Interview Digitalisierung: "Für viele Handwerksbetriebe ist sie eine Chance"

Die meisten Handwerksbetriebe sehen zwar die Notwendigkeit, ihre Prozesse zu digitalisieren, viele scheitern aber an der Umsetzung, weil sie den Aufwand scheuen. Digitalisierungsexpertin Diana Friedl von der Handwerkskammer Karlsruhe hilft Betrieben, individuelle Strategien zu entwickeln – und betont: Investitionen in die Digitalisierung zahlen sich nachhaltig aus.

Die Digitalisierung interner Prozesse und Anwendungen wird für einige Handwerksbetrieben zur Existenzfrage. - © GraphicStock - stock.adobe.com

Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) nutzten 2022 mehr als zwei Drittel aller Handwerksbetriebe in Deutschland digitale Technologien und Anwendungen. 2017 waren es 45 Prozent. Die Corona-Pandemie wirkte wie ein Katalysator für die Digitalisierung im Handwerk. Mittlerweile ist jeder zweite Handwerksbetrieb davon überzeugt, dass die Digitalisierung ihnen die Existenz sichert. Im Interview spricht Diana Friedl, Beauftragte für Innovation und Technologie mit Schwerpunkt Digitalisierung von der HWK Karlsruhe, über die Chancen eines digitalisierten Handwerks.

"Unternehmer wissen nicht, wo sie beginnen sollen"

Ergebnisse der Studie vom ZDH und Bitkom zeigen u.a., dass 83 Prozent der Betriebe grundsätzlich eine positive Haltung gegenüber der Digitalisierung haben. Dennoch nutzen nicht nicht entsprechend viele Handwerksbetriebe die Chancen digitaler Anwendungen. Warum?

Diana Friedl: Das hängt wahrscheinlich an der fehlenden Zeit. Vielleicht scheut man auch den ganzen Prozess bezüglich Aufwand und Geld, der damit verbunden ist. Es dauert, bis eine genaue Digitalisierungsstrategie ausgearbeitet ist. Hinzu kommt dann die Umsetzung. Vielleicht weiß ein Unternehmer auch nicht, wo er beginnen soll.

Was motiviert Betriebsinhaber, doch den ersten Schritt zu machen?

Das ist von der Branche abhängig und wie groß der Betrieb ist. Oft sind es die Themen Fachkräftemangel und Neukundengewinnung. Bei anderen Betrieben ist es die Arbeitserleichterung. In der Beratung habe ich häufig erlebt, dass das Thema vor oder nach einer Betriebsübernahme angegangen wird.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung?

Mit der Digitalisierung lässt sich die Effizienz steigern. Es kommt zu weniger Fehlern und das wirkt sich positiv auf die Kosten aus. Schlussendlich kann man damit eine Gewinnsteigerung erzielen. Als Arbeitgeber ist es möglich, seine Attraktivität zu steigern und neben der Kunden- auch die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Hürden bei der Digitalisierung?

Bei der Ressourcenknappheit mit Hinblick auf Zeit und Geld. Wenn man als Unternehmer einen kompletten Geschäftsbereich digitalisieren möchte und sich zum Beispiel ein "papierloses Büro" anschaffen will, dann muss man am Anfang Zeit und Geld investieren. Anders geht es nicht. Aber es ist keine verlorene Investition, wenn man bedenkt, dass man dadurch unter anderem eine Effizienzsteigerung erzielen kann. Unternehmer müssen sich bewusst werden, dass sie damit nachhaltig investieren.

Wie sollten Betriebsinhaber die Digitalisierung angehen?

Betriebe sollten eine auf sie zugeschnittene Strategie entwickeln. Dafür ist eine fachmännische Beratung sinnvoll. Hilfe gibt es zum Beispiel bei der zuständigen Handwerkskammer. Wenn die Kapazitäten vorhanden sind, bietet es sich zudem an, einen Digitalisierungsbeauftragten zu ernennen. Idealerweise handelt es sich dabei um einen digitalaffinen Mitarbeiter im Betrieb.

Urbane Betriebe sind digitalisierter als ländliche. Welche Chancen lassen ländliche Handwerksbetriebe dadurch liegen?

Bei den ländlichen Betrieben ist es oftmals der Fall, dass sie einen kleinen Radius haben, in dem sie tätig sind. Durch eine Onlinepräsenz können diese Betriebe attraktiver für potenzielle Kunden und als Arbeitgeber auch außerhalb dieses Radius werden. Viele Kunden haben zudem mittlerweile den Anspruch, an Unternehmen einfach online Termine machen zu können. Vor einem Anruf schrecken viele zurück und suchen sich dann lieber Betriebe, bei denen eine Online-Buchung möglich ist.

Wird in den handwerklichen Ausbildungen schon genügend zum Thema Digitalisierung vermittelt?

Gerade die Unternehmen, die einen starken Fokus auf das Thema haben, zeigen sich unzufrieden. Sie wünschen sich, dass die Digitalisierung einen Schwerpunkt in der Ausbildung bildet. Dahingehend sollten die Lerninhalte aktualisiert, aber auch Ausbilder geschult werden. Das traditionelle Handwerk beizubehalten ist trotzdem weiterhin sinnvoll.

Welche Rolle wird die Cybersicherheit zukünftig für Handwerksbetriebe spielen?

Eine sehr große. Unternehmen sollten sich dahingehend spezielle Hilfe suchen. Gerade weil Kriminalität zusehends über Phishing-E-Mails ein Einfallstor findet. Handwerksbetriebe haben beispielsweise sensible Kunden- und Finanzdaten. Diese benötigen besonderen Schutz vor Hackerangriffen.

Digitalisierung im Handwerk

Einen ersten Eindruck, wie umfangreich die Digitalisierung eines Unternehmens ist und welche einzelnen Schritte mitgedacht werden müssen, finden Interessierte auf der Seite der Handwerkskammer Karlsruhe.