Denkmalcamp in Martinsdorf Auszubildende lernen am Denkmal in Rumänien

Seit Jahren bewahren deutsche Handwerker Kirchenburgen in Siebenbürgen vor dem Verfall und lehren Azubis historische Techniken. Am Denkmalcamp in Martinsdorf nahmen 20 Auszubildende des Maler- und Lackiererhandwerks teil.

Millimeterarbeit: Sechs Jahre dauert es nun schon, die Malereien auf der Holzempore der evangelischen Kirche von Mardisch freizulegen. Besonders spannend wird es für die Azubis, wenn eine Schrift zum Vorschein kommt. - © Sto-Stiftung

Dumpfes Brummen erfüllt die Kirche von Mardisch. Fünf Malerazubis stehen dicht vor der Empore. Konzentriert halten sie einen Föhn an das Holz und setzen dann das Skalpell an. Durch die Wärme quillt die hellblaue Ölfarbe auf, bevor sie abgetragen werden kann. "Die Herausforderung ist, den richtigen Abstand zum Objekt zu finden, um Farbe und Grundierung in einem Arbeitsschritt abzunehmen", erklärt Bettina von Boch. Unter Anleitung der Kirchenmalermeisterin aus Miesbach legen die Auszubildenden Millimeter um Millimeter frei. Mandy Hördt mag diese Arbeit, mit der sie Blumen und Schriften zu Vorschein bringt. Die 18-Jährige möchte sich zur Kirchenmalerin weiterbilden. "Alles wird uns sehr gut gezeigt und wir sehen unsere Fortschritte."

Die Heidenheimerin ist eine von 20 Auszubildenden im Maler- und Lackiererhandwerk, die einen Platz im Denkmalcamp der Sto-Stiftung im rumänischen Martinsdorf ergattert haben. Jungen Menschen etwas beizubringen und sie für Weiterbildung zu interessieren, ist ein erklärtes Ziel der Auslandsreise. "Wir haben sie neugierig gemacht", sagt Gregor Botzet, Stiftungsrat Handwerk, "und wir sehen bei den Jugendlichen eine Entwicklung." Beim Denkmalcamp gehe es um Wissen und um Kultur, Land und Leute, um das Miteinander im Team. "Die Gruppe ist toll", sagt Karina Paulus aus Wernberg-Köblitz. "Wir haben uns alle schnell richtig gut verstanden", stimmt Maja Meister aus dem Vogelsbergkreis zu.

Historische Mal- und Restaurierungstechniken

In vier Workshops zeigen Experten aus Deutschland historische Mal- und Restaurierungstechniken: Neben den Freilegearbeiten in der Kirche in Mardisch noch Graumalerei, Schabloniertechnik und Befunduntersuchungen. Das "eigentliche" Denkmalcamp liegt einige Autominuten von Mardisch entfernt. Seit über zehn Jahren setzen deutsche Handwerker auch das weitläufige Gelände der Kirchenburg von Martinsdorf in Stand. Am Anfang noch eine Initiative der Baufachschule, der Bauinnung sowie der Maler- und Lackierer-Innung München ist die Baustelle seit 2019 ein "Erasmus+"-Projekt der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Zwei- bis dreimal im Jahr treffen sich Gewerke wie Maler, Maurer, Zimmerer und Stuckateure im Kaltbachtal. Den Rest des Jahres steht die Baustelle still.

Die Auszubildenden dürfen in Rumänien – anders als in Deutschland – ihr neu erworbenes Wissen an denkmalgeschützten Gebäuden anwenden. "Jeder hier will etwas lernen", sagt Maja Meister. Die 18-Jährige hat sich mit ihrem Stupfpinsel in die Schabloniertechnik vertieft. "Man bekommt viel mit, was einen beruflich weiterbringt." Karina Paulus sitzt derweil auf einer Leiter und kratzt behutsam mit einem Skalpell briefmarkengroße Quadrate aus der Wand. Die Stirnlampe hilft ihr, die unterschiedlichen Schichten an der Wand im Pfarrhaus zu erkennen. "Es gefällt mir, Schicht für Schicht ­frei­zulegen", sagt die 19-Jährige. Unter der Anleitung von Farb- und Lacktechniker Lukas Keller dokumentiert jeder Azubi Untergrund und Beschichtungen. "16 Farbschichten im Deckenfries waren das meiste, was wir gefunden haben", sagt er.

Einfaches Leben im Dorf

Am Abend tönt ein gleichmäßiges Ping-Pong über das Gelände. Bewegung an der Tischtennisplatte ist der willkommene Ausgleich zur konzentrierten Arbeit. Später, wenn die Sonne untergeht, wird es frisch und man versammelt sich am Lagerfeuer. "Wie eine große Familie", beschreibt Gregor Botzet die Stimmung im Camp. 60 Kilometer von Hermannstadt (Sibiu) entfernt ist das Dorfleben einfach. Man sieht Pferdewagen auf den holprigen Straßen. Toiletten mit Spülung gibt es nicht, das Wasser im mobilen Duschcontainer ist knapp. Doch man gewöhne sich daran und David Brandt ist für die Erfahrung dankbar. "In diese Gegend wäre ich wahrscheinlich nie gefahren", sagt der 21-Jährige aus Ravensburg. Er will berufliche Kontakte knüpfen, die "hoffentlich bestehen bleiben".

Wenn die Baustelle in einigen Jahren beendet ist, soll die Kirchenburg mit Pfarrhaus, Wehrturm und Nebengebäuden ein Weiterbildungszentrum für Jugendliche werden. Da etliche der Kirchenburgen in Siebenbürgen einsturzgefährdet sind, "werden wir uns von dort aus engagieren, wo Not am Mann ist", sagt Michael Doll, Vorstandsvorsitzender des Vereins Handwerkerschule Martinsdorf, der das Camp vor Ort durchführt. Er ist Anfang Oktober wieder vor Ort. Es gibt noch viel zu tun.