Frauen in Führungspositionen, Frauen in Wirtschaft, Politik und im Handwerk – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, wird durch den Streit um das Betreuungsgeld wieder in Frage gestellt. Die Kanzlerin spricht zwar von "Wahlfreiheit", doch davon ist Deutschland noch weit entfernt, kritisieren die Unternehmerfrauen im Handwerk. Sie lehnen das Betreuungsgeld strikt ab.
Jana Tashina Wörrle
Auf den ersten Blick haben die Unternehmerfrauen im Handwerk das gleiche Ziel wie Kanzlerin Merkel und Familienministerin Schröder. Sie wollen Familien und dabei natürlich in erster Linie den Frauen mehr Freiheit geben, beruflich und in der Familienplanung den eigenen Weg zu gehen. "Wahlfreiheit" ist das Ziel, um die im 21. Jahrhundert in Deutschland noch immer gekämpft werden muss. Denn die Rahmenbedingungen stimmen nicht: zu wenige Betreuungsplätze für Kleinkinder und immer noch große Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Dazu kommt der moralische Grabenkampf zwischen den Verfechtern der klassischen Rollenverteilung und denjenigen, die die Frau auch in der Arbeitswelt vertreten sehen wollen.
"Völlig falsche Anreize"
Doch in der Diskussion um das Betreuungsgeld zeigt sich, wie unterschiedlich der Weg zur "Wahlfreiheit" aussehen kann. Angela Merkel braucht die Unterstützungszahlung für Mütter, die ihre Kinder zuhause betreuuen wollen, dazu und andere sehen genau darin eine Festlegung auf den Ist-Zustand und das alte Rollenmodell. So auch die Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk, Heidi Kluth. Sie hat sich nun in den Streit eingemischt und betont, dass das Betreungsgeld "völlig falsche Anreize" setze.
Aus ihrer Sicht ist die Wirtschaft momentan auf einem guten Weg, bessere Chancen für Frauen bereitzustellen. Dies zeige auch die steigende Zahl der weiblichen Fach- und Führungskräfte. Doch gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels darf es hier jetzt keine Rückschritte geben. " Es muss verstärkt gelingen, ein gutes Klima nicht für ein 'Entweder oder', sondern für ein 'Sowohl als auch' von Beruf und Familie zu schaffen", fordert Kluth und unterstützt damit auch die Ablehung des Betreuungsgelds aus Sicht der Wirtschaft.
Sowohl Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt als auch Handwerkspräsident Otto Kentzler haben sich gegen diese zusätzliche Sozialleistung ausgesprochen. "Der Beschluss der Bundesregierung zur Einführung des Betreuungsgeldes sollte unbedingt überdacht werden", forderte der Handwerkspräsident.
Die Plätze werden knapp
Ab 2013 will der Bund mit dem Betreuungsgeld 100 Euro an die Eltern von Kindern unter 3 Jahren zahlen, die keinen Krippenplatz in Anspruch nehmen wollen. Wie die Bundeskanzlerin betont, werde dies nichts daran ändern, dass der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze weiter stattfindet. Doch Kritiker befürchten, dass die geplanten Kita-Plätze nicht ausreichen und die Summen, die für das Betreuungsgeld ausgegeben werden sollen, besser in einen weiteren Ausbau gesteckt werden sollten. Da ab dem kommenden Jahr auch ein Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz besteht, könnten die vorhandenen Angebote zusätzlich knapp werden.
Ob weiterhin von Wahlfreiheit gesprochen werden, wenn es nicht genügend Plätze gibt oder wenn die Einrichtungen überfüllt sind und stattdessen sogar Geld gezahlt wird, wenn die Familien auf ihren Anspruch verzichten bleibt also fraglich. Erst wenn Kinderbetreuungsplätze in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, gebe es überhaupt eine echte Wahlfreiheit für Frauen und Männer, sagt auch Heidi Kluth. "Von diesem selbst gesetzten Ziel ist die Bundesregierung aber noch immer weit entfernt", so die Vorsitzende der Unternehmerfrauen.
Integrationspolitisch "ein Schuß in den Ofen"
Aber nicht nur die Fortschritte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden durch das Betreuungsgeld in Frage gestellt. Auch die Förderung von Bildungs- und Berufschancen bei Kindern aus bildungsfernen Schichten könnte damit in Gefahr geraten. "Gerade diese Familien brauchen für ihre Kinder eine frühe externe Förderung", sagt Heidi Kluth. Das Betreuungsgeld würde hier jedoch eher dazu motivieren, diese Chancen nicht zu nutzen. Zudem besteht aus ihrer Sicht die Gefahr, die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen zu verfestigen.
Unterstützung bekommt die Unternehmerfrau bei ihrer Kritik auch von Klaus Bade, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Auch er rät dazu, auf das Betreuungsgeld zu verzichten. Integrationspolitisch wäre das Betreuungsgeld "ein Schuß in den Ofen", erklärt Bade im Jahresgutachten des SVR. Absehbar werde es dazu führen, dass der Besuch einer Kita ausgerechnet bei Kindern zurückgeht, deren Eltern die sozialen Startnachteile ihrer Kinder nicht aus eigener Kraft bis Schulbeginn ausgleichen könnten.
