Illegale Manipulationen an Pedelecs E-Bike-Tuning: Gefahren durch zu schnelle E-Bikes

Nur bis zu 25 km/h? Das ist manchem E-Bike-Fahrer zu wenig. Viele Elektrofahrräder werden aufgemotzt. Das ist illegal, aber dennoch verbreitet. Die deutsche Gesetzgebung macht es Anbietern von entsprechenden Lösungen einfach. Doch das E-Bike-Tuning bringt Gefahren mit sich, die viele unterschätzen. Werkstätten haben Hinweispflichten.

Scheinbar harmloses Tunen von E-Bikes kann unangenehme Folgen haben – rechtlich und für die Sicherheit. - © Wayhome Studio - stock.adobe.com

Als Sportgerät, Alltagsfahrzeug oder sogar für den Warentransport in der Stadt – E-Bikes haben sich als Verkehrsmittel etabliert. Vor allem die Variante bis 25 km/h, bei der man weder Fahrerlaubnis noch Versicherung braucht, ist beliebter denn je. So war das vergangene Jahr auch ein weiteres Rekordjahr für die E-Bike-Verkäufer. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) setzte sich der Trend im 1. Halbjahr 2022 auf dem gleich hohen Niveau fort – allerdings bremsen Lieferprobleme bei Ersatzteilen und auch die hohe Inflation die Verkaufszahlen ein wenig.

Elektrofahrräder werden nicht nur gerne gefahren, sondern auch gerne manipuliert – getunt, damit sie schneller fahren. Nach Angabe des Bundesinnungsverbandes des Zweirad-Handwerks tauchen immer wieder Fahrräder in Werkstätten auf, bei denen Tachosignale so manipuliert wurden, dass eine Tretunterstützung bis 75km/h möglich ist. Das E-Bike-Tuning stellt weiterhin ein Problem dar. Für die Fachwerkstätten des Zweirad-Handwerks, den Fachhandel und die Industrie ist es ein Grund, aktive Aufklärungsarbeit zu betreiben. So sagt Felix Lindhorst von der gewerbespezifischen Informationsstelle des Bundesinnungsverbands, dass viele Verbraucher sich nicht über die rechtlichen Konsequenzen des E-Bike-Tuning im Klaren seien. Und er fügt hinzu: "Für Werkstätten, die Pedelecs umbauen oder eine Tuningmaßnahme entdecken, besteht aufgrund des überlegenen Fachwissens gegenüber dem Kunden eine Hinweispflicht."

E-Bike-Tuning hat rechtliche Konsequenzen

Der Verband hat gemeinsam mit Branchenvertretern und der Industrie ein Hinweisblatt zum Thema E-Bike-Tuning verfasst und stellt es Betrieben als Hilfestellung für die notwendige Aufklärung zur Verfügung.

Aufgeklärt werden darüber auch die Werkstätten selbst für den Fall, dass sie den Kunden verhelfen, das E-Bike auf eine höhere Geschwindigkeit zu trimmen. "Schlimmstenfalls wären verschiedene rechtliche Konsequenzen für eine Werkstatt denkbar, z.B. Beihilfe zu einer Straftat, Beteiligung an einer Ordnungswidrigkeit, Haftungsansprüche bei Personen- und Sachschäden oder der Verlust des Betriebshaftpflichtschutzes", warnt Felix Lindhorst.

>>> Über Bußgelder und weitere rechtliche Konsequenzen des E-Bike-Tunings können Sie sich hier informieren.

Im Fokus stehen beim E-Bike-Tuning die sogenannten Pedelecs. Die Begrifflichkeiten (siehe Infokasten) geraten bei Elektrofahrrädern oftmals durcheinander. Gemeint sind mit "E-Bikes" meist die beliebteren, aber etwas langsameren Varianten der E-Bikes – korrekter Begriff: Pedelecs. Sie sind offiziell als Fahrrad eingestuft. Damit entfallen Pflichten gegenüber den sogenannten S-Pedelecs, die eine Tretunterstützung bis zu 45 km/h bieten und offiziell Kraftfahrzeuge sind. Wer keinen Führerschein hat, muss eine Fahrerlaubnis für Kleinkrafträder der Klasse M vorweisen können, wenn er ein S-Pedelec fahren möchte. Er braucht eine spezielle Haftpflichtversicherung und es besteht eine Helmpflicht.

Warum E-Bikes eigentlich keine E-Bikes sind

Eigentlich habe E-Bikes am Handgriff der Lenkstange einen Gashebel und werden nicht über die Pedale angetrieben. Statt Elektrofahrrädern zählen rein technisch eher Mopeds und Motorräder mit Elektromotor in die Kategorie der E-Bikes. Doch umgangssprachlich hat sich der Begriff der E-Bikes anders durchgesetzt und mittlerweile hat er sich für die sogenannten Pedelecs etabliert – Elektrofahrräder mit Tretunterstützung bei Pedalantrieb bis zu 25 km/h – und S-Pedelecs – die schnellere Variante, die bis zu 45 km/h schafft und als Kraftfahrzeug gilt.

Das alles entfällt für Pedelec-Fahrer – dennoch fahren viele mittlerweile sogar mit mehr als 45 km/h. E-Bikes zu manipulieren, scheint ein regelrechter Trend geworden und vor allem sehr einfach zu sein. Zwar trat schon im Mai 2019 eine veränderte technische Norm in Kraft – gemeint ist die DIN EN 15194. Sie nimmt die E-Bike-Hersteller stärker in die Pflicht, eine Tuningerkennung in ihre neuen Räder einzubauen. Durch die Vorgaben in dieser Maschinenrichtlinie soll sich die Software nicht mehr so manipulieren lassen. Sie lässt dann eigentlich keinen Zugriff mehr auf die relevanten Bauteile zu.

Bevor die Änderung in Kraft trat, hatten viele auf ihre Wirkung gehofft. Doch diese kann in der Praxis zu wenig Wirkung zeigen. Diejenigen, die Tuning-Anleitungen und passende elektronische Bauteile anbieten, um in die Motorsteuerungen einzugreifen, machen das weiterhin. Sie passen ihre Lösungen immer sofort an neue Motorenmodelle an bzw. umgehen die Tuning-Sperren durch geschicktes Programmieren. So hat das Tuning nach Aussage von Ernst Brust vom Prüfinstitut für Mikromobilität velotech.de in Schweinfurt nicht abgenommen.

E-Bike-Tuning: Neue Gesetze gegen Manipulationen gefordert

"Als die Norm veröffentlicht wurde, haben viele Hersteller eine Selbstverpflichtung bekannt gegeben, dass sie sich daran halten. Aber in der Praxis bringt das wenig, denn das Tuning findet später statt", sagt der Fahrrad-Gutachter. Er meint damit die E-Bike-Fahrer selbst, die oftmals Hand anlegen an den Rädern oder ihren Händler darum bitten, das Rad ein wenig schneller zu machen. "Das Problem liegt in der Verfügbarkeit der Tuning-Sets. Denn der Handel damit ist in Deutschland nicht verboten", sagt Brust. Voraussetzung: Die Anbieter – und davon findet man im Internet zahlreiche – weisen darauf hin, dass man die Pedelecs dann nicht mehr im Straßenverkehr nutzen dürfe. Ernst Brust sieht deshalb nur eine Lösung für das Problem: "Wir brauchen eine neue Gesetzgebung, die den Verkauf der Tuning-Lösungen genauso verbietet wie den Einbau und die Nutzung der getunten Räder", betont er und weist als Beispiel auf Frankreich hin, wo genau dies bereits gelte.

Brust fordert aber noch mehr, damit das Tuning aufhöre. So sollten sich aus seiner Sicht die Hersteller auch dabei zusammentun, einfachere Schnittstellen zu schaffen, um das Eingreifen in die Steuerung – also das Tunen – aus den Speichern herauszulesen. Nur so könne man erkennen, ob ein E-Bike schneller fahren kann als erlaubt. "Anders als bei Autos, wo quasi jede Werkstatt Fehler aus der Motorsteuerung auslesen kann, funktioniert das bei Pedelecs noch nicht. Jeder Hersteller hat da noch ganz eigene Systeme und das macht es in der Praxis schwer, getunte Räder zu erkennen", sagt der Gutachter.

Doch diese sind seiner Erfahrung nach verbreiteter als viele denken: "Wenn man sieht, dass jemand mit einem Pedelec ohne Anstrengung und mit 25 km/h einen steilen Berg hochfährt, dann kann das nur mit einem frisierten Motor gehen." Solche Situationen könne heute fast jeder im Alltag beobachten. Ernst Brust stellt sie auch immer wieder fest, wenn er nach Unfällen ein Rad überprüfen und dann Gutachten schreiben muss. So ist das Problem mit dem E-Bike-Tuning nicht nur ein rechtliches, sondern es bringt auch erhebliche Gefahren mit sich. Denn es hat Folgen für das Rad selbst und seinen Motor, die auf Dauer nicht der Belastung Stand halten können. Sie sind schließlich nicht dafür gebaut.

E-Bike-Tuning nicht in seriösen Werkstätten

Zu unterschätzen sind die Folgen auch aus Sicht des Zweirad-Handwerks nicht. So hat der Bundesinnungsverband schon vor ein paar Jahren – und seither regelmäßig – Positionspapiere zum Tuning von E-Bikes veröffentlicht und klärt darin auch seine Betriebe darüber auf, was zu tun ist, wenn sie manipulierte Pedelecs zur Reparatur bekommen.

Diejenigen, die die Manipulation vornehmen sind aus seiner Sicht keine seriösen Werkstätten. Im Internet lassen sich Videos finden, in denen ein regelrechtes Wettrüsten um das schnellste Pedelec zu vernehmen ist. Eine solche Darstellung hält das Zweirad-Handwerk für sehr gefährlich.