Die Seile der Carl Stahl GmbH müssen viel aushalten – ob als Fangnetz am Dubai Tower oder als Sicherheitsgurte beim Hochhausbau. Der Seil-, Hebe- und Sicherheitstechnikspezialist bedient ein breites Spektrum an Zielgruppen und Märkten und hat sich in 133 Jahren zum Global Player entwickelt.
Daniela Reichart


Es begann 1880 mit Seilen etwa aus Hanf. Gespleißt, geschlagen und zu Litzen sowie dicken Seilen verarbeitet wurden sie mit knarrenden Maschinen aus Holz. Eine davon steht nur wenige Schritte vom Büro des Unternehmers Wolfgang Schwenger entfernt, der in fünfter Generation die Firma Carl Stahl leitet. Die Maschine ist lange Vergangenheit.
In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Mittelständler aus dem baden-württembergischen Süßen zum weltweit agierenden Seil-, Hebe- und Sicherheitstechnikspezialisten mit aktuell 1.475 Mitarbeitern entwickelt. Ein Mann an der Spitze reicht dafür nicht. Schwenger und sein Schwager An dreas Urbez sowie Wolfgang Funk, der langjährige Geschäftsführer der Technocables-Division, teilen sich die Aufgaben des Global Players an international 60 Stützpunkten.
60 Stützpunkte auf fünf Kontinenten
"Durch Zukäufe und Übernahmen sowie das Gründen von Zweigwerken hat sich die Zahl der Standorte weltweit verzehnfacht in den letzten vierzig Jahren", sagt Geschäftsführer Schwenger. Das Unternehmen produziert Seile aller Art für ganz verschiedene Märkte, wie zum Beispiel Maschinenbau, Architektur und Flugzeugbau. Für Schiffe etwa baut Carl Stahl Ketten für Anker. Ein Vorzeigeprojekt war die Versorgung von mechanischen Steuerungselementen bei der Concorde.
Mit der Standortzahl stieg natürlich auch der Umsatz, und das sehr erfolgreich: von 1990 bis heute von umgerechnet knapp 30 Millionen Euro auf über 260 Millionen Euro. "Mit dazu beigetragen hat eine Erweiterung der Produkt- und Dienstleistungspalette, durch die wir wiederum neue Zielgruppen und Märkte erschlossen haben", so der Chef des Familienunternehmens.
Produktverbesserungen oft in kleinen Schritten

Ein zentrales Geschäftsfeld ist die Hebetechnik. Sie umfasst Ratschzüge, sensorgestützte Coilgreifer bis zum Kranseil. Im engen Austausch mit den Kunden arbeitet das Unternehmen dabei auch fortlaufend an Produktverbesserungen. Das muss nicht immer der große Wurf sein. Die technischen Entwicklungen erfolgen zum Teil in ganz kleinen Schritten. Durch das Härten eines Zahnsegments zum Beispiel kann eine bestimmte Hebeklemme jetzt jede Art von Blechen greifen und nicht wie vorher nur glatte Bleche.
Neben den Details bestimmter Hebetechniken sind für manche Einsatzzwecke aber auch Komplettlösungen gefragt, etwa bei der Bewegung tonnenschwerer Güter auf Großbaustellen: Für den Transport von Schalungen mit Stahlrahmen sowie Stahlstützen, die dort vorher verschmutzt und ramponiert ankamen, entwickelten Carl-Stahl-Mitarbeiter ein Logistikkonzept.
Seite 2: Das Unternehmen gilt bei den Kunden inzwischen als Transportexperte. >>>
Kernstück der Lösung ist eine Hängebahn, an der die Arbeiter mit elektrischen Balancern, ähnlich wie Federzüge, die bis zu 80 Kilogramm schweren Teile ohne Beschädigung aufnehmen und einhängen können.
Beim Materialfluss hilft der effiziente Transport
Beim Stuttgarter Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation beobachten Forscher solche Entwicklungen mit Interesse. Strategieberater Oliver Scholtz bestätigt, dass die Produktionsplanung der Firmen vor dem Hintergrund der Produktivitätssteigerung immer ganzheitlicher wird. Gerade der Materialfluss in Fabrikhallen vom Anliefern über das Bearbeiten bis zum Verpacken lasse sich um 30 Prozent und mehr optimieren.

Die Kunden suchen dafür auch zuweilen den Rat der Carl Stahl GmbH als Experte. So bietet das Unternehmen Maschinenbauern an, sie bereits in die Entwicklungsphase neuer Apparate einzubinden, etwa bei Transportmitteln, die Vakuumtechnik nutzen.
"Wir arbeiten seit jeher stark für die Arbeitssicherheit"
Auch für die Architektur entwickeln Mitarbeiter von Carl Stahl modernes Design: Ob als Schutznetz an Zoogehegen oder als Absturzsicherung für Treppen. Edelstahlseile und -netze kommen sowohl als ästhetisches Element wie auch zur Absturzsicherung zum Einsatz. Anschauliches Beispiel ist der Dubai Tower, für den Carl Stahl Edelstahlnetze am Hubschrauberlandeplatz gefertigt hat – statt eines sonst üblichen Geländers.
Sicherheit ist ein Bedürfnis, dem die Carl Stahl GmbH mit den Produkten vor allem gerecht wird. "Unsere Arbeit ist seit jeher stark in der Arbeitssicherheit verankert", sagt Wolfgang Schwenger. Die Württemberger bieten beispielsweise persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz bei Arbeiten an hohen Gebäuden und Maschinen an. Inzwischen geht es dabei nicht mehr nur um Seile und Gurte.
Seite 3: Zum Seil kommt neue ausgefeilte Sicherheitstechnik hinzu . >>>
Drahtzieher der ModerneDie Technik wird immer ausgefeilter. Denn für Arbeiten etwa auf Flugzeugen, Tanks oder Bahnwaggons gibt es kaum Anschlagpunkte zum Sichern. Hier kommen sogenannte Vakuum-Anker zum Einsatz, die sich wie Saugnäpfe auf der Oberfläche in Sekundenschnelle festsaugen. Carl Stahl bietet neben der Technik auch das nötige Wissen zur Anwendung, also Beratungen, Gefahrenanalysen und die Montage von Absturzsicherungssystemen.
Kundenschulungen in der eigenen Akademie
Das Drahtseil ist immer noch Carl Stahls Kernkompetenz und wird beinahe unbegrenzt in jedem Industriezweig eingesetzt. Es kommt auch in der Medizintechnik zum Einsatz. Ärzte nutzen Seile in endoskopischen Geräten für patientenschonende Untersuchungen oder Operationen.
Diese Seile werden weiterhin am Stammsitz in Süßen produziert – in allen erdenklichen Stärken: von haarfein bis armdick. Wer den Firmensitz besucht, kann sich aber nicht nur über den aktuellen Stand der Seiltechnik informieren. In einem kleinen Seilerei-Museum wird gezeigt, wie 1880 alles angefangen hat: mit knarrenden Maschinen aus Holz. carlstahl.com
Drei Fragen an den Firmenchef
Wie man einen Weltmarktführer führt, wollten wir vom geschäftsführenden Gesellschafter Wolfgang Schwenger wissen. Der 44-jährige Betriebswirt ist sehr viel international auf Reisen. Wir haben den zweifachen Vater dennoch erreicht.
Drahtzieher der ModerneDHZ: Herr Schwenger, wie schaffen Sie es, ein so weit verzweigtes Unternehmen zu lenken, ohne den Überblick zu verlieren?
Schwenger: Wir haben ein sehr ausgeprägtes Reporting und Controlling, so dass wir Schwachstellen früh erkennen. Dazu gehört eine standardisierte Kommunikationskultur, damit Informationen schnell und vollständig in alle thematischen Sparten und regionalen Standorte fließen und von dort die Zentrale erreichen.
DHZ: Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Beruf?
Schwenger: Es ist die Chance, etwas gestalten zu dürfen; täglich etwas Neues zu lernen und Menschen eine Arbeit und eine Aufgabe geben zu können.
DHZ: Und die Kehrseite? Was sind die unangenehmen Aspekte an Ihrer Aufgabe?
Schwenger: Die vielen Reisen erfordern für ein paar Monate im Jahr ein Leben aus dem Koffer, das leider nur wenig Zeit für die Familie und für Hobbys lässt. Auch ist die Schlagzahl sehr hoch, in der ich Fakten zur Kenntnis nehmen und auf deren Basis entscheiden muss. dr

