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Fernwartungs-Apps und Online-Shops nutzen Digitale Geschäftsmodelle für das Handwerk

Ob Fernwartungs-Apps für das SHK-Handwerk oder Online-Portale für Malerbetriebe – Handwerker können mit digitalen Serviceleistungen neue Kunden gewinnen. Doch die Zeit drängt.

Steigende Umsätze, volle Auftragsbücher, exzellentes Geschäftsklima: Vielen Handwerksbetrieben geht es laut jüngster Konjunkturumfrage richtig gut. Damit das auch so bleibt, gilt es, die Herausforderungen des digitalen Wandels zu meistern. Viele Betriebe fragen sich, wie sie das schaffen. Dabei gerät ein Aspekt oft aus dem Blick: Die Digitalisierung birgt für das Handwerk viele Chancen. Wer sie nutzen will, kann heute schon sein Geschäftsmodell darauf ausrichten.

Auf den ersten Blick setzt der digitale Wandel das Handwerk unter Handlungsdruck: Die Industrie kann individualisierte Produkte zum Preis von Massenware herstellen; Zulieferer wetteifern, wer sich besser in die digitalisierten Prozessketten großer Auftraggeber einfügen kann und Heimwerker bieten ihre Werke nicht mehr nur auf Märkten, sondern über Do-it-yourself-Plattformen Kunden in ganz Deutschland an.

Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass auch das Handwerk durch digitale Technologien neue Produkte und Dienstleistungen anbietet, weitere Einnahmequellen erschließen und seinen Kundenstamm vergrößern kann.

Fernwartung für SHK-Betriebe

Digitale Technologien ermöglichen zum Beispiel Fernwartung – ein Betätigungsfeld, von dem insbesondere die SHK-Branche profitieren kann. Erste Gehversuche wagen etwa Sanitär-Betriebe, die sich via App per Video ins geflutete Badezimmer des Kunden schalten. So kann die Firma schon vor dem Einsatz vor Ort auf die Suche nach der Ursache gehen – der neue Service beruhigt die Kunden und hilft, die Kollegen im Außendienst optimal vorzubereiten.

Das Handwerk sollte auch Online-Shops für sich nutzen, um so seine Leistungen deutschlandweit anzubieten und neue Kunden zu gewinnen. Das hilft insbesondere Firmen in ländlichen Regionen, deren bisherige Kundschaft durch den demographischen Wandel zu schrumpfen droht.

Neukunden durch Online-Shop

So gibt es bereits Maler- und Lackiererbetriebe, deren Kunden über eine Online-Plattform die Gestaltungswünsche für ihre Wohnung und Möbel über Parameter wie die Flächenmaße eingeben können. Die Firmen entwerfen darauf aufbauend individuelle Farbkonzepte und schicken die Muster an die Kunden. Diese entscheiden sich dann für ihre Wunschfarbe, die sie geliefert bekommen. Auf diese Weise kann nicht nur die Auslastung der Betriebe erhöht werden – sondern, wichtiger –, ein neuer Kundenstamm erschlossen werden, der in den urbanen Ballungszentren beheimatet ist.

Im nächsten Schritt kann der Betrieb sein Leistungsangebot und Kundenspektrum weiter ausbauen, indem er seine Plattform für Partner in den Städten öffnet. So lassen sich auch Kunden erreichen, die Malerarbeiten in den eigenen vier Wänden lieber den Profis überlassen.

Nur eines von vielen Beispiele, das veranschaulicht, welche Chancen digitale Plattformen und Kooperationen dem Handwerk bieten. Deren Nutzungsmöglichkeiten sind übrigens vielseitig: So wäre es zum Beispiel auch denkbar, über eine Online-Plattform freie Produktionskapazitäten der eigenen Anlagen an ­andere Handwerksbetriebe zu vermieten.

Immerhin ein Fünftel der Betriebsinhaber ist sich der Chance durch den digitalen Wandel bewusst, wie die Konjunkturumfrage 2016 des Zentralverbands des Deutschen Handwerks zeigt.

Handwerk im Rückstand

Doch entsprechende Maßnahmen leitet bisher nur jeder fünfte Betrieb ein. Als Gründe nennen die Befragten oft fehlendes Fachwissen und einen Mangel an Ressourcen. Dabei muss man nicht unbedingt den Rat von IT-Experten einkaufen, sondern kann im ersten Schritt kostenlose Informations- und Unterstützungsangebote von neutralen Anbietern nutzen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat zum Beispiel den Förderschwerpunkt Mittelstand-Digital geschaffen. Hier gibt es ein eigenes Kompetenzzentrum Digitales Handwerk, das an mehreren Standorten in Deutschland gezielt dabei unterstützt, digitale Hilfsmittel einzuführen oder neue Geschäftsfelder aufzutun.

Als zusätzliche Motivation für Handwerker bietet sich ein Perspektivwechsel an: Bei der Anpassung des eigenen Geschäftsmodells an den digitalen Wandel sind kleine und mittlere Handwerksbetriebe gegenüber Konzernen nämlich durchaus im Vorteil – gerade wegen ihrer Größe.

Vorteile der Branche nutzen

Das liegt zum einen an der Unternehmenskultur: Flache Hierarchien, persönliches Miteinander, kurze Entscheidungswege und problemlösungsorientierte Zusammenarbeit prägen das Handwerk. Das ist ein echter Vorteil bei der Umsetzung gegenüber der stärkeren Anonymität, den starren Hierarchien und umständlichen Dienstwegen in Konzernen. Diese Agilität, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sind entscheidend für den Erfolg von Digitalisierungsstrategien.

Zudem ist das Handwerk kreativ, womit eine weitere wichtige Grundvoraussetzung für Innovationen gegeben ist. Hier zeigt die Erfahrung: Es lohnt sich, die eigenen Mitarbeiter zu ermuntern, Vorschläge einzubringen und sich ganz bewusst mit den Chancen des digitalen Wandels für das eigene Geschäftsmodell auseinanderzusetzen. Denn viele gute ­Ideen existieren oft schon in den Köpfen der eigenen Mitarbeiter.

Insgesamt sind kleine Handwerksbetriebe also deutlich kreativer, flexibler und damit handlungsfähiger als große Unternehmen. Diese Vorteile können Betriebe nutzen, um die Chancen des digitalen Wandels für sich und ihr Geschäftsmodell zu ergreifen.

Neue Studie zur Digitalisierung von Bitkom und ZDH

Der Branchenverband Bitkom und der Zentralverband des Deutschen Handwerks haben eine neue Studie zur Digitalisierung von Handwerksbetrieben vorgestellt:

Aktuell verfügen 95 Prozent der Handwerksbetriebe über eine eigene Website, 58 Prozent setzen Software-Lösungen für die Steuerung ihrer betrieblichen Abläufe ein und ein Viertel (25 Prozent) nutzt moderne digitale Technologien, zum Beispiel 3D-Drucker zur Herstellung von Ersatzteilen oder Tracking-Systeme für Maschinen und Werkstoffe.

Befragt wurden 504 Handwerksbetriebe in Deutschland. "Handwerksbetriebe, die konsequent digitale Technologien einsetzen, gewinnen Zeit für ihre eigentliche Aufgabe: das Handwerk", sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder in Berlin. ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte erklärte: "Die Chancen der Digitalisierung sind große. Wir helfen unseren Betrieben dabei, sie zu nutzen. So sichern wir langfristig die hohe Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Handwerks."

Das Interesse des deutschen Handwerks an digitalen Technologien ist groß. So sagen vier von fünf Handwerksbetrieben (81 Prozent), dass sie generell aufgeschlossen gegenüber dem Thema Digitalisierung sind. Gut zwei Drittel der Betriebe (69 Prozent) nehmen die Digitalisierung als Chance wahr. Den größten Vorteil sehen Handwerker in der optimierten Lagerung und Verteilung von Betriebsmitteln (91 Prozent). Dachdecker können zum Beispiel ein Haus mit einem 3D-Scanner ausmessen, mittels Datenanalyse die exakte Anzahl der notwendigen Dachziegel bestellen und zum richtigen Zeitpunkt an die Baustelle liefern lassen. Das Ergebnis sind geringere Kosten, weil die Ziegel kürzer gelagert werden, weniger Reste anfallen und der Arbeitsaufwand sinkt. Mit einer intelligenten Software plant der Dachdecker den Einsatz seiner Mitarbeiter, bekommt einen schnellen Überblick über seine Ein- und Ausgaben und spart wertvolle Arbeitszeit. 81 Prozent der Betriebe sehen Zeitersparnis als wichtigen Vorteil von digitalen Anwendungen im Handwerk. Eine flexible Arbeitsorganisation nennen 78 Prozent der Befragten.

Digitale Technologien werden noch selten eingesetzt

Trotz der großen Offenheit gegenüber digitalen Anwendungen kommen sie noch längst nicht in allen Handwerksbetrieben zum Einsatz. Nach den Ergebnissen der Untersuchung verwendet jeder zehnte Betrieb (10 Prozent) so genannte Tracking- Systeme. Damit können zum Beispiel Lagerbestände von Werkstoffen ermittelt und Lieferwege am Computer nachverfolgt werden. 9 Prozent nutzen 3-DT-echnologien wie etwa 3D-Drucker oder 3D-Scanner. Erst 3 Prozent der Betriebe setzen Roboter ein. Drohnen werden von 2 Prozent der Handwerksbetriebe genutzt. "Für Handwerksbetriebe lohnt sich eine Zusammenarbeit mit IT- und Internetunternehmen, um die Potenziale digitaler Technologien auszuschöpfen", sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Rohleder. Bislang hat erst jeder fünfte Handwerksbetrieb (18 Prozent) eine Partnerschaft mit Unternehmen aus der Digitalwirtschaft geschlossen.

Besonders kleine Handwerksbetriebe können von Software-Lösungen profitieren

Mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe (58 Prozent) hat Teile seiner Büro- und Verwaltungsarbeiten digitalisiert und nutzt spezielle Software. So kann zum Beispiel ein Kunde den Auftrag für das Verlegen eines neuen Fußbodenbelags direkt vor Ort auf dem Smartphone des Handwerkers unterschreiben. Mittels einer Software für das Management von Kundenbeziehungen (CRM) wird der Auftrag erfasst und digital archiviert. Eine solche CRM-Software ist bereits in 46 Prozent der Handwerksbetriebe im Einsatz. Die Rechnung wird später per E-Mail versendet. Knapp jeder fünfte Handwerksbetrieb (22 Prozent) nutzt eine Software zur digitalen Organisation von Dokumenten (ECM-Software). 12 Prozent der Branche nutzt ein Programm zur Planung und Steuerung von Unternehmensressourcen (ERP-Software). Damit wird z.B. der Auftrag für den Badezimmerboden per Computer an einen verfügbaren Fliesenleger gesendet. Die Fliesen werden online beim Großhändler bestellt und zum gewünschten Zeitpunkt zur Baustelle geliefert. Mit einem so genannten CAD-Programm kann zum Beispiel ein Tischler auf seiner Webseite einen 3D-Konfigurator für Möbel anbieten, mit dem die Nutzer passgenaue Tische, Regale oder Schränke entwerfen und bestellen können. "Besonders für kleine Handwerksbetriebe sind Büro-, Verwaltungs- und Planungsarbeiten echte Zeitfresser. Software-Lösungen können die Organisation eines Betriebs enorm vereinfachen", sagt ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte.

Digitale Kommunikation: Die eigene Website ist Pflicht

Beinahe alle Handwerksbetriebe (95 Prozent) verfügen über eine eigene Website. 89 Prozent der Betriebe sind in Online-Verzeichnissen zu finden, etwa bei Google Maps, Gelbeseiten.de oder werliefertwas.de. Ein Viertel (26 Prozent) nutzt soziale Netzwerke für die Kommunikation mit den Kunden. 16 Prozent bezahlen für Werbeanzeigen im Internet. 10 Prozent sind auf Online-Plattformen wie zum Beispiel MyHammer, Treatwell oder Ebay Kleinanzeigen vertreten.

Digitalisierung ist für viele Betriebe eine Herausforderung

Noch haben viele Handwerksbetriebe Schwierigkeiten, eine Digitalisierungsstrategie zu entwickeln und umzusetzen. Laut Befragung sagt mehr als die Hälfte der Handwerker (56 Prozent), dass die Digitalisierung für ihren Betrieb eine große Herausforderung darstellt. Drei von zehn (29 Prozent) haben Probleme, die Digitalisierung zu bewältigen. Rund ein Viertel (23 Prozent) gibt sogar an, dass sie die Existenz ihres Betriebes als Folge der Digitalisierung gefährdet sehen. "Die Digitalisierung ist für viele Unternehmen schwer zu durchblicken", sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. "Umso wichtiger ist es, Hilfe anzunehmen, sich beraten zu lassen und in digitale Lösungen zu investieren."

Externe Unterstützung ist auch deshalb von Bedeutung, weil das Handwerk unter einem Mangel an Mitarbeitern mit Digitalkompetenz leidet. So sagt jeder fünfte Betrieb (21 Prozent), dass er mehr Mitarbeiter mit Digitalkompetenz braucht. "Um das Handwerk für die Zukunft zu rüsten, arbeiten wir mit Hochdruck daran, digitale Aspekte noch stärker in die berufliche Aus- und Weiterbildung zu integrieren", sagt ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte.

Bitkom und ZDH unterstützen Handwerksbetriebe Was bringt Big Data meinem Unternehmen? Wie kann ich digitale Plattformen für meinen Betrieb nutzen? Und wie mache ich meine Mitarbeiter fit für digitale Technologien? Solche und weitere Fragen rund um die Digitale Transformation beantwortet der Bitkom auf der Mittelstands-Tour. Weitere Informationen auf mittelstand-tour.de.

Um die Digitalisierung in kleinen und mittleren Handwerksunternehmen voranzutreiben, hat der Zentralverband des Deutschen Handwerk (ZDH) das Projekt "Kompetenzzentrum digitales Handwerk" initiiert. Weitere Informationen finden Sie unter handwerkdigital.de. ZDH/Bitkom

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