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Erweiterte technische Norm DIN en 15194 gegen Manipulation von Pedelecs E-Bike-Tuning: Ab Mai nicht mehr so einfach

Statt nur bis zu 25 km/h kann man mit einem Pedelec auch viel viel schneller fahren – ohne Führerschein oder Versicherung. Immer mehr E-Bikes werden getunt. Das ist illegal, aber bislang einfach machbar. Die Änderung einer technischen Norm für Elektrofahrräder soll ab Mai 2019 die Manipulation der E-Bikes beenden.

Als Sportgerät, Alltagsfahrzeug oder sogar für den Warentransport in der Stadt – E-Bikes haben sich als Verkehrsmittel etabliert. Vor allem die Variante bis 25 km/h, bei der man weder Fahrerlaubnis noch Versicherung braucht, ist beliebter denn je. So war das vergangene Jahr auch ein Rekordjahr für die E-Bike-Verkäufer. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) verkaufte der Handel 2018 in Deutschland 980.000 E-Bikes – ein Plus von 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings werden Elektrofahrräder nicht nur gerne gefahren, sondern auch gerne manipuliert – getunt, damit sie schneller fahren.

Die beliebte, aber etwas langsamere Variante der E-Bikes – korrekter Begriff: Pedelecs – ist offiziell als Fahrrad eingestuft. Damit entfallen Pflichten gegenüber den sogenannten S-Pedelecs, die eine Tretunterstützung bis zu 45 km/h bieten und offiziell Kraftfahrzeuge sind. Wer keinen Führerschein hat, muss eine Fahrerlaubnis für Kleinkrafträder der Klasse M vorweisen können, wenn er ein S-Pedelec fahren möchte. Er braucht eine spezielle Haftpflichtversicherung und es besteht eine Helmpflicht.

Warum E-Bikes eigentlich keine E-Bikes sind

Eigentlich habe E-Bikes am Handgriff der Lenkstange einen Gashebel und werden nicht über die Pedale angetrieben. Statt Elektrofahrräder zählen rein technisch eher Mopeds und Motorräder mit Elektromotor in die Kategorie der E-Bikes. Doch umgangssprachlich hat sich der Begriff der E-Bikes anders durchgesetzt und mittlerweile hat er sich für die sogenannten   Pedelecs durchgesetzt – Elektrofahrräder mit Tretunterstützung bei Pedalantrieb bis zu 25 km/h – und S-Pedelecs – die schnellere Variante, die bis zu 45 km/h schafft und als Kraftfahrzeug gilt.

Das alles entfällt für Pedelec-Fahrer – dennoch fahren viele mittlerweile sogar mit mehr als 45 km/h. E-Bikes zu manipulieren, scheint ein Trend und vor allem sehr einfach zu sein – noch. Denn ab Mai 2019 tritt eine veränderte technische Norm in Kraft, so dass die E-Bike-Hersteller stärker in die Pflicht genommen werden, eine Tuningerkennung in ihre neuen Räder einzubauen. So soll sich die Software nicht mehr so manipulieren lassen, indem sie keinen Zugriff mehr auf die relevanten Bauteile zulässt.

Ganz konkret geht es um die Norm DIN EN 15194, die die technischen Vorgaben bzw. die Standards vorgibt, die ein Hersteller zu erfüllen hat, damit sein E-Bike der sogenannten Maschinenrichtlinie entspricht, die die Basis für die Zulassung auf dem europäischen Markt bildet. Die Maschinenrichtlinie in ihrer jetzigen Form gibt es schon seit dem Jahr 2007. "Die Vorgabe, dass die Pedelecs manipulationssicher sein müssen, enthält sie seit Beginn", erklärt dazu Marco Brust vom Prüfinstitut für Mikromobilität velotech.de in Schweinfurt. Allerdings hätten das die Hersteller bislang gekonnt ignoriert und werden nun mit der Neuformulierung der Norm DIN EN 15194 nochmals an ihre Pflichten erinnert.

Mai 2019: Veränderte Norm soll E-Bike-Manipulation stoppen

Im November 2018 wurde in die Norm explizit – und quasi nochmals zusätzlich – hineingeschrieben, dass die Hersteller sich um die Manipulationssicherheit kümmern müssen. Im Mai 2019 erfolgt nun die Veröffentlichung der neuen Listung aller Normen und Veränderungen, die zur Maschinenrichtlinie gehören. "Dann ist die Norm DIN EN 15194 quasi als Ergänzung dem Gesetz – der Maschinenrichtlinie – gleichgestellt", sagt Marco Brust. Da das Tunen der Pedelecs mittlerweile so verbreitet ist, möchte der Gesetzgeber den Herstellern Druck machen, endlich zu reagieren und hat deshalb die technische Norm verändert. "Für die Hersteller ist das Thema jetzt sowohl in der Praxis als auch auf dem Papier deutlich und jetzt müssen sie reagieren. Sie haben ja die Pflicht, ihre Pedelecs nach den geltenden Standards in Sachen Sicherheit zu bauen."

In der Vergangenheit konnte der geneigte Hobbyschrauber, dem sein E-Bike zu langsam war, das Tuning selbst übernehmen – auch wenn dies nicht legal ist. Der Verkauf von Tuning-Sets ist es nämlich, sofern der Anbieter das Produkt mit einem Hinweis versieht, dass das Rad nicht mehr im Straßenverkehr gefahren werden darf. Nach Angabe des Bundesinnungsverbandes des Zweirad-Handwerks tauchen immer wieder Fahrräder in Werkstätten auf bei denen Tachosignale so manipuliert wurden, dass eine Tretunterstützung bis 75km/h möglich war.

Jedes dritte E-Bike ist getunt

Das E-Bike-Tuning hat jedoch sowohl Folgen für das Rad selbst und seinen Motor, die auf Dauer nicht der Belastung Stand halten können. Sie sind schließlich nicht dafür gebaut. Außerdem steigt die Unfallgefahr bei diesem Tempo an. Das wiederum könnte den Trend zum E-Bike ganz schnell beenden. So werden bereits Befürchtungen aus der Fahrradbranche laut, dass es bei steigenden Unfallzahlen der Pedelecs dazu kommen kann, dass der Gesetzgeber ihnen die Pflichten der schnelleren S-Pedelecs auferlegt. Im Vergleich zu den E-Bikes bis 25 km/h befinden sich die schnelleren S-Pedelecs noch immer in einer Nische mit verschwindend niedrigen Verkaufszahlen. Und das liegt nicht an der Technik, sondern an den Auflagen, die diese erfüllen müssen. Denn mehr Tempo ist das, was die E-Bike-Fahrer gerne wollen. Nach ARD-Informationen ist inzwischen jedes dritte E-Bike frisiert, meldet der Bayerische Rundfunk.

Zu unterschätzen sind die Folgen auch aus Sicht des Zweirad-Handwerks nicht. So hat der Bundesinnungsverband schon vor ein paar Jahren – und seither regelmäßig – Positionspapiere zum Tuning von E-Bikes veröffentlicht und klärt darin auch seine Betriebe darüber auf, was zu tun ist, wenn sie manipulierte Pedelecs zur Reparatur bekommen. Denn der Fachbetrieb hat eine Hinweispflicht, dass das Rad durch das Tuning nicht mehr verkehrssicher ist und er kann auch die Reparatur verweigern.

Felix Lindhorst von der gewerbespezifischen Informationsstelle des Bundesinnungsverbands weist zudem auf die rechtlichen Probleme hin, die ein Fahrer eines getunten Pedelecs bekommen kann und es zu einem Unfall kommt. „Mitunter ist es Fahren ohne Führerschein und, Fahren ohne Versicherungsschutz. Zudem verliert der Fahrer durch die Manipulation jegliche Sachmängelhaftung, also die Gewährleistungsansprüche.“ Das Tunen eines Pedelecs kann aus dem Fahrrad ein Kraftfahrzeug machen.

Diejenigen, die die Manipulation vornehmen sind in der Regel keine seriösen Werkstätten. Im Internet lassen sich Videos finden, in denen ein regelrechtes Wettrüsten um das schnellste Pedelec zu vernehmen ist. Eine solche Darstellung hält das Zweirad-Handwerk für sehr gefährlich.

Das angeblich schnellste E-Bike der Welt

Das angeblich schnellste E-Bike der Welt: Der Youtuber Leo Pryside zeigt in einem Video, wie er sein Pedelec tunt.

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