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Handwerksordnung Ein Jahr Meisterpflicht: So steht es um die zwölf Gewerke

Seit Februar 2020 sind wieder mehr Berufsgruppen meisterpflichtig. Wie die Gewerke die vergangenen Monate erlebt haben und was in den kommenden Jahren noch bei der Handwerksordnung geplant ist.

Vor einem Jahr war es noch das meistdiskutierte Thema im Handwerk. Am 11. Februar wurde die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Gewerken offiziell im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Viele Berufsverbände hatten sich in den Monaten zuvor dafür eingesetzt, dass ihr Gewerk wieder in die Anlage A der Handwerksordnung aufgenommen wird. Mit dabei waren schlussendlich: Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Betonstein- und Terrazzohersteller, Estrichleger, Behälter- und Apparatebauer, Parkettleger, Rollladen- und Sonnenschutztechniker, Drechsler und Holzspielzeugmacher, Böttcher, Glasveredler, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Raumausstatter sowie Orgel- und Harmoniumbauer.

Kaum einen Monat nachdem das 4. Gesetz zur Änderung der Handwerksordnung in Kraft getreten war, kam Corona und das Thema rückte in den Hintergrund.

Höhere Wertschätzung von Kunden und Jugendlichen

Die überwiegende Mehrheit der Verbände zeigt sich weiterhin erfreut über die Meisterpflicht in ihrem Gewerk. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) bezeichnete die Wiedereinführung der Meisterprüfung als "Herzensanliegen". "Die Meisterbetriebe der jetzt wieder zulassungspflichtigen Handwerke verbinden damit auch eine persönliche Anerkennung", sagt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Außerdem sähen die Betriebe eine gesteigerte Wertschätzung bei ihren Kunden, Jugendlichen und in der Öffentlichkeit.

"Die Resonanz der Mitgliedsbetriebe ist durchweg positiv", sagt beispielsweise auch Michael Kober, Referent Behälter- und Apparatebau beim Zentralverband Sanitär Heizung Klima, "Durch die Wiedereinführung der Meisterpflicht im Behälter- und Apparatebauerhandwerk werden die Betriebe gestärkt, die durch unternehmerische Kompetenz eines Meisters geprägt sind und damit gesellschaftliche Verantwortung als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb übernehmen."

Mit der Änderung der Handwerksordnung soll erreicht werden, dass in den jeweiligen Gewerken mehr Lehrlinge ausgebildet und schließlich auch mehr Meisterprüfungen abgeschlossen werden. Außerdem soll die Verweildauer der Betriebe am Markt verlängert werden. In einigen Gewerken, zum Beispiel bei den Fliesenlegern und den Schilder- und Lichtreklameherstellern, gab es in den vergangenen Jahren eine hohe Fluktuation, sprich viele Betriebe hatten sich innerhalb weniger Monate an- und wieder abgemeldet.

Knapp ein Jahr nach dem neuen Gesetz ist die Entwicklung der Betriebszahlen noch nicht besonders aussagekräftig. Vor allem Corona hat die Ausbildungs- und Betriebszahlen stark beeinflusst.

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Ziel: Mehr Meister und Ausbildungsbetriebe

Einige Veränderungen zeichnen sich aber jetzt schon ab. So ist vereinzelt ein gesteigertes Interesse an einer Meisterausbildung zu erkennen. Die Holzspielzeugmacher konnten im Frühjahr 2020 nach sechs Jahren wieder einen Meisterkurs anbieten. "Wir hoffen, dass die Lern- und Fortbildungsbereitschaft anhält", sagt Wolfgang Miller, stellvertretender Bundesinnungsmeister vom Verband des Drechsler- und Holzspielzeugmacherhandwerks. Auch bei den Orgelbauern hatten sich genug Teilnehmer für einen Meisterkurs gemeldet. Dieser musste jedoch aufgrund von Lehrermangel abgesagt werden, wie Frank Weimbs vom Verband der Orgelbauer enttäuscht berichtet.

Die Schilder- und Lichtreklamehersteller erhoffen sich ebenfalls mehr Gründungen von Meisterbetrieben in ihrem Gewerk. Im Gegenzug dafür aber auch "eine Abkühlung des überhitzten Gründungsbooms", so der Geschäftsführer des zuständigen Fachverbands Ludgerus Niklas. Seit 2004 hatte sich die Zahl der Betriebe in diesem Gewerk, unter Einfluss der Änderung der alten Handwerksordnung und der Einordnung als nicht meisterpflichtiges Gewerk, mehr als verdoppelt. Nun erwartet der Verband "eine Stabilisierung der Betriebszahlen und ein gesundes Wachstum durch qualitativ hochwertige Betriebe aus Meistergründungen".

Kritik: Noch längere Wartezeiten und Beschränkungen

Kritisch gegenüber der Rückvermeisterung hatten sich während des Gesetzgebungsverfahrens unter anderem der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages und der Verband der freien Handwerke geäußert. Jonas Kuckuk, Vorsitzender des Berufsverbands unabhängiger Handwerker, sieht gerade jetzt in Zeiten der Pandemie den "Meisterzwang" als Hindernis.

Das Gesetz sei ärgerlich für Verbraucher und Existenzgründer. "Die erweiterte Wettbewerbsbeschränkung führt auch hier zu längeren Wartezeiten, steigenden Preisen und verzögert die wirtschaftliche Erholung", so Kuckuk.

Wie geht es nun weiter mit der Handwerksordnung? Nach fünf Jahren soll die Handwerksnovelle nochmals von staatlicher Seite überprüft werden. Dann zeigt sich, ob es bei den zwölf Gewerken bleibt, ob eine Berufsgruppe wieder rausgenommen wird aus der Anlage A oder eine andere hinzukommt. In diese erneute Evaluierung dürften einige Berufsgruppen viel Hoffnung setzen. So hatten sich bereits im letzten Jahr die Bestatter stark dafür eingesetzt, wieder meisterpflichtig zu werden und waren enttäuscht, dass sie lediglich aus der Anlage B2 in die Anlage B1 aufsteigen konnten. Auch die Beschäftigten im "Holz- und Bautenschutz" gehören seit Anfang 2020 den zulassungsfreien Gewerken an.

Die Sattler wünschen sich ebenfalls den Meisterbrief zurück. Die Meisterrückführung werde eine der Hauptaufgaben für die kommenden Jahre sein, betont Andreas Schremmer vom Zentralverband Raum und Ausstattung. "Die Fahrzeug- und Reitsportsattlerbetriebe sind für die Wiedereinführung der Meisterpflicht, da der Meister schon seit mehr als 100 Jahren ein Garant für Qualität und qualitativ hochwertige Ausbildung ist und so den Fortbestand des Gewerkes bisher gesichert hat", sagt Schremmer.

Nach wie vor steht noch die Verhältnismäßigkeitsprüfung der Europäischen Union zur 4. Novelle der Handwerksordnung aus. Eine neue Richtlinie fordert, dass neue Berufsbeschränkungen von der EU geprüft werden müssen. Wie lange dies dauern wird, ist unklar. Handwerksrechts-Experte Andreas Wagnitz von der Handwerkskammer für München und Oberbayern rechnet aber nicht mit Problemen, da sich die EU bereits intensiv mit den Qualifikationsanforderungen an Berufe beschäftigt habe und Deutschland zeigen konnte, dass sein Meistersystem sinnvoll ist.

Kosmetiker sollen in die Anlage B1 aufgenommen werden

2021 soll die Handwerksordnung weiter angepasst werden. Im Wesentlichen geht es dabei um Anpassungen bei der Meisterprüfung. Doch auch ein Gewerk könnte neu eingruppiert werden. Im Zuge des 5. Gesetzes zur Änderung der Handwerksordnung sollen die Kosmetiker von der Gruppe der handwerksähnlichen Gewerke in die Gruppe der zulassungsfreien Handwerke wechseln. Das entsprechende Gesetzesverfahren läuft bereits. "Wenn es gelingt, das Gesetz noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl zu verabschieden, rechne ich stark damit, dass die Kosmetiker dann in die Anlage B1 aufgenommen werden", sagt Andreas Wagnitz von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Dieser Punkt sei unstrittig.

Ob die Kosmetiker oder andere Berufsgruppen dann in vier Jahren ebenfalls meisterpflichtig werden, bleibt offen. Die Kriterien werden laut Wagnitz auch dann wieder die Gefahrengeneigtheit oder der Kulturgüterschutz sein. Nach diesen zwei Gesichtspunkten waren auch die aktuellen zwölf Gewerke ausgewählt worden. Bei den Orgelbauern stand beispielsweise der Kulturgüterschutz im Vordergrund. Bei den Kosmetikern könnten man, so Wagnitz, wiederum mit der Gefahrengeneigtheit aus Sicht der Kunden argumentieren. Schließlich führen Kosmetiker mittlerweile viele hochspezialisierte, technische Behandlungen zum Beispiel mit Lasern durch. Verbände, die ebenfalls in die Anlage A zurück wollen, sollten sich daher gut vorbereiten und einheitlich kommunizieren.

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