Nach dem Boom in der Coronapandemie bleibt das Kaufinteresse an Fahrrädern hoch. Umsatztreiber ist mehr denn je das E-Bike. Daneben gibt es jedoch weitere Trends, die in der Saison 2023 in den Fokus rücken könnten.

Während manche Branchen in der Coronapandemie einen wirtschaftlichen Einbruch verzeichneten, erwiesen sich die Einschränkungen im internationalen Reiseverkehr für die Fahrradbranche als Konjunkturmotor. Der Trend zu Freizeitaktivitäten mit dem Rad in heimischen Gefilden ließ im ersten Pandemie-Jahr 2020 den Umsatz auf neue Rekorde steigen.
Fahrrad-Umsatz erreicht 2022 fast das Rekord-Niveau
Auch wenn die Händler und Werkstätten von diesem Sondereffekt jetzt nicht mehr profitieren, war auch 2022 ein erfolgreiches Jahr für den Fahrradmarkt. Laut Statistischem Bundesamt stieg der Umsatz mit Fahrrädern, Zubehör und Teilen inflationsbereinigt um 2,4 Prozent gegenüber 2021 und verfehlte das Rekordjahr nur um 0,7 Prozent.
Die weiterhin hohe Nachfrage ist dabei vorwiegend der ungebrochenen Beliebtheit von E-Bikes zu verdanken. Der Umsatz der Fahrradbranche hat sich in den vergangenen zehn Jahren dank der Verkaufszahlen der hochpreisigen Räder mit Elektromotoren fast vervierfacht und erreichte zuletzt 7,36 Milliarden Euro.
Dabei kommen E-Bikes inzwischen auf knapp 50 Prozent Marktanteil. Auch 2022 stieg der Absatz von elektrisch angetriebenen Rädern um zehn Prozent auf 2,2 Millionen, während die Gesamtverkäufe um rund 100.000 Fahrräder zurückgingen.
"Wer jetzt von einem Ende des Booms spricht, trifft die Sache nicht", sagt Reiner Kolberg, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV). Er ist davon überzeugt, dass die Lust am Radfahren nicht nachlassen und eine Marktsättigung nicht eintreten wird.
Inzwischen hätten bereits 25 Prozent der E-Bike-Käufer ein zweites dieser Räder zu Hause. Weiterentwicklungen und technische Neuheiten seien wichtige Kaufargumente. Zudem sei für Unternehmen ein Investment in Leasing-Bikes eine attraktive Option, Mitarbeitern ein Gehaltsextra anzubieten.
Fahrrad-Käufer aufgrund der Inflation zurückhaltender
Allerdings räumt Kolberg ein, dass die hohe Inflation und steigende Kosten, etwa für Energie, einen Einfluss auf das Kaufverhalten haben. "In der zweiten Jahreshälfte 2022 wurden Kaufentscheidungen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheiten vertagt. Das hat kurzfristig zu einem Nachfragerückgang und vollen Lägern bei den Herstellern und im Fahrradhandel geführt."
Dem pflichtet Ingo Kahnt von RTI Sports mit der Lastenrad-Marke Ca Go bei. "Die Lager wurden voll, als es im Herbst und Winter weniger Verkäufe gab. Das bindet bei den Unternehmen benötigte Liquidität." Dennoch erwarte er kein großes Herstellersterben oder eine Insolvenzwelle. Er schätzt, dass sich die Situation spätestens 2024 wieder entspannen wird.
Stefan Stiener von der Fahrradmanufaktur Velotraum sieht die Situation ähnlich: "Wer jetzt aus der Kurve fliegt, war vorher schon etwas am Schlittern." Was ihn allerdings beschäftigt, ist die Monopolstellung einiger Zulieferer, die immer noch für Lieferprobleme sorge. Während er bei manchen Partnern ein Überangebot feststelle und erste Preise bröckeln, "können wir manche Räder noch immer nicht ausliefern, weil ein bestimmtes Teil fehlt", so Stiener.
Tobias Hempelmann, stellvertretender Vorsitzender des Verbands des Deutschen Zweiradhandels (VDZ), beobachtet, dass das Tempo bei den jährlichen Modellwechseln seitens der Hersteller nachlasse. Die Branche habe erkannt, dass man ein Modell auch zwei, drei Jahre im Sortiment behalten könne. Das sei eine gesunde Entwicklung. Martin Stenske vom Zulieferer Universal Transmission sieht das anders: "Es ist wichtig, neue Modelle zu entwickeln und die Innovationskraft hochzuhalten. Die Kunden suchen neue coole Räder."
Reiner Kolberg rechnet schon in diesem Frühling mit wieder steigendem Kundeninteresse, weil sich die gesamtwirtschaftliche Lage entspannt habe. Aus seiner Sicht sei jetzt ein optimaler Zeitpunkt, aus einem breiten Sortiment ein neues Rad zu guten Preisen auswählen zu können.
Weitere Fahrrad-Trends für 2023
Dabei sind E-Bikes nicht der einzige Trend, den die Branche für dieses Jahr prognostiziert. Die folgenden Themen können ebenfalls in den Vordergrund rücken.
Cargobikes zum Transport
"Die Absatzzahlen von Cargobikes haben sich in den vergangenen Jahren jeweils verdoppelt", weiß Ingo Kahnt vom Hersteller Ca Go. Dabei interessieren sich sowohl Familien als auch Unternehmen für die auf den Transport ausgerichteten Räder. Während die einen das Cargobike nutzen, um Kinder oder Einkäufe mitzunehmen, können Betriebe Werkzeug und Material im dichten Stadtverkehr bequem zum Kunden transportieren. Auch für 2023 rechnet die Branche mit wachsender Nachfrage von modernen Cargobikes.
Digitale Helfer
Nicht nur bei Autos, sondern auch bei Fahrrädern spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle. So gehören GPS-Tracker, elektronischer Diebstahlschutz oder auch Sensoren zur Messung des Luftdrucks heute zu den typischen Ausstattungsoptionen. Zudem wird das Fahrrad immer häufiger mit dem Smartphone vernetzt. Neben der Navigation lässt sich das Smartphone auch als digitaler Schlüssel einrichten, um eine Wegfahrsperre zu betätigen. Auch Trackingsysteme liegen im Trend.
Pendeln im Stadtverkehr
Noch viel Potenzial sehen Hersteller bei elektrifizierten Rädern für die Stadt als Alternative zu Auto, Bus und Bahn. Gerade für Arbeitnehmer seien solche Modelle interessant. Die E-Bikes kommen mit kompakten Akkus aus, was Gewichtsvorteile bietet.
Nachhaltigkeit
Umweltschonende und wiederverwendete Materialien gehören laut den Herstellern zu den Entwicklungen der Zukunft. So bringt etwa die Firma Schwalbe 2023 einen recycelten Fahrradreifen aus Altmaterial auf den Markt. Auch bei Bekleidung und Zubehör bieten Hersteller schon Kollektionen aus recycelten Lkw-Planen und Werbebannern an.
Heimische Herstellung
Die angespannten Lieferketten und hohen Transportkosten während der Coronapandemie haben teilweise zu einem Umdenken in der Branche geführt und stärken die Fahrradfertigung in Europa. So hat sich etwa Portugal als ein wichtiger Markt für die Rahmenproduktion etabliert und der Kinderfahrrad-Hersteller Puky konzentriert seine Produktion in Polen und Deutschland. Zudem werden inzwischen rund 90 Prozent der in Europa verkauften E-Bikes in der EU zusammengebaut.
Urlaub mit dem Rad
Ob entspannt mit der Familie auf gut ausgebauten Radwegen oder sportlich mit Freunden durchs Gelände – Reisen mit dem Rad sind beliebt. So zeigt eine Analyse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), dass sich 2022 rund 4,6 Millionen Menschen für einen Urlaub mit dem Rad entschieden haben. Die steigende Nachfrage von vielseitig einsetzbaren Gravelbikes trägt dazu bei, die sowohl als Rennrad als auch auf unbefestigten Wegen als Mountainbike komfortable Fahreigenschaften bieten.