Neue EU-Verordnung trifft Betriebe Digitaler Produktpass: Das müssen Handwerksbetriebe liefern

Mit dem digitalen Produktpass der EU müssen künftig selbst kleine Zulieferer Daten zu Herkunft, CO₂-Fußabdruck und Recyclingfähigkeit ihrer Produkte liefern. Für Handwerksbetriebe bedeutet das mehr Aufwand – aber auch eine Chance.

Digitale Produktpass
Der digitale Produktpass betrifft auch Zulieferer - etwa von Fußmatten im Auto. - © nito - stock.adobe.com

Schon eine kleine Fußmatte könnte bald zum bürokratischen Stolperstein für Handwerksbetriebe werden. Hintergrund ist der neue "Digitale Produktpass" (DPP) im Rahmen der EU-Verordnung über Ökodesign für nachhaltige Produkte (ESPR). Er umfasst Angaben zu Herkunft der Rohstoffe, dem CO2-Fußabdruck, dem Recyclinganteil oder auch der Lebensdauer.

Der DPP ist damit deutlich weiter gefasst als die alte Ökodesign-Richtlinie, die vor allem auf die Energieeffizienz in der Nutzung zielte. Tom Buchert, Experte bei T-Systems für den Bereich "Produktlebenszyklus-­Management", erklärt: "Es hat sich gezeigt, der Blick auf die Nutzung allein greift zu kurz. Produkte müssen entlang ihres gesamten Lebenszyklus betrachtet werden – mit einem besonderen Augenmerk auf ­Reparierbarkeit und Kreislaufwirtschaft."

Als digitaler Steckbrief eines Produkts soll der DPP per QR-Code, RFID- oder NFC-Chip abrufbar sein und die Verbraucher möglichst transparent informieren. Bei Batterien etwa, für die der DPP ab Februar 2027 gilt, sind Angaben zur Materialzusammensetzung, der Umweltbilanz der Fertigung und sogar dynamische Nutzungsdaten wie die Anzahl der Ladezyklen enthalten. "Betroffene Firmen bereiten sich intensiv darauf vor, diesen Produktpass in korrekter Form zu liefern", sagt Buchert.

Schritt für Schritt sollen bis 2030 weitere Produktgruppen folgen: Textilien, Möbel, Bauprodukte, Reifen, Stahl, Elektronik. Am Ende soll – mit Ausnahme von Lebensmitteln – nahezu jede Produktgruppe einen solchen Pass erhalten. Damit werden künftig auch einige Handwerksbetriebe von der EU-Verordnung betroffen sein.

Produktdaten entlang der Lieferkette erforderlich

Verpflichtet wird von der EU zwar formal der "In-Verkehr-Bringer", also der Hersteller des Endprodukts. Doch in der Praxis ist die gesamte Wertschöpfungskette bis zum kleinsten Zulieferer in der Pflicht, weiß Buchert. "Bei einem Automobilkonzern etwa könnte das bis zur Fußmatte aus Bambus oder Kokos reichen, die da irgendwo im Fahrzeug auf dem Boden liegt. Davon wird keine am Produktionsprozess beteiligte Firma ausgenommen", so der Experte. Wer als Polsterer Sitzbezüge fertigt, als Manufaktur Naturfasermatten herstellt oder als Schreiner Möbel baut, muss perspektivisch Daten zu Material, Herkunft und Recyclingfähigkeit liefern – elektronisch und in standardisierter Form. Das Vehikel dafür sind sogenannte Datenräume, etwa Catena-X in der Automobilbranche. Dabei handelt es sich um ein offenes, kollaboratives Datenökosystem. Jede Firma installiert eine kleine Software-Schnittstelle (Konnektor), über die Daten Punkt-zu-Punkt mit Lieferanten und Kunden ausgetauscht werden, ohne dass es einer zentralen Cloud bedarf.

Aktuell reiche die Datenkette bis zu Lieferanten der zweiten Stufe, sagt Buchert: "Bis man beim kleinen Zulieferer aus dem Handwerk ankommt, dauert das noch eine Weile – aber die Bewegung ist unumkehrbar." Unternehmen, die keine Daten für den DPP liefern, müssten damit rechnen, ausgetauscht zu werden, so der Fachmann: "Die Hersteller werden sehr rigoros vorgehen, um ihre Lieferkette rechtssicher zu halten."

Bürokratiemonster oder Modernisierungschance?

Auf die Frage, ob der DPP nicht ein neues Bürokratiemonster schaffe, antwortet Buchert ehrlich: "Ja, es gibt einen gewissen Aufwand. Definitiv." Aber: "Man kann sich einen ­Service-Provider an die Seite holen, und der erledigt 90 Prozent der Arbeit." Manufakturbetriebe mit kleinen Stückzahlen kämen oft sogar mit gewöhnlichen Excel-Tabellen aus, die sich an die Datenräume anbinden ließen. Im DPP sieht Buchert für das Handwerk auch eine Chance: "Ein Stück weit ist es ein Sprung ins kalte Wasser – doch genau dadurch kann ein echter Digitalisierungsschub entstehen, der Potenziale freisetzt."

Konkret: bessere interne Datenbasis als Voraussetzung für KI-Anwendungen, neue Geschäftsmodelle rund um Reparatur, Wiederaufbereitung und Wartung – und ein direkter Draht zum Endkunden, der per QR-Code Materialherkunft und Nachhaltigkeitsnachweise abrufen kann. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Telekom zeigt: Knapp die Hälfte der Verbraucher zahlt für nachhaltigere Produkte mehr – wenn die Angaben glaubwürdig belegt sind. Genau das soll der neue Pass leisten.

Handwerker sollten rechtzeitig klären, ob die eigene Produktgruppe betroffen ist, den Datenbestand inventarisieren und frühzeitig mit geeigneten Service-Providern sprechen, empfiehlt Buchert. Wer nicht reagiere, laufe Gefahr, in ein paar Jahren aus der Lieferkette gedrängt zu werden.