Ein Jahr in Berlin: Die Handwerksmeister Alois Rainer (CSU) und Andreas Rimkus (SPD) sind seit zwölf Monaten Bundestagsabgeordnete. Im DHZ-Interview sprechen sie über die Umstellung, kleine Erfolge und Herausforderungen.
Mirabell Schmidt

Vor einem Jahr kamen die beiden zu ihrer ersten Sitzung im Bundestag zusammen - es war die konstituierende Sitzung nach den Bundestagswahlen 2013. Zuvor arbeiteten sie hauptberuflich als Handwerker. Alois Rainer als Metzgermeister mit eigenem Betrieb in Haibach, Andreas Rimkus war als Elektromeister angestellt bei den Stadtwerken Düsseldorf. Damals fragten wir die beiden, was sie sich von ihrer neuen Tätigkeit als Bundestagsabgeordnete erwarten. Nun wollten wir wissen: Haben sich die Erwartungen erfüllt?
Andere Dimensionen
DHZ: Herr Rainer, Sie sind nun ein Jahr im Bundestag. Wie ist das Leben als Bundestagsabgeordneter?
Alois Rainer: Mein Leben hat sich schon geändert. Ich bin viel auf Achse zwischen Berlin und dem Wahlkreis. Wenn man zu Hause ist, steht die Arbeit im Wahlkreis an. Meine Arbeitswoche hat sieben Tage. Während der Hochphasen im Betrieb stehe ich in den Morgenstunden auch manchmal in der Metzgerei.
DHZ: Hatten Sie das nicht erwartet?
Rainer: Komplett ins kalte Wasser wurde ich nicht geschmissen. Das habe ich von meinem Vater schon gewusst, der auch Bundestagsabgeordneter war. Als Metzgermeister bringe ich im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft Erfahrung aus der Praxis mit, was mir einiges erleichtert. Dennoch sind die Dimensionen andere als früher. Und man steht viel mehr in der Schusslinie der Öffentlichkeit. Nach der Abstimmung über Gentechnik waren die Angriffe auf meine Person teils unter der Gürtellinie. Aber damit muss man umgehen.
"Der Mindestlohn ist eine gute Wendung fürs Handwerk."
DHZ: Herr Rimkus, wie ist es bei Ihnen?
Andreas Rimkus: Das Leben ist natürlich ganz anders. Man hat seine Präsenzzeiten im Bundestag und es ist aufwendig, sich in die Themen einzuarbeiten. Mein Tag beginnt früh und ich versuche, ihn voll zu nutzen. Aber ich bin dankbar für das Mandat, ich kann jede Menge machen. Ich bin mit dem Ausschuss für Verkehr und Infrastruktur auch zuständig für Elektromobilität. Das geht zurück zu meinen Wurzeln und daher fühle ich mich fachlich sehr gut aufgehoben.
DHZ: Vor der Wahl hatten Sie angekündigt, Herr Rainer, sich für das Handwerk einzusetzen. Es ging Ihnen um Bürokratieabbau, "damit der Handwerker wieder Handwerker ist".
Rainer: Als Handwerksmeister möchte ich den Berufsstand angemessen vertreten. Erst kürzlich traf ich mich mit Vertretern des Handwerks um, über die Änderung zur Lebensmittelinformationsverordnung zu sprechen – unter anderem auch darüber, dass eine mündliche Allergeninformation ausreichen müsse. Man kann aber nicht alles sofort verändern.
Meister-Bafög und Rente mit 63
DHZ: Wie stehen Sie als Handwerksmeister zu den Reformen der Bundesregierung – "Rente mit 63" und Mindestlohn? Das Handwerk hatte ja vor den Folgen gewarnt.
Rainer: Was die "Rente mit 63" anbelangt, war es mir besonders wichtig, dass man Handwerker, wie Maurer oder Dachdecker, mit einbezieht. Die wären nämlich zuerst außen vor gewesen. Die Sorgen vom ZDH sind völlig berechtigt, dennoch können wir alles immer nur Stück für Stück angehen. Was wir jetzt allerdings noch brauchen, ist eine Flexi-Rente.
DHZ: Wird die Flexi-Rente kommen?
Rainer: Ja, mit der Flexi-Rente wollen wir nachbessern, damit es auch möglich ist, länger zu arbeiten und dazuzuverdienen – das möglicherweise steuerfrei. Mehr kann man allerdings noch nicht sagen.
DHZ: Herr Rimkus, auch Sie wollen sich fürs Handwerk einsetzen, unter anderem für das Meister-Bafög. Konnten Sie etwas bewegen?
Rimkus: Sehr sogar. Das BAföG-System wurde zum Beispiel reformiert.
DHZ: Aber das Meister-Bafög doch noch nicht.
Rimkus: Das kommt mit Sicherheit 2015. Insbesondere das Handwerk ist die zentrale Säule des dualen Systems und die Meister entspringen diesem System. Genau diese Qualität der dualen Ausbildung ist es, wegen der wir so gut dastehen. Daher brauchen wir verbesserte Möglichkeiten der Unterstützung.
DHZ: Haben Sie die abschlagsfreie "Rente mit 63" und den Mindestlohn unterstützt?
Rimkus: Ich habe mich für die "Rente mit 63" eingesetzt, ich sehe darin keine Gefahr fürs Handwerk. Viele Kollegen machen davon Gebrauch und das ist nur gerecht. Auch der Mindestlohn ist eine gute Wendung fürs Handwerk. Die schwarzen Schafe der Branche werden so ausgeschlossen.
"Was wir jetzt brauchen, ist die Flexi-Rente."
DHZ: Herr Rainer, Herr Rimkus, eine letzte Frage: Inwiefern ist es überhaupt möglich, als einfacher Abgeordneter etwas zu bewegen?
Rainer: Anfangs dachte ich schon: "Mensch, was kannst du bewegen?" Aber es sind kleine Punkte, für die man sich einsetzen kann. Zum Beispiel habe ich mit Frau Gottschalk die Förderung von Mehrgenerationenhäusern in erster Instanz durchgesetzt oder die Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln praxisnah gestaltet. Man kann das eine oder andere verändern, aber nicht alles.
Rimkus: Ich bin kein Träumer. Man muss Mehrheiten suchen und offen und ehrlich kommunizieren, um etwas zu erreichen. Aber das ist mir als Handwerker sozusagen in die Wiege gelegt. Alles geht nur Stück für Stück.