Adriano Colle Ein meisterhafter Eismacher und Optimist

Sein Ururgroßvater kam einst mit der Schubkarre über den Brenner, um in Deutschland Eis zu verkaufen. 176 Jahre später wird sein Nachfahre zum Deutschen Eismachermeister gekürt. Inspiration für seine ausgefallenen Eiskreationen findet Adriano Colle mitunter auf seinen Touren durch die Alpen. Über ein Leben für das Eis, Begegnungen mit der Altkanzlerin und gute Freunde in schweren Zeiten.

Mit seiner Eiskreation "Gewürze des Orients" gewann der Kemptener Eismacher Adriano Colle 2014 die Deutsche Meisterschaft. - © Conny Kurz

Der Duft von frischen Früchten, gerösteten Bohnen und Gebäck betört die Sinne beim Betreten des kleinen Kemptener Eiscafés. Die Auslage beherbergt verschiedene Eissorten: Vom klassischen Stracciatella bis zu außergewöhnlichen Kreationen wie "Gewürze des Orients" findet das Eisliebhaberherz eine große Auswahl. Und soll es einmal kein Eis sein, lassen sich andere Leckereien ausmachen.

In den Vitrinen thronen selbst gebackene Kuchen und Desserts von der Erdbeerrolle bis zum italienischen Tiramisu. Hinter dem Tresen steht ein Mann mit wuscheligen braunen Haaren und großen haselnussbraunen Augen. Es ist Adriano Colle, Inhaber und Gelatiere des Eiscafés Venezia.

Hinter der Bezeichnung "Gelatiere" versteckt sich der alte Handwerksberuf des Eismachers, der sich mit der handwerklichen Herstellung von Speiseeis befasst. Auf seiner weißen Kochjacke sind verschiedene bunte Stickereien zu sehen. Am Kragen die italienische und die deutsche Flagge. An den Ärmeln das Firmenlogo und auf der linken Schulter steht sein Name. Auf der linken Brust ist ein kleines Eis gestickt mit dem Schriftzug "Deutscher Eismachermeister Berlin 2014". Den Titel gewann der Eismacher mit der Eiskreation "Gewürze des Orients": Ein Joghurteis, das mit Zimt, Kardamom und Pistazien-Stücken abgerundet ist. Dazu trägt er eine dunkle Stoffhose sowie schwarze Barfußschuhe. Der Gelatiere ist eine zugewandte freundliche Erscheinung. Das bezeugen auch seine Falten, die viel mehr Spuren seines sonnigen Gemüts als seines Alters sind.

Wahre Freunde in schweren Zeiten

Freundschaften und Beruf in Einklang zu bringen, ist für viele Selbstständige eine große Herausforderung – so auch für Adriano Colle. Auf
Wunsch seiner Töchter und Angestellten beschloss er vor einiger Zeit, das Eiscafé am letzten Tag der Woche zu schließen. Für Colle war das keine leichte Entscheidung. "Ich hatte anfangs Schuldgefühle, wenn ich sonntags vor dem Geschäft Leute sah, die eigentlich ein Eis essen wollten." Seine Freunde hingegen freuen sich darüber, mit ihm mehr Zeit verbringen zu können. Zeit, die Colle gerne nutzt, um in die Berge zu gehen. Dort betreibt der Eismacher alpinen Extremsport.

Extrem war auch die Belastung für Colle während der Corona-Pandemie, die seinen Betrieb wirtschaftlich stark zusetzte. Doch die Freunde des Gelatieres wichen nicht von seiner Seite. "Zu der Zeit habe ich gemerkt, dass ich wahre Freunde habe", sagt Colle. Sie halfen ihm finanziell aus und retteten damit den Familienbetrieb. Jetzt schlägt die Inflation zu. Neben Lieferproblemen sind die Materialien teurer geworden. "Die Preise sind teilweise von drei auf 15 Euro pro Kilo gestiegen."

Die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt ab, sodass die Leute auch weniger ins Eiscafé gehen. Das spürt der Eismacher deutlich. Dextrose, umgangssprachlich als Traubenzucker bekannt, und Maltodextrin sind schwierig zu bekommen. Der Zucker wird dafür verwendet, das Eis weicher oder bei Bedarf auch fester zu machen. Zudem haben die verschiedenen Zucker eine unterschiedliche Süßkraft sowie Gefrierhemmung.

Die Eismacherfamilie verfolgt das Ziel, den Produktionsverlauf zu verbessern, um damit Zeit- und Energiekosten zu sparen. Maschinen für eine schnellere sowie wasser- und stromsparende Produktion sind aber sehr teuer. Der Anschaffungspreis für eine neue Maschine liegt bei 40.000 Euro aufwärts. Die Kosten könnten nicht eins zu eins an die Kunden weitergeben werden. "Momentan bemühen wir uns um Schadensbegrenzung." Die Qualität des Produkts darf für den traditionsbewussten Eismacher unter keinen Umständen leiden.

"Man macht es, weil man dafür lebt."

Adriano Colle, Gelatiere

Tannenwipfel, Löwenzahn und Blüten des Alpenraums

Auf seinen Touren durch die Natur sammelt der Gelatiere unter anderem Tannenwipfel, Löwenzahn und diverse andere Blüten des Alpenraums. Aus dem Löwenzahn macht der Eismacher eine Art Pesto, welches er mit Eis vermengt. Tannenwipfel werden zu einem Sirup verarbeitet, welcher in der Zubereitung an einen Hustensirup à la Großmutter erinnert. Der Tannenwipfelsirup wird dann mit Quark und Honig zu einem Eis vermischt.

Auf einer Alpentour hoch zum Nebelhorn kam Colle die Idee, dunkle Schokolade mit Latschenkiefer zu kombinieren. Colles Freund hatte auf der Wandertour Schokolade dabei. Mit dem Geruch von Latschenkiefern an seinen Händen aß der Gelatiere ein Stück Schokolade. Damit war die nächste Eissorte "Freche Allgäuerin" für das Kemptener Eiscafé Venezia geboren. Da noch ein männliches Pendant fehlte, entwarf Colle die Eissorte "Allgäuer Bergbuben".

Treffen mit bodenständiger Kanzlerin Merkel

Mit einer seiner weiteren Kreationen – das Eis "Gewürze des Orients" – konnte der Gelatiere einst Bundeskanzlerin Angela Merkel begeistern. Colle erinnert sich gern an den Moment auf der Eismachermeisterschaft 2014 in Berlin. Merkel kam zufällig vorbei und erkundigte sich über den Betrieb und die Familiengeschichte des Eismachers. Colle schätzte die Bodenständigkeit der Kanzlerin.

Das Bewusstsein für Geschichte ist dem Gelatiere auch bei der Herstellung von Eis wichtig. "Eine Eissorte muss einen geschichtlichen und emotionalen Hintergrund haben. Und die Sorte muss dann auch schmecken", sagt der Eismacher. Bei der Milch handelt es sich deshalb um eine Heumilch, die Colle geschmacklich an seine Kindheit erinnert. Auch die heimischen Betriebe liegen ihm am Herzen. Er verzichtet daher darauf, beim Großhändler einzukaufen. Seine Früchte erwirbt er bei regionalen Betrieben und die Milch bei einer Schaukäserei in der Region.

Bewusstsein für Geschichte und Familientradition

Das Eismachen hat in der Familie Colle lange Tradition. Die Familie seiner Frau sowie seine Familie kommen aus dem Cadore – ein Tal in den Dolomiten, aus denen viele italienischen Eismacher stammen. Bereits in fünfter Generation ist die Familie von Adriano Colle im Eismacherhandwerk tätig. Auf der Seite seiner Frau sind es vier Generationen. Sein Ururgroßvater kam 1838 mit einem Schubkarren über den Brenner nach München, um Eis zu verkaufen.

Für Colle selbst kam ein anderer Weg abseits der Familientradition nicht infrage. Auch wenn er zuerst Schreiner und Restaurator erlernte. Ob seine Töchter einmal den familiären Betrieb übernehmen werden, wird sich zeigen. Auch wenn er seine ganze Leidenschaft in den Beruf steckt, wird die Zukunft herausfordernd werden. Adriano Colle schaut trotzdem mit einem halbvollen Glas in die Zukunft. "Man macht es, weil man dafür lebt", sagt der Kemptener Eismacher.