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Weniger Neue, mehr Bestand Wie Meisterpflicht und Corona das Handwerk beeinflussen

Wie haben sich die Betriebszahlen 2020 verändert? Haben sich vor der 4. Änderung der Handwerksordnung besonders viele Betriebe registrieren lassen? Und welche Faktoren haben dies besonders beeinflusst? Eine neue Studie beleuchtet die Folgen von Corona und Meisterpflicht für das Handwerk.

Vor allem zwei Faktoren haben sich 2020 auf die Struktur der Handwerksbetriebe ausgewirkt: die Corona-Pandemie und die Änderung der Handwerksordnung. Das zeigen Zahlen von 13 Handwerkskammern, die Wissenschaftler des Instituts für Mittelstand und Handwerk Göttingen (ifh) ausgewertet haben.

Um die Betriebsdynamik zu analysieren, haben sie sich die Ein- und Austragungen in die Handwerksrollen bis Ende August 2020 angeschaut. Auch wenn die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Effekte der Handwerksnovelle überlagern, sind einige Entwicklungen stark auf die Gesetzesänderung in den zwölf Gewerken zurückzuführen, so das Ergebnis der Studie „Resilientes Handwerk? Auswirkungen der Corona-Krise und der Rückvermeisterung auf die Betriebsdynamik“.

Die Ergebnisse im Überblick:

1. Weniger Eintragungen

2020 wurden deutlich weniger neue Betriebe angemeldet als im Vorjahr. Die Zahl der Eintragungen sank im Zeitraum von März bis August um 14 Prozent. Dieser Rückgang kann laut den Experten zu einem erheblichen Teil als Reaktion auf die Wiedereinführung der Meisterpflicht gesehen werden.

Ein Indiz dafür ist, dass sich in diesem Zeitraum 70 Prozent weniger neue Betriebe in den rückvermeisterten Gewerken angemeldet haben als im Vorjahr. Bei den Gewerken, die auch zuvor in der Anlage A waren, ist der Rückgang mit sieben Prozent viel geringer.

Bei den Handwerken der Anlage B1 und B2 lässt sich keine negative Entwicklung beobachten. Die Eintragungszahlen für das Jahr 2020 liegen sogar leicht über den Werten von 2019.

In der Studie wurde auch analysiert, wie viele Betriebe sich in den einzelnen Konjunkturgruppen neu angemeldet haben. Hier zeigen sich interessante Unterschiede. Sie lassen darauf schließen, dass auch die Corona-Pandemie bei einigen Gewerken entscheidend dafür war, ob ein neuer Betrieb gegründet wurde.

Im Ausbauhandwerk, in dem auch viele der neuen Meistergewerke gelistet sind, ist ein starker Rückgang von 33 Prozent zu beobachten. Dies ist eher auf die Handwerksnovelle zurückzuführen.

Die Zahlen für das Lebensmittel- und das Kfz-Gewerbe sind jedoch ebenfalls niedriger. Die Handwerkskammern verzeichneten von März bis August 2020 25 Prozent weniger neue Anmeldungen bei den Lebensmittelbetrieben und zehn Prozent weniger im Kfz-Gewerbe im Vergleich zu 2019. Diese beiden Gruppen waren jedoch beide nicht von der Handwerksnovelle betroffen. Dafür brachte der Lockdown im Frühjahr wesentlich mehr Einschnitte für diese Branchen. Viele mussten ihre Betriebe kurzfristig schließen oder konnten nur eingeschränkt arbeiten.

Auf das Baugewerbe und die Handwerke für den privaten und den gewerblichen Bedarf hatte der Lockdown weniger starke Auswirkungen. Hier haben sich dementsprechend auch ähnlich viele neue Betriebe angemeldet wie im Vorjahr.

2. Weniger Austragungen

Es haben sich aber nicht nur weniger Betriebe angemeldet, es sind auch weniger Betriebe aus der Handwerksrolle ausgeschieden. 2020 haben sich 21 Prozent weniger Betriebe austragen lassen als im Vorjahr. Zwischen März und August 2020 sind 25 Prozent weniger Betriebe aus den Verzeichnissen der 13 Handwerkskammern gelöscht worden.

In diesem Zeitraum ist die Gruppe der zwölf rückvermeisterten Gewerke am auffälligsten. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Austragungen um 35 Prozent. Aber auch die Zahlen der Anlage A sowie der Anlage B1 und B2 zeigen, dass weniger Betriebe abgemeldet wurden.

Bei den Konjunkturgruppen haben sich nur im Gesundheitsgewerbe mehr Betriebe abgemeldet als 2019. Ein gesonderter Blick auf einzelne Gewerke zeigt, dass, wie durch die Rückvermeisterung zu erwarten war, die Zahl der Abmeldungen vor allem bei den Fliesen-, Platten- und Mosaiklegern zurückgegangen ist (minus 37 Prozent).

3. Starker Mitnahmeeffekt

Einige Beobachter hatten erwartet, dass sich vor dem Eintritt des neuen Gesetzes noch zahlreiche Betriebe in den entsprechenden Gewerken anmelden. Diesen „Mitnahmeeffekt“ hat die Studie ebenfalls herausgearbeitet. Nachdem im September 2019 klar war, dass die Meisterpflicht teilweise wieder eingeführt wird, ist die Zahl der Eintragungen im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegen. Nach Berechnungen der Wissenschaftler haben sich in den 13 untersuchten Handwerkskammern 1.500 Betriebe mehr eintragen lassen als im Vorjahr. Ab Mitte Februar sinkt die Zahl wieder stark. Ab dann haben sich immer weniger neue Betriebe in die Handwerksrolle eintragen lassen. Der „Überschuss“ an Unternehmen wurde in den folgenden Monaten langsam wieder abgebaut. Ab August 2020 entspricht die Zahl der neuen Betriebe für 2020 der für 2019.

4. Fazit

Laut Studie lassen sich die Veränderungen bei den Ein- und Austragungen nicht eindeutig nur auf eine Ursache zurückführen. Dass es weniger Neugründungen in den zwölf neuen Gewerken mit Meisterpflicht gab, führen sie primär auf die Änderung der Handwerksordnung zurück.

Wohingegen die geringere Zahl der Austragungen auf die finanziellen und rechtlichen Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung während der Corona-Pandemie zurückzuführen ist.

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