TV-Kritik: "ZDF-Reportage" über Deutschlands Zukunftsfähigkeit Diesen Problemen steht Deutschland unvorbereitet gegenüber

Die Corona-Krise hat das Land und viele Unternehmen stark in Mitleidenschaft gezogen. Nun entspannt sich die Lage zusehends, die Wirtschaft erwacht aus einem monatelangen Dämmerschlaf. Also alles gut? Mitnichten! Das Format "ZDF-Reportage" zeigte in drei Filmen, welche Probleme nach der Krise weitgehend ungelöst zurückkehren und Bürgern und Mittelstand das Leben schwer machen dürften. Das war in Teilen schmerzhaft deutlich, aber auch sehr gut recherchiert und damit realistisch.

ZDF-Reportage
Das Format "ZDF-Reportage" zeigt in drei Filmen, welchen Problemen Deutschland künftig gegenübersteht. - © Screenshot/ZDF

Wie Mehltau lag die Corona-Krise mit ihren monatelangen Lockdowns in den vergangenen anderthalb Jahren über dem Land. Die Politik überbot sich im Erarbeiten von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, manche sinnvoll, andere weniger. Der Infektionsschutz wurde dabei oft absolut gesetzt, wirtschaftliche Auswirkungen mit viel Geld zugeschüttet, gesellschaftliche Schäden oft zu wenig beachtet. Was ebenfalls zu kurz kam, war der Blick auf die Probleme, die größtenteils schon vor Corona bestanden und vor lauter Pandemie-Aktionismus in den vergangenen Monaten nicht angepackt wurden, aber weiterhin akut sind. Schlechte Infrastruktur, überbordende Bürokratie, fehlende Zukunftsfähigkeit ­­­- in der Reihe "ZDF-Reportage" zeigten die Autoren in drei Filmen in aller Deutlichkeit auf, wo es hakt - und natürlich sind Mittelstand und Handwerk von vielen dieser Entwicklungen direkt betroffen.

Bürokratie bremst Bäcker – "knicken, lochen, heften"

Tobias Exner, Bäckermeister aus dem brandenburgischen Beelitz, sagt es klar heraus: "Alle Ausgaben, die wir haben, zahlt im Endeffekt der Kunde." Und Ausgaben hat Exners Betrieb eben nicht nur für Mehl, Wasser, Zucker und Salz, sondern auch für überbordende Bürokratie. Die koste nämlich viel Geld und ergebe ganz nebenbei auch noch keinen Sinn. Stichwort Butterkekse: All deren Inhaltsstoffe müssen auf dem Etikett ersichtlich sein, weil Exner sie abgepackt verkauft. Würde er sie lose an den Mann bringen und etwa erst der Händler im Laden die Dose verschließen, wäre das nicht nötig.

Beim Strom setzt sich der Irrsinn fort, wie das ZDF anschaulich belegt. Die EEG-Umlage etwa muss Exner voll bezahlen, obwohl, wie er sagt, "Großbäckereien" dies nicht müssten. In der Tat können sich stromintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, ganz oder teilweise von der EEG-Umlage befreien lassen. Für den normalen Bäcker vor Ort dürfte dies nicht gelten, er muss zahlen wie jeder private Haushalt. Elektronische Kassen mitsamt der eingebauten Festplatte zu Dokumentationszwecken aufbewahren, jeden einzelnen Lieferschein abheften - all das fällt an. Die ZDF-Redakteure zeigten in ihren Bildern Regale voller Kassen und Ordner, sodass der Zuschauer denken musste, er sei in einem Archiv gelandet. Exner hingegen seufzte in die Kamera, dass er viele qualifizierte Mitarbeiter habe, die sich eigentlich mit Dingen beschäftigen könnten, die das Unternehmen voranbringen, stattdessen aber nur drei Sachen täten: "knicken, lochen, heften."

Irre Regelungen

Die ZDF-Redakteure führten noch andere irrsinnige Regelungen und Vorschriften vor. Ein Paar aus der Oberpfalz etwa, das eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ihres Eigenheims anbringen möchte, muss zunächst klären, welche Anträge zu stellen sind und ob beispielsweise die offenbar unvermeidliche EEG-Umlage zu zahlen ist. Mittlerweile gibt es sogar bereits Unternehmen, die sich um den bürokratischen Kram rund um die PV-Anlage kümmern. Auch Handwerksbetriebe, die gleich noch die Anlage auf dem Dach installieren, bieten diesen Service an, wie das ZDF zeigte. So verdient wenigstens noch jemand gutes Geld an den wirren Vorschriften, könnte man sagen, wenn all das nicht so traurig wäre. Und die Kunden verzichten sogar auf einen Teil der Gewinne aus der Einspeisung des Stroms, um bloß nicht mit der Bürokratie behelligt zu werden.

Unternehmer und Bürger in den Wahnsinn getrieben

Waren das alles noch aufgrund der Absurdität der Vorschriften mehr oder wenige amüsante Geschichten, so wurde es beim Thema Infrastruktur ernster. Schlechte Straßen und vor allem Brücken, aber auch ein mangelhafter Öffentlicher Personennahverkehr und schlechte Radwege treiben nicht nur Unternehmer und Privatleute in den Wahnsinn, die diese Wege tagtäglich nutzen müssen, sondern führen zusammen mit der Verödung der Handels-Landschaft auch dazu, dass die Städte immer weniger attraktiv werden. Das wiederum hat Auswirkungen auf die verbliebenen Händler, denen die Kunden davonlaufen.

Antje Dähne, Einzelhändlerin aus Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt beklagte vor der ZDF-Kamera, dass neben den wirtschaftlichen Folgen auch die Funktion ihres Ladens als "sozialer Treffpunkt" leide. Dähne verkauft Wurst, Fleisch und andere Lebensmittel, und je unattraktiver die Stadt wird - nicht nur aufgrund der mangelhaften Verkehrswege, sondern aufgrund des generellen Trends zur Verödung gerade mittlerer Städte -, desto weniger Kunden kommen. Mit "verstaubten Konzepten" versuche die Politik, die Innenstädte zu retten, heißt es in der Reportage, und da scheint etwas dran zu sein. "Begegnungsflächen" zu schaffen, wie es mancherorts geschieht, bringt noch kein Leben in die Stadt. Dähne formuliert das so: "Da fehlen diese Menschen, die frisch und jung sind und Ideen haben, die wirklich bestrebt sind, etwas zu verändern, aber nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschen, die wirklich da draußen sind." Klare Kritik an einer Politik, die sich nicht an den ganz praktischen Bedürfnissen der Menschen orientiert.

Innovationsstau auch in den Köpfen

Denn dass es keine modernen Konzepte bei Verkehr, bei den Innenstädten und bei der Verwaltung gibt, liegt auch an einer generellen Müdigkeit im Land, einer Fortschrittsfeindlichkeit, die Deutschland im Griff hat. Das wird vor allem deutlich, als die ZDF-Autoren Schulen und Universitäten besucht, die unter indiskutablen Bedingungen funktionieren müssen. Ein Wasserrohrbruch an einer Berufsschule und die Folgen illustrieren anschaulich, wie marode die Gebäude vieler Bildungseinrichtungen im Land sind - und wie schwer sich Lehrer und Schüler in solchen heruntergekommenen Immobilien tun, ordentlich zu arbeiten und zu lernen.

Doch der Innovationsstau wird nicht nur an den Gebäuden, sondern auch in den Köpfen sichtbar. Die Digitalisierung dümpelt vor sich hin, aufgrund schlechter Breitbandnetze, aber auch weil sich zu wenige Menschen Mühe geben, sie clever zu nutzen. "Zu spät, zu schlecht, zu langsam" sei es etwa bei den Schulen in Bochum mit der Digitalisierung gelaufen, berichten Eltern in der Reportage. Kabelgewirr auf den Fernsehbildern repräsentiert den technischen Zustand der Schulen. Da gebe es einmal kein Netzwerk, berichten Lehrer und Schüler, da funktionierten ein anderes Mal Geräte nicht. Doch neben den rein technischen Problemen wird auch deutlich, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung in den Köpfen der Menschen noch nicht angekommen sind und auch wegen eines überbordenden Datenschutzes nicht genutzt werden - und das ist das zentrale Problem.

Fachkräftemangel bremst das Handwerk

Gegen diese massiven gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen erscheint der Fachkräftemangel im Handwerk bei aller Dramatik beinahe als kleineres Problem. Immer mehr Schüler machten Abitur, wenige wollten ins Handwerk, und die, die das wollen, können keinen Dreisatz - so wird das Problem zugespitzt, aber nicht ganz falsch in der Reportage auf den Punkt gebracht. Ein SHK-Unternehmen aus Düsseldorf hat zwar Azubis gefunden, aber einfach war es nicht, sie zu bekommen. Die Jobs würden immer komplexer, das klassische "Ranklotzen" reiche nicht mehr, Digitalisierung halte Einzug, heißt es. Und deshalb steigen auch die Anforderungen. Trotz bester Auftragslage sei es schwierig, die anfallende Arbeit zu erledigen. "Alles, was wir verschieben können, verschieben wir", sagt SHK-Meister Christian Klemm zum Thema Termindichte. Gut, dass die ZDF-Autoren hier pro Handwerk argumentierten und darlegten, dass der Handwerkermangel und die langen Wartezeiten, bis Kunden einen Termin bekommen, oft eben nicht an mangelnder Koordination durch die Betriebe, sondern an den großen Personalproblemen liegen.

Ernüchternde Aussichten

In 90 eher ernüchternden Minuten zeigte das ZDF genauso eindrücklich wie erschreckend, was in diesem Land nicht gut läuft - und das schon ganz ohne Pandemie. Denn die geschilderten Probleme sind ja keineswegs durch Corona und vor allem den Lockdown entstanden, sondern bestanden schon vorher und wurden allenfalls verschärft. Deutschland darf sich nach der Pandemie keineswegs zurücklehnen - das ist die mahnende Botschaft dieser intensiven Reportagereihe. Leider steht zu befürchten, dass die Politik es nicht vermag, das Land so zu mobilisieren, wie es nötig wäre - von Verbesserungen bei Infrastruktur oder Bürokratie ganz zu schweigen.

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