Der eine von der CSU, der andere von der SPD: Im neu gewählten Bundestag sitzen neu zwei Handwerksmeister. Für sie beginnt nun ein anderes Leben. Insgesamt ist das Handwerk aber schwächer vertreten als zuletzt.
Mirabell Schmidt

Um 20.00 Uhr stand es fest: Alois Rainer ist jetzt Bundestagsabgeordneter. Bisher stand er als Metzgermeister jeden Tag um 5.00 Uhr morgens im eigenen Betrieb in seinem Heimatort Haibach, nachmittags kümmerte er sich um sein Bürgermeisteramt. Jetzt geht es nach Berlin. 61,2 Prozent der Stimmen bekam er als Direktkandidat im Wahlkreis Straubing.
Seit der Bundestagswahl ist beim 49-Jährigen einiges los, nicht nur weil er laufend Glückwunschkarten und SMS bekommt. "Am Dienstag bin ich gleich nach Berlin geflogen, wir hatten Landesgruppensitzung und Fraktionssitzung", erzählt Rainer. Er war dabei, als der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder wiedergewählt wurde sowie die CSU-Landesgruppenchenfin Gerda Hasselfeldt – seine Schwester. Daneben muss Rainer viel organisieren: In Berlin braucht er jetzt eine Wohnung und Mitarbeiter für sein Abgeordnetenbüro.
Pendeln zwischen Haibach und der Hauptstadt
Nach zwei Tagen in der Hauptstadt geht es wieder nach Hause. Dort stehen Pressetermine an, sowieso sind die Tage schon mit Terminen vollgepackt. So geht das nun weiter, darüber ist sich Rainer im Klaren. Nach einer Woche in Haibach folgen wieder ein paar Tage in Berlin. Der Betriebsinhaber ist jetzt Berufspendler. "Mir ist es wichtig, in den sitzungsfreien Wochen nach Hause zu kommen", sagt Rainer.

Während er sich als hauptberuflicher Politiker in Berlin für die Interessen der Region einsetzen will, wird sich sein Sohn Markus – ebenfalls Metzgermeister – um den Betrieb kümmern. "Um unser Geschäft mach ich mir keine Sorgen", sagt der Handwerker. Wenn er zu Hause ist, wolle er aber ab und zu helfen, um sein Geschick und die Bodenhaftung nicht zu verlieren. "Ich bin ein richtig leidenschaftlicher Metzger, daher kann es sein, dass ich den Beruf ab und an vermissen werde." Aber er sei auch ein leidenschaftlicher Politiker, betont der neue Abgeordnete.
Was er in den kommenden vier Jahren in Berlin für seinen Wahlkreis tun will, weiß er schon. "Ich will bei mir in der Region einiges voranbringen, vor allem in der Infrastruktur, um unsere Wirtschaftskraft zu erhalten." Vielleicht habe er das, was passiert ist, noch gar nicht realisiert, aber er fühle sich genauso wie vor den Wahlen, "nur halt mit dem Auftrag, in Berlin zu arbeiten", sagt Rainer. "Wobei es schon etwas Besonderes hat, wenn man in den Bundestag reinschaut und an der Wand den Bundesadler hängen sieht."
Einführung in das Bundestagsleben
Das kann Andreas Rimkus, der zweite neue Handwerksmeister im Bundestag, nur bestätigen. Der SPD-Mann musste allerdings länger warten, bis es feststand: 2.45 Uhr nachts war es in Düsseldorf, als der Elektromeister erfuhr, dass sich sein Leben verändern wird. Erst kürzlich hat die Handwerkskammer Düsseldorf dem 50-Jährigen den Silbernen Meisterbrief verliehen, nun hat der Handwerker einen weiteren Titel: MdB – Mitglied des Bundestags.
Bisher ging Rimkus jeden Tag bei den Stadtwerken Düsseldorf zur Arbeit. Zwei Tage nach der Wahl ist er in Berlin. Eine Sitzung jagt die nächste. Als Bundestagsneuling bekommt Rimkus eine Einführung in das Parlamentsleben. Die Rechte und Pflichten eines Abgeordneten, wie funktionieren die Systeme – eben all das, was man an einem ersten Arbeitstag erfährt. Sein Abgeordnetenbüro wird er wohl erst im November oder Dezember beziehen können. "Bis dahin schlüpfe ich bei einer Kollegin unter. Bei ihr habe ich erst einmal einen Schreibtisch."

Wohl fühlt er sich in der Hauptstadt gleich, obwohl er alles auch abenteuerlich findet. "Es ist schon etwas Besonderes, als Abgeordneter in Berlin zu sein. Wenn man durch die Gänge schreitet, wird einem die Verantwortung bewusst, die man jetzt trägt", sagt der Elektromeister.
Der Verantwortung stellen
In den kommenden vier Jahren will sich Rimkus dieser Verantwortung stellen. "Ich will im besten Sinne Volksvertreter sein und meine Erfahrung aus 34 Jahren Berufsleben in den Bundestag einbringen", sagt Rimkus. Er sei in die Politik gegangen, um etwas voranzubringen. Zum Beispiel brauche es Verbesserungen beim Meister-Bafög, denn viele seien von den Kosten abgeschreckt.
In den sitzungsfreien Wochen will Rimkus nach Düsseldorf zurückkehren – zu seiner Familie und der Arbeit im Wahlkreis. Als Elektromeister wird er hin und wieder an seiner alten Arbeitsstelle tätig sein. Bis zur konstituierenden Sitzung des Bundestags spätestens am 22. Oktober hat er noch viel zu organisieren – im Moment vom heimischen Küchentisch.
Handwerk im Bundestag schwach vertreten
Zwar gibt es mit Alois Rainer und Andreas Rimkus nun zwei neue Handwerksmeister im Bundestag. Insgesamt sind im 18. Bundestag jedoch nur sieben von 630 Abgeordneten Handwerksmeister. Das sind drei weniger als in der vergangenen Legislaturperiode. Und damals war das Handwerk bereits unterrepräsentiert. Nur 5,2 Prozent der Abgeordneten hatten einen handwerklichen Hintergrund. Dabei machen Handwerker in Deutschland mehr als zwölf Prozent der Erwerbstätigen aus.
Weitere Handwerksmeister im Bundestag
Klaus Brähmig (CDU), Elektromeister, MdB seit 1990
Jens Koeppen (CDU), Elektroinstallateur-Meister, MdB seit 2005
Eckhard Pols (CDU), Glasermeister, MdB seit 2009
Peter Ramsauer (CSU), Müllermeister, MdB seit 1990
Lena Strothmann (CDU), Meisterin des Damenschneiderhandwerks, MdB seit 2003