der Ausbildungsberufe (siehe Kasten).

Während die Ausbildung nach Erneuerung verlangt, ist die digitale Kundenanbahnung längst Alltag im Geschäft. Kunden kommen über Handwerksplattformen und andere Vermittler, vergleichen online Anbieter und Preise, informieren sich vorab über Lösungen und Produkte – sind also insgesamt gut informiert.

Noch ruft der Kunde selbst an, aber Arnd Hefer macht sich über die Akquise keine Illusion. Auftragsvermittlung werde mehr und mehr über große Plattformen der Industrie sowie über große Player wie Amazon oder Google laufen. Umso dringender sind die Betriebe gefordert, potenzielle Kunden an sich zu binden.

"Der Beruf ist unglaublich ­anspruchsvoll geworden."

Das fängt zum Beispiel mit der Qualifizierung an. Hefers Meistertitel verweist noch auf Tätigkeiten, die den Beruf vor 30 Jahren dominiert haben, das Verlegen von Leitungen und das Klopfen von Schlitzen. Auch diese Dinge braucht es heute noch. Die Zahl der Berufe und ihre Spezialisierungen deuten jedoch darauf hin, dass die Digitalisierung mehr und mehr die Nachfragen und Bedürfnisse der Kunden bestimmt – etwa wenn es um Steuerungstechnik im Segment Smart Home geht.

Hefer vertraut hier ebenso seinen guten Angeboten, dem ganz entscheidenden Argument der Qualifikation – und dem Preis. Waren bisher die Beratung, die Planung und das Angebot für die Kunden meistens kostenlos, stellt Hefer diese Leistungen vorab in Rechnung. Das unterstreiche die Wertigkeit und das notwendige Know-how dieser Dienstleistung. Der Handwerker müsse nicht die durchaus umfangreichen Vorarbeiten bei der Installation und den Produkten nachträglich einpreisen.

Bleibt es beim Angebot, ist wenigstens diese Arbeit, die gerne einen Tag Zeit in Anspruch nimmt, bezahlt. Ein weiterer Vorteil für den Kunden: Die Kosten sind transparent und werden dort angerechnet, wo sie anfallen. Der Dimmer, der verbaut wird, ist beim Handwerker dann wenigsten nicht teurer als im Internet.

Software genügt vielfach nicht den Anforderungen

Am Ende bleibt die Frage, ob alle Elektrobetriebe dabei mithalten können. „Die technischen Voraussetzungen müssen sich die Betriebe natürlich selbst organisieren“, sagt Hefer. Dass nicht nur in der Elektrobranche viele Betriebe hinterherhinken, liege jedoch nicht allein an den Unternehmen. Die notwendige Software sei oft einfach noch nicht einsatzbereit für die entsprechenden Anforderungen. Nach Hefers Ansicht sollte auch nicht alles digitalisiert werden – gerade bei der Kundenpflege. Hefer: "Ich setze auch weiterhin auf den persönlichen Kontakt."

Elektro- und Informationstechnisches Kompetenznetzwerk elkonet.de.

Erneuerung der Ausbildung

Der ZVEH arbeitet derzeit an der Neuausrichtung der Ausbildungsberufe im Elektrohandwerk. In die Lehrpläne sollen notwendige digitale Inhalte einfließen. Ein Pilotprojekt von Bundeswirtschaftsministerium und ZVEH prüft gerade, wo Themen wie Smart Building, digitale Geschäftsprozesse oder Energie-Management Eingang finden können. Erforderlich sei, so Bildungsexperte Bernd Dechert, dass die Strukturen der Ausbildungsberufe überdacht werden. Die Grundstruktur der Berufe soll jedoch erhalten bleiben. Spezialisierungen wie die Gebäudesystemintegration müssten jedoch fest in den Fächerkanon mit aufgenommen werden. Bei Einhaltung des Verfahrensablaufs könnten im September 2020 das erste Mal in den neu ausgerichteten Berufen ausgebildet werden.

Bonner Erklärung

Der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke hat fünf Bereiche definiert, in denen die Digitalisierung besonders zum Tragen kommt.
1. Wertschöpfung: Digitale Geschäftsmodelle verkürzen Wertschöpfungsketten. Dennoch setzt der Verband weiterhin auf den dreistufigen Vertrieb gerade für komplexe technische Services.
2. Neue Services: Neben vernetzten Produkten seien Servicemodelle zu entwickeln, bei denen die Elektrobranche Zugang zu Technologien, Software und Daten erhält. Die Betriebe müssen den Endkunden Vollservice anbieten können.
3. Kooperation und Eigenständigkeit: Betriebe sollen verstärkt in neuen Formen zusammenarbeiten. Dennoch müssen Betriebe sichtbar bleiben und Produkte sowie Kalkulation selbstständig wählen können.
4. Qualifizierung als Schlüssel: Gewinnung und Qualifizierung von Fachkräften stellen eine enorme Herausforderung dar. Strukturen und Inhalte müssten dafür überprüft werden.
5. Markenpolitik: Um beim Endkungen sichtbar zu bleiben, solle die Branche die servicestarken und endkunden­orientierten Marken der E-Handwerke unterstützen.

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