Sie sind allgegenwärtig: Geschäfte und Online-Shops, in denen Kleidung und andere Textilien zu Dumpingpreisen verkauft werden. Zwei selbstständige Handwerker und drei weitere Unternehmer haben sich zur Initiative "Textil aus Halle" zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie umweltfreundlich und lokal produzieren.

Der Konsum dieser Fast-Fashion-Produkte, die in Ländern mit niedrigen oder gar keinen Umweltstandards produziert werden, hat für die Umwelt fatale Folgen. Zwar beschäftigt sich die Europäische Kommission bereits mit dem Thema und will langfristig dafür sorgen, dass die Branche nachhaltiger und schadstofffreier agiert, aber konkrete Maßnahmen gibt es noch nicht.
Alternative zur Massenware
Doch im Kleinen passiert schon etwas. So gibt es sowohl Kunden, die die billige Massenware nicht konsumieren möchten, als auch Textilanbieter, die eine Alternative dazu anbieten. "Wir arbeiten daran, Produkte herzustellen, die sich von der Massenware abheben: qualitativ hochwertig und aus regionalen Rohstoffen", sagt der Hallesche Weberei-Inhaber Benjamin Teuscher und erinnert daran, dass eine lokale Produktion ohne den Einsatz von Chemie und ohne lange Transportwege früher einmal ganz normal war. Wenn Benjamin Teuscher von "wir" spricht, meint er damit "Textil aus Halle", eine Initiative von bisher fünf kleinen, in der Textilbranche tätigen Unternehmen.
Gemeinsam haben sie sich zum Ziel gesetzt, ihre Produkte umweltfreundlich und lokal zu produzieren. Neben der Weberei Teuscher gehören zum Bündnis der Textilhandel Vollstoff, der Textilhandel Patch & Work, Pandas Interiordesign und haemd Modedesign. Alle Unternehmer unterstützen sich gegenseitig und arbeiten, wenn es passt, auch geschäftlich zusammen. "Wir sehen uns nicht als Konkurrenten. Zusammen ist man stärker", sagt Kaur Hensel, einer der Gründer von haemd Modedesign. Keine Massenmode, keine Stangenware, sondern individuell zugeschnittene Outfits – dafür steht sein Label.
Brautkleider und historische Reituniformen
Genauso ist es auch bei Kirsten Heppekausen. Die Meisterin im Damenschneiderhandwerk betreibt seit 2005 ihr kleines Ladenlokal "Vollstoff" in Halle. "Ich schneidere individuelle Kleidung, die es im Handel nicht gibt, zum Beispiel Brautkleider oder historische Reituniformen. Es gibt auch Anfragen zu Innenausstattungen. Als Gewandmeisterin fertige ich Kostüme für das Theater", berichtet Kirsten Heppekausen. Für die "Halloren", die Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle, hat sie schon Frauengewänder geschneidert. Die Modeindustrie beschreibt sie als einen großen Wirtschaftszweig mit viel Müll und kritisiert, dass es – anders als beispielsweise bei Lebensmitteln – keine Deklarationspflicht für verwendete Produkte gibt.
Tücher alle Art
Benjamin Teuscher hat zwei Handwerksberufe erlernt. Als Jugendlicher entschied er sich für eine Ausbildung als Anlagenmechaniker Fachrichtung Schweißtechnik und arbeitete auch eine Zeit lang in diesem Beruf. Heute ist er Textilgestalter im Handwerk mit eigener Weberei. Wer diese betritt fühlt sich wie auf einer Zeitreise, denn gewebt wird auf mechanischen Schützenwebstühlen, die einst das Herzstück industrieller Webereien waren. "Produziert werden sehr feine, aber auch sehr grobe Gewebe mit unterschiedlicher Dichte, Fall, Glanz und Struktur – alles mit typischer Webkante", erklärt Benjamin Teuscher. Er fertigt unter anderem Tücher aller Art, aber es gebe auch einmal spezielle Anfragen, wie etwa eine Bespannung für eine Porsche-Innenausstattung. Um sein Produktportfolio zu erweitern will Benjamin Teuscher noch weitere Maschinen anschaffen. "Diese Maschinen sind etwa 30 bis 40 Jahre alt. Der Weberkreis überaltert, deshalb kann ich privat Maschinen kaufen, die abgegeben werden, wenn ein Weber in den Ruhestand geht", berichtet er.
Keine Überproduktion
Ebenfalls im Textilbündnis engagiert ist das Unternehmen Pandas. "Uns gibt es seit 2016 und wir bieten unter anderem Heimtextilien an, also Kissen, Decken, Geschirrtücher und Ähnliches", sagt Pia Bartels, eine der Gründerinnen. Alle Produkte werden in Handarbeit in einem Atelier vor Ort mit ausgewählten Stoffen in Kleinauflagen gefertigt. Genau wie die anderen Bündnis-Unternehmer produziert Pandas auch in kleinen Mengen, um eine Überproduktion zu vermeiden. Mit Patch & Work und Inhaberin Grit Weigmann ist ein fünfter Betrieb beim Bündnis Textil in Halle dabei. Seit 19 Jahren gibt es den Textilhandel. Neben handgefertigter Kleidung bietet Grit Weigmann auch Stoffe, Zubehör und Nähmaschinen an und leitet Nähkurse.
Die Nachfrage entscheidet über das Angebot
Mit einer Auftaktveranstaltung im November 2023 traten die Mitglieder des Textilbündnisses erstmals öffentlich an Leute aus Halle heran. Nach und nach soll nun der Kundenstamm ausgebaut werden und weitere Partner mit ins Boot geholt werden. Je mehr Unternehmer mit gleicher Gesinnung sich am Bündnis beteiligen, desto weniger muss bei der Herstellung auf Produkte oder Services zurückgegriffen werden, die nicht nachhaltig und lokal sind. "Das betrifft zum Beispiel Fasern, Garn und Farben, die wir benötigen. Rohstoffe können auch hier produziert werden und teilweise passiert das auch schon – zum Beispiel beim Faserpflanzenanbau. Auch Wäschereien, die ökologisch arbeiten, passen zu uns und könnten Teil des Textilbündnisses werden", erklärt Benjamin Teuscher. Die Partnerunternehmer müssten übrigens nicht zwingend in Halle ansässig sein. Der Wunsch, gemeinsam etwas zu bewegen, treibt die engagierten Unternehmer aus dem Textilbündnis an. Aber bei aller Anstrengung ist am Ende auch der Kunde gefragt, denn die Nachfrage entscheidet über das Angebot. "In den Köpfen der Menschen muss sich etwas ändern, was Qualität und Nachhaltigkeit betrifft", sagt Benjamin Teuscher. "Es ist eine Frage des Umdenkens."
Die Textilbranche in Zahlen
- Die weltweite Textilfaserproduktion wird sich voraussichtlich von 100 Millionen Tonnen im Jahr 2020 auf 145 Millionen Tonnen im Jahr 2024 erhöhen.
- Für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts braucht es schätzungsweise 2.700 Liter Süßwasser. Das entspricht der Menge, die eine Person in 2,5 Jahren trinkt.
- Der Textilsektor war im Jahr 2020 die drittgrößte Quelle für Wasserverschmutzung und Flächenverbrauch. Durch die Färbung und Veredelung von Textilien im Rahmen ihrer Herstellung werden schätzungsweise rund 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung verursacht.
- Im Jahr 2020 wurden im Durchschnitt neun Kubikmeter Wasser, 400 Quadratmeter Land und 391 Kilogramm Rohstoffe benötigt, um Kleidung und Schuhe für einen EU-Bürger herzustellen.
Quelle: Europäische Umweltagentur