Energiekosten und Rohstoffpreise Diese 3 Faktoren treiben die Inflation an

Verluste trotz voller Auftragsbücher? Die Inflation zwingt auch Handwerksbetriebe zunehmend dazu, ihre Preise anzupassen. Warum aktuell alles teurer wird und ob ein Ende in Sicht ist.

Elektriker Kabel Ummantelung
Die Elektrobranche leidet unter einem Mangel an Erdöl-Produkten, die zur Kabelherstellung benötigt werden. - © Wellnhofer Designs - stock.adobe.com

Die Inflation ist im Alltag angekommen. Der Einkauf im Supermarkt kostet mehr. Außerdem explodieren Energie- und Gaspreise. Nicht nur Privatpersonen sind betroffen. Auch Handwerksbetriebe geraten zunehmend unter Druck.

Rohstoffe wie Bauholz verteuerten sich 2021 teilweise um bis zu 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine Preissteigerung, die Betriebe in diesem Umfang kaum an den Kunden weitergegeben können. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, betont die Widersprüchlichkeit der Situation. „Unsere Betriebe haben volle Auftragsbücher, aber es lohnt sich in vielen Bereichen angesichts der derzeitigen Einkaufspreise für Material gar nicht, die Aufträge auszuführen. Denn die Betriebe wissen, dass sie dann ein Minus machen.“ Doch wie erklären sich die gestiegenen Material- und Energiepreise?

Was ist eine Inflation?

Inflation bedeutet, dass Waren teurer werden. Die Preise ziehen an, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Der einzelne Euro ist weniger wert. Charakteristisch für eine Inflation ist, dass sich nicht nur bestimmte Produkte verteuern, sondern das gesamte Preisniveau steigt. Gemessen wird die Inflation in Form der Inflationsrate. Sie beschreibt die Entwicklung des Verbraucherpreisindex in Relation zum Vormonat.

Im Januar 2022 lag die Inflationsrate bei 4,9 Prozent. Damit überstieg sie den optimalen Wert von zwei Prozent deutlich. Dafür gibt es mehrere Gründe.

1. Verknappung von Rohstoffen durch hohe Nachfrage

Wer derzeit bestimmte Kunststoffe und Metalle erwerben möchte, muss sich auf hohe Preise und lange Lieferzeiten einstellen. In der Corona-Pandemie haben viele Staaten ihre Wirtschaftssysteme mit Konjunkturprogrammen angekurbelt. Unternehmen konnten somit ihre Produktionen hochfahren, um sich von den teils drastischen Umsatzeinbußen infolge der Corona-Maßnahmen zu erholen. Akteure aus China und den USA sind genauso rohstoffhungrig wie die europäischen Betriebe. Durch den weltweit ähnlichen Verlauf der Pandemie macht sich diese Nachfrage nicht zeitversetzt, sondern gleichzeitig bemerkbar.

Neben diesem Effekt führten auch pandemiebedingte Einschnitte in Lieferketten zu höheren Preisen. Laut der Stiftung Wissenschaft und Politik kalkulierten viele Unternehmen ihre Transportwege und Lieferzeiten knapp, um Lagerkosten einzusparen – verzögerte Lieferungen verursachten somit Produktionsausfälle. Verzögerungen, die auch den weiteren Produktionsprozess störten. Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, wie verletzlich Wertschöpfungsketten sind.

Besonders schwer erhältlich sind derzeit Erdöl-Produkte, wie zum Beispiel Kunststoffe. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) berichtet, dass die Branche die Auswirkungen an der mangelnden Verfügbarkeit von Ummantelungen, Rohren oder auch Dämmstoffen spüre.

2. Hohe Energiekosten durch klimapolitische Effekte

Wie bei den Rohstoffen ist auch die globale Nachfrage nach Gas, Öl und Energie aufgrund der konjunkturellen Erholung vieler Ländern sehr hoch. Gleichzeitig hat sich das Angebot verknappt, da im vergangenen Jahr weniger Energie erzeugt wurde. Nach Angaben des PV-Magazine hat sich der Börsenstrompreis im Laufe des Jahres 2021 verdreifacht.

Ein Grund für diesen Anstieg ist der Emissionshandel. Der Betrag, den Unternehmen für den Ausstoß einer Tonne Kohlenstoffdioxid zahlen müssen, ist höher denn je. Während der Preis für ein Zertifikat vor einem Jahr noch bei rund 30 Euro lag, beträgt er nun beinahe 80 Euro.

Seit Beginn des Jahres 2021 gibt es außerdem einen nationalen Emissions-Zertifikatehandel. Unternehmen, die mit Heizöl, Benzin, Diesel oder Erdgas handeln, müssen pro Tonne ausgestoßenem Kohlenstoffdioxid einen CO2-Preis von 25 Euro zahlen, der ihre umweltschädlichen Emissionen finanziell ausgleichen soll. Durch dieses System soll laut Bundesregierung zum einen ein Anreiz entstehen, in erneuerbare Energien zu investieren. Zum anderen soll das so eingenommene Geld in den Klimaschutz investiert und Bürger letztlich entlastet werden. Allerdings geben einige Akteure die entstehenden Kosten an die Verbraucher weiter.

Der hohe Strompreis führt zu höheren Fixkosten in vielen Handwerksbetrieben. Insbesondere das Bäckerhandwerk hat einen hohen Energiebedarf. In der Kostenstruktur einer mittelständischen Bäckerei machen die Energiekosten laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks (ZDB) bis zu zehn Prozent der Gesamtkalkulation aus.

3. Höhere Geldmenge

Die im Wirtschaftssystem zirkulierende Geldmenge hat große Auswirkungen auf die Inflationsrate. Denn eine Erhöhung führt dazu, dass die Kaufkraft pro Euro sinkt. Die Europäische Zentralbank (EZB) kann durch ihr Handeln direkten Einfluss auf die Menge des Geldes nehmen. Ihre Aufgabe ist es, das Preisniveau und damit die Inflationsrate stabil zu halten.

Aufgrund der Corona-Pandemie stellt die EZB den EU-Staaten durch verstärkte Anleihenkäufe und Nullzinspolitik Geld zur Verfügung. Dieses wird für pandemiebedingte Konjunkturspritzen verwendet. Darüber hinaus versetzt es die nationalen Banken selbst in die Lage, günstige Kredite an Unternehmen zu vergeben. Dieses Vorgehen bringt mehr Geld ins System und führt zu einer steigenden Inflationsrate. Wenn die Preise langfristig ansteigen, wirkt die EZB dem Geschehen in der Regel durch eine Kursänderung entgegen.

Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde musste kürzlich gestehen, dass ihre Einrichtung die Inflation unterschätzt habe. Eine Anhebung des Leitzinses lehnte sie jedoch vorerst ab. Die EZB wolle die Lage aber grundsätzlich offen beobachten.

Ausblick

Das Zusammenspiel aus den genannten Faktoren führt zur Teuerung, die aktuell spürbar ist. Die EZB rechnet damit, dass sich die Inflationsrate in Europa im Laufe des Jahres 2022 wieder zurückentwickeln wird. Als Grund gab Christine Lagarde an, dass sich der Energiepreis in den nächsten Monaten normalisieren und die Nachfrage nach Rohstoffen sinken werde.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) macht im Bezug auf die europäische Wirtschaftsentwicklung jedoch düstere Prognosen. Direktor Michael Hüther warnte in einem Interview mit der "Welt" vor dem Übergang der Inflation in eine Stagflation. Bei einer solchen verringern Unternehmer aufgrund steigender Kosten die Produktion. Wenn die Nachfrage die gleiche bleibt, verschärft sich die Inflation.

Laut des Experten werde die Stagflation eintreten, wenn klimapolitische Maßnahmen die deutsche Wirtschaft hemmen würden. Ein Faktor, der dies bewirken könne, sei der CO2-Preis, der in den nächsten Jahren steigen werde. Aber auch der Fachkräftemangel spiele in die Rechnung mit hinein. Er führe möglicherweise zu einem Anstieg der Löhne. Dieser könne wiederum eine erneute Preiserhöhung nach sich ziehen. Die Folge sei eine Lohn-Preis-Spirale.

Folgen für das Handwerk

Angesichts der schweren wirtschaftlichen Situation sehen Fachverbände eine Notwendigkeit für Handwerker, ihre Preise anzupassen. So auch der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Angesichts der harten Konkurrenz mit Industriebäckern rät Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider, bei der Preisanhebung mit Augenmaß vorzugehen.

Die derzeitige Entwicklung der Energiepreise stuft er als Gefahr ein: "Wenn nicht gegengesteuert wird, könnte die Energiewende in dieser Form die finanzielle Tragkraft der letztverbrauchenden Unternehmen und Privathaushalte überfordern und den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden."  Um dies abzuwenden sei es notwendig, das System der staatlich geregelten Energiepreis-Bestandteile grundlegend und zügig zu reformieren. So müsse auch die Stromsteuer für Handwerksbetriebe und ihre Beschäftigten auf den europaweit vorgeschriebenen Mindestsatz reduziert werden.

Die Baubranche wirft laut ZDB einen besorgten Blick nach Asien. Wenn sich die Pandemie dort ausweite, sei mit einer Verschärfung der Lieferengpässe zu rechnen. Hinsichtlich der Preispolitik könne aufgrund der volatilen Preisentwicklung kaum langfristig kalkuliert werden. Handwerker könnten derzeit lediglich "über den dicken Daumen peilen."

Zudem könnten Preisgleitklauseln  in bestimmten Ausnahmefällen eine Anpassung des Vertrags ermöglichen. Diese seien jedoch nur bei juristischer Sorgfalt und in Einzelfällen gültig.

>>> Lese-Tipp: "Inflation: Wie Handwerker jetzt höhere Preise kommunizieren