Ausland Duale Ausbildung in Rumänien: Ausbilden nach Bedarf

Nach der Wende schafft Rumänien sein Berufsschulsystem ab. Dank persönlicher Initiativen und ausländischer Unternehmen, die in den Wirtschaftsstandort investieren, wurde die duale Ausbildung nun zwar wieder eingeführt – doch es fehlt ein einheitlicher Standard nach deutschem Vorbild.

Daniela Croitoru, Direktorin der Berufsschule Kronstadt, in einem der Schulungsräume, die von den Unternehmen ausgestattet werden. - © Daniela Lorenz

Die duale Ausbildung in Rumänien ist blutjung und doch wieder nicht. Mit einigen Jahren Pause gibt es sie seit 2012 wieder, nachdem die staatlichen Berufsschulen Mitte der 2000er-Jahre geschlossen hatten.

Am Beispiel Rumäniens zeigt sich, wie viel Unternehmer und engagierte Bürger auf die Beine stellen können. Es legt aber auch die Schwäche des Staates offen, der sich seiner Verpflichtung entzieht, für einen einheitlichen landesweiten Standard in der dualen Ausbildung zu sorgen. Unternehmen und Schulen fordern entsprechende Rahmenbedingungen und Strukturen, wie sie in Deutschland seit Jahren bestehen. Doch der rumänische Staat lässt diese Chance verstreichen.

Heute deckt die duale Ausbildung in erster Linie den Fachkräftebedarf der ausländischen Industrie und Großunternehmen. Direktorin Daniela Croitoru vergleicht die Berufsschule Kronstadt (Brașov) mit einer "Produktionsstätte" für qualifizierte Arbeitskräfte. Die Berufsschulen sind staatlich, die technische Ausstattung finanzieren die Unternehmen. "Die Firmen bilden nicht mehr aus, als notwendig ist", sagt Doina Banu, stellvertretende Direktorin des "Colegiul Tehnic Energetic Remus Rădulet".

Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis. "Wenn sich die Unternehmen entwickeln, entwickelt sich auch die Schule", sagt Daniela Croitoru. Stagnierten die Unternehmen, bedeute dies Probleme für die Schule. Der Fachkräftebedarf ist da, doch die duale Ausbildung stößt in Rumänien auf verschiedene Probleme.

Engagement ist gefragt

Ob dual ausgebildet wird oder nicht, hängt von der Wirtschaft oder persönlichem Engagement ab. Ein landesweites, standardisiertes und damit vergleichbares Ausbildungssystem gibt es nicht. Die nächst­höhere Qualifikation nach der dualen Ausbildung ist das Abitur mit Berufsausbildung oder ein Studium. Der Meisterbrief als Voraussetzung für die Selbstständigkeit existiert nicht.

Kronstadt gilt in Rumänien heute als Zentrum der dualen Ausbildung. Früher habe es sechs große Fabriken mit eigenen Berufsschulen gegeben. "Die Kinder lernten die Theorie in der Schule und die Praxis im Unternehmen", erinnert sich Daniela Croitoru. Die Struktur einer dualen Ausbildung war im Rumänien unter Nicolae Ceaușescu, der das Land von 1965 bis 1989 als Diktator führte, also schon angelegt. Infolge des Zusammenbruchs des kommunistischen Regimes 1989 schwächelte die Wirtschaft, Staatsbetriebe wurden geschlossen und Fachkräfte wanderten ins Ausland ab. Schließlich stellte man auch das Ausbildungssystem ein.

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    Kronstadt (Brasov) am Fuße der Karpaten gilt als Zentrum der dualen Ausbildung in Rumänien.
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    Ausbildungswerkstatt in der Berufsschule in Kronstadt. Die Berufsschulen in Rumänien sind staatlich, die technische Ausstattung finanzieren die Unternehmen.
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    In der Schwarzen Kirche in Kronstadt soll sich die größte mechanische Orgel Siebenbürgens befinden mit fast 4.000 Pfeifen.
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    Großunternehmen wie die deutsche Schaeffler Group, die in Rumänien investieren, unterhalten auch eigene Schulungswerkstätten für ihre Auszubildenden.
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    Die Schweizer Beatrice Dutli und Ferdinand Stemmer gründeten bereits 2003 eine Orgelbauschule in Honigberg.
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    Der größte Feind der Orgelpfeifen sind Marder und Mäuse. In Honigberg gibt es deshalb auch eine kleinen Pfeifenwerkstatt. Die angehenden Orgelbauer lernen einzelne Pfeifen nachzubauen, zu restaurieren und zum Klingen zu bringen.
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    Ausbildungswerkstatt im "Colegiul Tehnic Energetic Remus Rădulet", das zusammen mit der Berufsschule Kronstadt zum "Campus Tehnic Brașov" gehört.
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    Um mehr Jugendlichen aus ganz Rumänien und vom Land eine Ausbildung zu ermöglichen, baut die Berufsschule Kronstadt ein Internat
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    Schloss Bran: Der rumänische Fahrstuhlspezialist Elmas hat hier einen preisgekrönten Fahrstuhl eingebaut.
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    Daniela Croitoru, Direktorin der Berufsschule Kronstadt, in einem der Schulungsräume.

Fachkräfte von ehemaligen Staatsbetrieben

Mit dem Beitritt zur Europäischen Union 2007 wird Rumänien für ausländische – insbesondere deutsche – Unternehmen interessant. Denn der Arbeitsmarkt bietet Fachkräfte aus den ehemaligen Staatsbetrieben, darunter ein Kugellagerwerk. Als die alten Fabrikarbeiter ins Rentenalter kommen und weil nicht mehr ausgebildet wird, fehlt bald der Nachwuchs. Es gibt erste Überlegungen: Der Deutsche Wirtschafts­club Kron­stadt (DWK) gründet den Verein "Fit for Future", der sich der Einführung der dualen Ausbildung annimmt. Gespräche mit der Stadt führen dazu, dass 2012 die Berufsschule Kronstadt den Lehrbetrieb wieder aufnimmt. Weil sie jedoch schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, schließt sie sich mit dem "Colegiul Tehnic Energetic Remus Rădulet" zum "Campus Tehnic Brașov" zusammen.

Als rumänisches Unternehmen ist Elmas seit Beginn Mitglied des "DWK Fit For Future". Aus der kleinen Werkstatt seines Vaters entwickelt Marton Geza Roth ein Unternehmen mit 400 Mitarbeitern. Der Spezialist für Fahrstühle, Kräne und Gabelstapler ist "sehr zufrieden mit der dualen Ausbildung, das ist für uns die beste Lösung". Weil es an einer standardisierten Ausbildung fehle, hätte er für seinen Betrieb pragmatische Lösungen finden müssen. So habe er ein Standardlehrbuch für Fahrstuhlmontage mit Erlaubnis der amerikanischen Verleger ins Rumänische übersetzen lassen und angepasst.

Nachwuchs und Image

Die duale Ausbildung ist jedoch kein Selbstläufer und ohne Unterstützung kann der Bedarf an Auszubildenden nicht immer gedeckt werden. "Wir würden auch mehr ausbilden, wenn wir junge Leute bekommen würden", sagt Sorin Poteraș, Geschäftsführer der Niederlassung der Schaeffler-Group in Kronstadt. 800 Auszubildende in drei Jahrgängen und drei Berufen beschäftigt Schaeffler. Das Unternehmen habe in diesem Jahr aber zehn Prozent weniger Schüler einstellen können. Sorin Poteraș führt das auf die Pandemie zurück, durch die sie nicht wie sonst in den Schulen für die duale Ausbildung hätten werben können, aber auch auf geburtenschwache Jahrgänge.

Einig sind sich die Berufsschullehrer, dass die duale Ausbildung ein Imageproblem hat. Kleine rumänische Unternehmen hätten kein Verständnis für das duale System, so Lehrerin Oana Alina Pintea vom "Colegiul Tehnic Maria Baiulescu", "weil sie es nicht kennen".

Staatliche Berufsschulen wurden geschlossen

Vor der Wende 1989 sei das noch anders gewesen. "In der kommunistischen Zeit war die Berufsausbildung gut angesehen", sagt Daniela Croitoru. Jedes große Werk hatte seine eigene staatliche Schule. "Es gab ein sehr gutes staatliches Berufsschulsystem", stimmt Sorin Poteraș zu. Mitte der 2000er-Jahre löst der Staat seine Berufsschulen auf. Die Wirtschaft schwächelt, Fachkräfte wandern ins Ausland ab. Die Ausstattung der Berufsschulen ist nicht mehr zeitgemäß und Rohstoffe sind knapp.

"Die duale Ausbildung hat ein schlechtes Image, weil das System zerstört wurde", sagt Andreea Pivariu, Organisationsentwicklerin beim deutschen Lebensmittelgroßhändler Selgros. Doch grundsätzlich keine Ausbildung anzubieten, sei ein Problem. Auf Initiative der technischen Schule in Tartlau (Prejmer) lernen bei Selgros seit zwei Jahren angehende Metzger – fünf pro Jahrgang. Das Angebot gibt es auch für Bäcker. Die Schule gibt an, für beide Berufe die einzige duale Berufsschule in Rumänen zu sein.

Zwei Systeme in einer Schule

Für ein nichtstandardisiertes System spricht auch, dass eine zweite Variante der dualen Ausbildung angeboten wird. In der technischen Schule "Maria Baiulescu" in Kron­stadt werden Schüler dual unterrichtet oder können – nicht dual – das Abitur mit Lehre anstreben. Die duale Ausbildung ist seit 2017 für die Berufe Friseur, Spinner, Weber und Stricker möglich. Durch Corona gibt es in diesem Jahr dafür jedoch keine An­­meldungen.
Ausbilder und Lehrer sind sich einig, dass sich nur dann mehr Kinder für eine duale Ausbildung entscheiden, wenn die Eltern die Chancen dieses Bildungsweges kennen und schätzen. "Die Eltern treffen die Entscheidung", sagt Oana Alina Pintea. Es sei schwer, Eltern zum Umdenken zu bewegen. "Deshalb braucht es mehr Unterstützung auf allen Ebenen", sagt Doina Banu.

Viele Eltern wüssten nicht, was duale Ausbildung bedeute. Deshalb müsse mehr Werbung für die dualen Berufsschulen gemacht werden. "Das Augenmerk liegt immer nur auf der Universität", findet auch Nicoleta Pădalută. Sie betreibt eine Druckerei und weil sie keine Mitarbeiter fand, startete sie im vergangenen Jahr über ein EU-Projekt die Lehre für Drucker. Seit 1999 habe es für Drucker keine staatliche Ausbildung mehr gegeben. Nun findet diese privat initiierte Ausbildung parallel zur Schule statt. Täglich absolvierten die Schüler zwei Stunden Theorie und samstags acht Stunden Praxis. 40 hat Nicoleta Pădalută nach eigenen Angaben schon unterrichtet.

Für die Zukunft der dualen Ausbildung in Rumänien wünscht sich Sorin Poteraș "mehr Unterstützung der lokalen Regierung". Oft geäußert wird auch der Wunsch nach einem übergeordneten Dachverband, der sich um einen einheitlichen Standard der Ausbildung und insbesondere der Ausbildungspläne kümmert. "Es müsste eine Institution geben, die das System fördert und alle, die ausbilden wollen, unter ein Dach bringt", sagt Oana Alina Pintea.

Hilfe zur Selbsthilfe

Einen anderen Weg gehen Ferdinand Stemmer und Barbara Dutli. Die Schweizer gründen 2003 eine Orgelwerkstatt in Honigberg (Hărman). Sie bilden Schreiner und Orgelbauer aus. Finanziert wird die Lehrwerkstatt durch Stemmers Stiftung. "Der Staat hat uns nicht unterstützt", sagt er. Ab 2012 können sie Auszubildende als Mitarbeiter in eine Firma übernehmen.

Ihr Ziel ist "Hilfe zur Selbsthilfe" und inzwischen haben der Orgelbaumeister und die Orgelbauerin die Firma an "zwei Jungs, die hier gelernt haben, übergeben", sagt Barbara Dutli. Da es eine Meisterausbildung in Rumänien nicht gibt, waren zusätzliche betriebswirtschaftliche Kurse und einige Jahre der Übergabe notwendig und jetzt "läuft das auch ohne uns weiter", freut sie sich. Denn in Rumänien werde zwar viel ausgebildet, aber nur für den Bedarf deutscher Unternehmen. Ein rumänischer handwerklicher Mittelstand werde so nicht geschaffen.

Mitarbeit: Cristian Macedonschi