Museum, Café und moderne Seilprodukte Ein Seiler macht auf Geschichte

Seilermeister Bernhard Muffler eröffnet für sein Handwerk ein Museum, ist selbst aber mit seinem Betrieb ganz auf der Höhe der Zeit.

Frank Muck

  • Bild 1 von 7
    © Foto: Siegfried Kempter
    In Tradition und Moderne zu Hause: Bernhard Muffler, hier vor seinem großen Seilsortiment in seinem Laden, kennt sich gut in der Vergangenheit der Branche aus, weiß aber auch neue Märkte im Internet für sich zu nutzen.
  • Bild 2 von 7
    © Foto: Frank Muck
    Moderne Herstellung: Auf dieser halbautomatischen Spulmaschine mit Klöppelspulen werden hochfeste Garne aus neongelbem Sonder-PES-Material verflochten. Das Endprodukt sind Richtschnüre mit Durchmesser von zwei bis vier Millimetern.
  • Bild 3 von 7
    © Foto: Michael Fuchs
    Altes Werkzeug: Mufflers Museum zeigt zum Beispiel eine Serie von Seillehren.
  • Bild 4 von 7
    © Foto: Frank Muck
    Blick in das Garn-Gatter: Im Hintergrund ist die Maschine, die die Garne zu einem gedrehten Zwirn verdreht. Vorne sieht man die Garne, die gerade abgezogen und verdreht werden. Das Endprodukt ist ein Seil für die Berufsschifffahrt.
  • Bild 5 von 7
    © Foto: Frank Muck
    Bernhard Muffler ist einer von zwei Seilern in Deutschland, die sich mit der Herstellung von Karbatschen auskennen. Diese Peitschen werden in der alemannischen Fastnacht genutzt.
  • Bild 6 von 7
    © Foto: Frank Muck
    Zum Museum gehört das Seilerhaus Café, das liebevoll mit Seil-Accessoires eingerichtet ist.
  • Bild 7 von 7
    © Foto: Frank Muck
    Überall Seile: Die Leuchten sind nicht einfach nur aufgehängt.

Bernhard Muffler spannt gleich mal den ganz großen Bogen – von den Anfängen bis in die Gegenwart. Der Seilermeister kennt schließlich sein Metier und erzählt, dass das Seil eines der ältesten technischen Hilfsmittel der Menschheit sei. Die Seiltradition im Bodenseeraum ist schließlich schon 6.000 Jahre alt. Die Funde in den Pfahlbausiedlungen rund um den See zeugen davon. Mit Baumrinde, Lindenbast und Hanf hätten die damaligen Menschen diese Hilfsmittel selbst hergestellt. Die Seilerzunft gibt es nachweislich erst seit 1150. Man merkt Muffler an, dass er den geschichtlichen Abriss beherrscht.

Mit Produkt und Herstellung in der Moderne angekommen

Muss er ja auch. Schließlich hat er für die Zunft ein Museum eingerichtet. Im alten Firmengebäude des vom Urgroßvater gegründeten Seilergeschäfts erzählt er die Geschichte der Seilherstellung. Nebendran kann sich der Museumsbesucher in einem liebevoll eingerichteten Café mit Seil­accessoires bei Kaffee und Snacks entspannen.

Ansonsten hat sich Muffler mit seinem Unternehmen Bodenseeseil jedoch längst von allem musealen seines Handwerks verabschiedet und ist aus Platzgründen vor sechs Jahren ins Gewerbegebiet an den Stadtrand gezogen, wo er in einer Produktionshalle die industriellen Möglichkeiten der Seilherstellung auslotet. Mit knüpfenden Händen sitzt dort niemand mehr. 30 automatische und halbautomatische Maschinen fertigen dort kilometerweise Seil. Denn der Markt ist groß und die Seilherstellung kennt viele Absatzmärkte.

Muffler verkauft Drahtseile für das Abspannen von Masten für Bodensee-Schiffe, aber auch Dekorationsseile für den Unterwäschehersteller Schiesser.
Bei Bodenseeseil gibt es, ganz der Nähe zum See verpflichtet, alle Seile für den Wassersport. Aber auch für die Architektur und die Landschaftsgärtnerei. Zum Beispiel aus Edelstahl, Polyester und Sisal.

Ein Fachmann für Karbatschen

Wegen seiner teils nur noch von wenigen hergestellten Produkten ist er ein gefragter Gesprächspartner. Etwa wenn es um Karbatschen geht. Muffler ist einer von zweien, die die in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht verwendeten Peitschen herstellen können. 200 Stück verkauft er noch jedes Jahr.

Der 54-Jährige berichtet ganz nüchtern, aber kenntnisreich, aus dem prallen Seilerleben. Er ist geschult. In zahlreichen Presseberichten hat er von seiner Karriere und der des Betriebs erzählt. Denn Mufflers Betrieb ist ein exzellentes Beispiel für die Geschichte des Handwerks in den letzten 150 Jahren. Seit 1879 bildet das Unternehmen die Entwicklung des Berufs ab: vom handgeknüpften Kälberstrick aus Hanf bis zur industrialisierten Herstellung von Bootstauen und Sicherheitsseilen. Urgroßvater Adolf Muffler fuhr noch mit dem Fahrrad übers Land – von Bauernhof zu Bauernhof. Denn ursprünglich hatten die Mufflers mit Wassersport und Bootsseilen wenig am Hut. "Wir haben als regelrechte Binnenseiler angefangen", sagt Muffler. Die Bauern hat er mit Seilen für die Landwirtschaft versorgt, für Geschirre oder Peitschen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte das Handwerk große Umbrüche mit der Industrialisierung. Mussten Seiler vorher noch alle ihre Seile selbst spinnen, kamen zu jener Zeit die Spinnereien auf. Bis zur Jahrhunderwende gab es laut Muffler noch rund 6.000 Seilereien. Derzeit gibt es in ganz Deutschland noch 87.

Sein Vater ließ ihm freie Hand nach der Übernahme

Die Seilerbranche hat sich seitdem stark industriell ausgerichtet. Wollte Vater Helmut Muffler diese Entwicklung nach dem Krieg noch nicht mitgehen, so war Bernhard Muffler – auch geprägt durch seine Gesellenzeit in Industriebetrieben – bereit, den heimischen Betrieb mit mehr Technik und neuen Produkten krisenfester zu machen. Sein Vater war davon nicht überzeugt. Und so investierte er 1984 aus eigener Tasche 5.000 Mark in eine kombinierte Litzen- und Seilschlagmaschine. Letztlich hatte auch der Senior seinen Spaß an der neuen Technik und so hatte Muffler freie Hand, als er 1989 den elterlichen Betrieb übernahm.

Seitdem hat er konsequent an der Ausweitung des Angebots gearbeitet. Durch Messen machte er sich in der Wassersportbranche einen Namen. Er schaffte sich weitere Flecht- und Spulmaschinen an und stellte den ersten Lehrling ein. Hilfreich war auch ein Großauftrag von „Manufactum“, ein Versandhandel für edle, in klassischem Design gehaltene und aus hochwertigen Materialien hergestellte Produkte. „Manufactum“ bestellte in großem Umfang ganz einfache Brettschaukeln.

Weil Bodenseeseil so vielfältig fertigte und der Kundenstamm wuchs, platzte das alte Firmengebäude in der Innenstadt Stockachs Mitte der 2000er-Jahre aus allen Nähten. Muffler musste sich nach einem anderen Standort umsehen. Das Gewerbegebiet bot sich an, weil es an der Bundesstraße 31 liegt. Diese führt von der Autobahn kommend Richtung Bodensee. Folgerichtig müssen viele Wassersportler dort entlang, alles potenzielle Neukunden.

Was Nachhaltiges für den alten Standort

2008 zog die Produktion schließlich um und 2010 folgte auch das Ladengeschäft. Blieb die Frage: Was macht man mit dem alten Standort? Muffler ließ sich Zeit. Ihm war daran gelegen, auch dort etwas Nachhaltiges zu machen. Bald schwirrte ihm die Idee vom Museum mit Café im Kopf herum.

Für die Umsetzung engagierte der Seilermeister den Kulturwissenschaftler und Grafiker Michael Fuchs aus Radolfzell. Mit dem Umbau beglich Muffler auch eine Schuld gegenüber der Stadt Stockach. Der Unternehmer hatte versprochen, den Standort Innenstadt zu stärken, nachdem er von dort weggezogen war.

Muffler setzt neben der modernen Fertigung auch auf den Internethandel. Auf tauwerk.de verbucht der Seiler zweistellige Umsatzzuwächse. Mit diesen Produktangeboten sieht er sein Handwerk auf einem guten Weg. Selbst die Ausbildung erlebt einen Aufschwung. Seit zehn Jahren gibt es wieder eine Bundesfachklasse. In drei Jahrgängen werden in Müchnberg (Oberfranken) 50 Lehrlinge ausgebildet. Fazit: Auch wenn Bernhard Muffler im März erfolgreich ein Museum eröffnet hat, ist die Branche alles andere als museumsreif.

tauwerk.de