Ein Tag auf Achse Ein Jurist, 28 Leute – und ein Konzept, das aufgeht

Thomas Wockatz hat zwei Staatsexamen in Jura abgelegt und gibt offen zu, keinerlei Handwerker-Skills zu haben. Trotzdem führt er einen Betrieb, der alles aus einer Hand anbietet – und wöchentlich zahlreiche Bewerbungen bekommt. Sein Kommentar dazu: "Die guten Leute sind da. Sie arbeiten nur nicht bei dir." Ein Mitfahrbericht.

Löbauer Bau
Die Bau-Brigade in Löbau in der sächsischen Oberlausitz. - © Marcus Mötz

Der Austausch mit Thomas Wockatz, einem der beiden Geschäftsführer der Löbauer Bau-Brigade, verläuft bereits im Vorfeld auf einem nahezu freundschaftlichen Level – per du und per Messenger. Am Bahnhof des rund 15.000 Einwohner kleinen Städtchens im östlichen Zipfel Sachsens werde ich von ihm mit dem Firmenwagen abgeholt. Auf dem Weg zum Brigade-Büro, nur wenige Straßen entfernt, besprechen wir den Tagesablauf. Thomas wird mich mitnehmen zu mindestens drei Baustellen, auf denen einige seiner insgesamt 28 Leute derzeit im Einsatz sind – unangekündigt.

Die Büroräume der Firma befinden sich in einem idyllischen Mehrfamilienhaus. Hier teilen sich Thomas und sein Bruder Sandro ein Büro, nebenan die Arbeitsplätze ihrer drei Projektleiter. Es herrscht ein lockeres harmonisches Klima, was nicht zuletzt daher rührt, dass die Bau-Brigade de facto ein Familienunternehmen ist.

Ihr erster Angestellter bei Unternehmensgründung im September 2022 war Thomas’ und Sandros Vater Uwe, gelernter Schlosser. Inzwischen ist Uwe in Rente und arbeitet als Minijobber im Betrieb. Sein Enkel Ole – Thomas’ Sohn – absolviert derzeit eine Ausbildung zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger in der Brigade. Mit seinen Leistungen könnte er im kommenden Jahr über diverse Wettbewerbe den Sprung in die Fliesen-Nationalmannschaft schaffen.

Ganz neu im Team ist Thomas’ Partnerin Janine, gelernte Kauffrau im Groß- und Außenhandel und nunmehr persönliche Assistentin der Geschäftsführung. Über meine Frage, ob so ein Familienunternehmen auch negative Seiten hat, muss Thomas lange nachdenken, ehe er zu der Erkenntnis kommt: "Nee, eigentlich nicht".

Start-up-Finalist des Wettbewerbs "Sachsens Unternehmer:in des Jahres"

Unsere erste Station nach dem Abstecher im Büro ist eine Kundenbaustelle, auf der zwei Brigade-Mitarbeiter mit umfangreichen Gartenarbeiten beschäftigt sind. Die kurze Autofahrt nutzen wir – wie auch alle weiteren Fahrten – für ein Interview. Ich möchte wissen, wie die Baubrigade es unter die Start-up-Finalisten des Wettbewerbs "Sachsens Unternehmer:in des Jahres" geschafft hat. Es sei das Gesamtkonzept gewesen, so Thomas. Seine Leute seien Experten auf ihrem Gebiet, vom Gas-Wasser-Installateur, über den Maurer, den Dachdecker, den Werkzeugmacher bis hin zum Landwirt und vielen mehr. Selbst Adrian, Technologe für Bauroboter, hat einen festen Platz im Team. Dadurch könnten sie sämtliche Arbeiten rund um die Immobilie aus einer Hand anbieten, vom Erstkontakt bis zur Abnahme.

Von einem Fachkräftemangel scheinbar keine Spur. "Wenn sich jemand über einen solchen Mangel beklagt", fährt Thomas fort, "dann sage ich ihm, dass es eine Menge fähige Leute da draußen gibt. Die arbeiten aktuell nur nicht bei dir." Provokante Worte von dem 48-Jährigen, der offenbar weiß, wovon er spricht. Woche für Woche erreichen ihn zahlreiche Bewerbungen. Bei der Mitarbeiterauswahl vertraut er auf sein Bauchgefühl und auf ein "gewisses soziales Niveau" sowie auf eine vielseitige Einsetzbarkeit, die für den Betrieb unabdingbar sei. Einzelne Mitarbeiter waren vorher bereits 20 Jahre lang in anderen Unternehmen beschäftigt, bevor sie zur Brigade kamen.

"Das sind Leute, die mitten im Leben stehen, die Erfahrung haben, die Familie haben, die sich sozial engagieren, die hier verwurzelt sind. Jeder Mitarbeiter muss in der Lage sein, selber mit dem Kunden zu kommunizieren. Und zum Thema Einsetzbarkeit: Der Mitarbeiter, der eben noch den Zaun gebaut hat, sollte sich bei Bedarf auch gleich um den Putz an der Hausfassade kümmern können."

Thomas mit Brigade-Klempner Dima im Austausch über die geplanten Betonarbeiten. - © Marcus Mötz

Handschlagsmentalität auf TikTok

Wir erreichen unsere erste Baustelle, die Kundenbaustelle. Thomas stellt mir Torsten und Kevin vor. Torsten ist gelernter Zimmerer und arbeitet seit vielen Jahren im Tief- sowie im Garten- und Landschaftsbau (GaLa). Kevin ist als Maurer im Einsatz. Zwei Wochen lang erneuern sie hier die Außenanlagen, fräsen unter anderem Baumwurzeln weg, setzen ein neues Pflaster und reißen die vorhandene Terrasse ab. Dabei haben sie weitgehend freie Hand. Einsätze dieser Art dauern üblicherweise eine Woche, in diesem etwas aufwendigeren Fall doppelt so lang. Tatsächlich macht der GaLaBau zusammen mit der Gartenpflege sowie den Hausmeisterdienstleistungen den Großteil der Aufträge aus, gefolgt von Bauservice, Terrassen und Bädern. "Im Gartenbereich bekommt man viele Einmannfirmen für 30 Euro und weniger", so Thomas. "Die Kunden sagen oft: 'Ihr seid nicht die günstigsten, aber ihr seid es mir wert, besonders wegen des guten Kundenservice'." Und da Thomas meine Nachfrage offensichtlich erahnt, fügt er hinzu: "Unser Stundenlohn liegt für all unsere Arbeiten bei 50 Euro netto."

Als ich die ersten Fotos schieße, zückt Thomas ebenfalls sein Handy und erzählt mir von TikTok-Videos, die sie regelmäßig veröffentlichen, und mit denen sie der Community zeigen könnten, "wie wir so ticken und worauf man sich einlässt, wenn man uns engagiert". Die meisten Kunden entdeckten die Brigade im Netz, im Social Media und durch die großflächige Werbung auf den insgesamt 14 Betriebsfahrzeugen.

"Die Handschlagsmentalität in unserem Familienunternehmen macht in unserer Außenwirkung eine ganze Menge aus", berichtet er. "In den Bewerbungsgesprächen höre ich immer wieder von cholerischen, unfairen und unzuverlässigen Chefs und in den Kundengesprächen von jeder Menge Unzuverlässigkeit bei den Firmen. Viele große Unternehmen haben sich in den letzten Jahren beinahe zu steifen Behörden entwickelt. Das ist bei uns ganz anders. Mir ist es egal, ob jemand Millionär oder Bürgergeldempfänger ist. Ich komme mit jedem klar."

Bestandssanierung ist eine Herausforderung

Wir fahren weiter zu Baustelle Nummer zwei im zwölf Kilometer entfernten Cunewalde. Hier treffen wir Micha. Micha ist Dachdecker aus Leidenschaft. Als es am Vortag wie aus Kübeln gegossen hatte und alle Mitarbeiter ihre Außenarbeiten einstellen mussten, stand er unter dem von ihm erneuerten Terrassendach und kümmerte sich um die Pfosten.

Als wir ankommen, kniet Micha auf dem Dach und legt die Bohrmaschine beiseite. "Ich habe 30 Jahre Erfahrung in diesem Bereich", erklärt er. "Darum entwickle ich Lösungsansätze, über die ich mich mit dem Kunden austausche. Meine persönliche Einschätzung von den Auftragsarbeiten teile ich dem Kunden grundsätzlich mit." Thomas ergänzt: "Neubau können viele. Aber etwas im Bestand zu sanieren, erfordert die richtigen Leute mit einer gewissen Vorstellungskraft, um die passenden Angleichungen vorzunehmen."

Auch wenn es vorrangig Dacharbeiten sind, die Micha macht, hat er auch schon gänzlich andere Aufgaben übernommen, zum Beispiel ein Entwässerungsbecken auf einer Wiese gepflastert, das nach eigener Aussage am Ende "aussah wie ein Osterei".

Sozial und wirtschaftlich erfolgreich

Auf unserem Weg zum nächsten Einsatzort erfahre ich von Thomas, dass er in Bautzen eine Verwaltungslehre absolvierte, anschließend Verwaltungsbetriebswirtschaft studiert und danach zwei Staatsexamen in Jura erfolgreich abgelegt hat. Mit seinem Bruder Sandro ist er irgendwann in die Unternehmensnachfolge eingestiegen. Vor rund vier Jahren entstand die Idee von der Bau-Brigade.

"Ich möchte für diese Region ein Unternehmer sein, der sozial und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich ist und bei dem jeder gerne arbeitet, denn umso besser sind die Ergebnisse beim Kunden", erzählt er. Er selbst habe keinerlei Handwerker-Skills, dafür aber entsprechende unternehmerische Fähigkeiten und die richtigen Leute, die er für seine Ideen begeistern könne.

Wir erreichen Laucha, einen Ortsteil von Löbau. Bei der vor uns liegenden 10.000 Quadratmeter großen Fläche handelt es sich um ein ehemaliges Rittergut, das heute die Betriebsstätte der Brigade darstellt. Das Herrenhaus wird aktuell saniert, sodass Thomas mit seiner Familie in absehbarer Zeit hier einziehen kann. Eine riesige Scheune dient im Erdgeschoss bereits als Lager, ins Obergeschoss kommen später die Büros. In eine andere Scheune sollen perspektivisch Maschinen wie Gabelstapler, Radlager, Rasentraktoren sowie eine Werkstatt für Fahrzeugreparaturen reinkommen.
"Wir versuchen, das Geld in der Firma zu halten", erklärt Thomas. "Unsere Betriebsstätte soll auch als Lagerort von Resten aus Abrissarbeiten dienen. Diese können bei Bedarf auf der nächsten Baustelle wieder eingesetzt werden. Später soll auch das Schnittgut aus unseren Gartenarbeiten gehäckselt und als Rindenmulch genutzt werden. Das Holz wird jetzt schon bei uns gelagert und zum Befeuern genutzt."

Auf dem Gelände lerne ich Dima kennen. Dima ist gelernter Klempner und stammt aus der Ukraine. Auch er ist – wie sollte es anders sein – auf verschiedenen Baustellen unterwegs, macht Badsanierungen, Terrassenarbeiten, Heizkörpermontagen und aktuell eine Schalung für spätere Betonarbeiten.

Es ist noch einiges zu tun auf dem ehemaligen Rittergut in Laucha. Es dient der Brigade als Betriebsstätte. - © Marcus Mötz

Digitalisierung auf der Baustelle

Thomas zeigt mir in der Betriebsstätte einen Raum, in dem momentan noch sämtliche Garten- und Hausmeistergerätschaften lagern, der später jedoch als Mitarbeiterraum fungieren soll, mit Sitzecke, Kochnische und einem Monitor, der anzeigt, welcher Kollege am jeweiligen Tag mit welchem Fahrzeug auf welcher Baustelle unterwegs ist.

"Jeder Mitarbeiter hat bereits eine Handwerker-App auf seinem Handy, in der die eigenen Einsätze inklusive Kundendaten drinstehen", berichtet Thomas. "Am Tagesende trägt jeder seine Stunden ein. Dadurch ist alles sofort rechnungsfertig. Der nächste Schritt wird sein, dass die drei Projektleiter sämtliche Unterlagen über die App auf einem Tablet abrufen und ausfüllen können."

Thomas führt mich noch eine Weile herum, zeigt mir seinen zukünftigen Wohnbereich, stellt mich weiteren Leuten vor und berichtet von seinen Visionen. Das Konzept der Bau-Brigade erscheint mir geradezu simpel, und genau das macht es vermutlich so erfolgreich.

"Hier auf dem Gelände der Betriebsstätte werden die Kollegen je nach Auftragslage eingesetzt", erläutert er. "In ruhigeren Zeiten sind zehn Mitarbeiter oder auch mehr im Einsatz. Wird das Auftragsvolumen wieder größer, gehen unsere Leute raus, auf die Baustelle des Kunden. Dann kann es auch mal vorkommen, dass einige Wochen niemand hier in Laucha ist. Dadurch können wir innerhalb von ein bis zwei Wochen jeden Auftrag ausführen."

Abschließend möchte ich von Thomas wissen, ob es auch Aufträge gibt, die sie ablehnen müssen. Ja, die gebe es. Das seien große Elektro- und umfangreiche Dachsanierungsarbeiten.

Wenn ich unsere besuchten Baustellen an diesem Tag Revue passieren lasse und das hiesige Gelände betrachte, drängt sich der Eindruck auf, dass die Löbauer Bau-Brigade ohnehin gut ausgelastet ist.

Schließlich fährt Thomas mich zurück zum Bahnhof. Auf der Autotür prangt der Slogan: "Erreichbar. Leidenschaftlich. Humorvoll." Stimmt, denke ich. Auf den Punkt.