Auch aus Sicht profitierender Branchen stockt es bei der Energiewende. Weil die Auftragsbücher voll sind, klagen die Betriebe wenig. Die Verbände mahnen trotzdem weitere wichtige Schritte an.
Frank Muck

Von Umsatzausfall kann im Elektrohandwerk wahrlich derzeit keine Rede sein. Die Betriebe haben gut zu tun. Im vergangenen Jahr sind die Umsätze für die gesamte Branche auf hohem Niveau (rund 53 Milliarden Euro) um 0,9 Prozent gestiegen. Theoretisch wäre trotzdem noch mehr drin. Denn die Energiewende schöpft ihr Potenzial nicht aus.
Alexander Neuhäuser findet, dass der Motor der Energiewende insgesamt ins Stocken geraten ist. Der Geschäftsführer Recht und Wirtschaft beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) hat drei grundlegende Probleme erkannt, die die Energiewende behindern.
Investitionen werden stark verkompliziert
Verkomplizierung: Das ursprüngliche Ziel, die Energiewende auch mit Hilfe der Initiative der Bürger umzusetzen, ist noch in weiter Ferne, sagt Neuhäuser. Dem Bürger würden immer wieder neue Knüppel zwischen die Beine geworfen. Mit neuen Initiativen wie einer Stromsteuer auf den Eigenverbrauch von selbst erzeugtem Strom und einem Wust an Regulierungen auf Investitionen in erneuerbare Energien und im Bausektor insgesamt würden potenzielle Investoren eher abgeschreckt denn ermutigt. Der Zubau an Photovoltaik etwa sei deutlich eingebrochen. Das Ziel von 2.500 Megawatt/Peak Gesamtleistung sei längst nicht erreicht. Derzeitiger Stand: 1.200 Megawatt.
Den Grund dafür hat Neuhäuser schon ausgemacht. Der "atmende Deckel" funktioniere nicht mehr. Mithilfe dieser Steuerungsfunktion sollte die Energie-Einspeisevergütung dem steigenden oder fallenden Photovoltaik-Zubau, angepasst werden – je mehr Zubau desto weniger Vergütung und umgekehrt.
Die dauerhafte Drosselung der Vergütung haben all die Elektrobetriebe, die im Segment Photovoltaik unterwegs waren, deutlich zu spüren bekommen. Dazu gehört auch die Lück-Gruppe aus dem hessischen Lich. Die Stagnation auf dem PV-Markt hat zu einem regelrechten Einbruch geführt, sagt Andreas Habermehl. Die Umsätze in diesem Geschäftsfeld sind um rund 70 Prozent seit 2012 gefallen. Der Prokurist und Experte für erneuerbare Energien sagt, die breite Masse sei abgeschreckt, wenn es um die Investition in erneuerbare Energien gehe, und bestätigt damit die Einschätzung von Alexander Neuhäuser. Fortlaufend neue Regulierungen, sinkende Einspeisevergütung, Androhungen wie die Stromsteuer auf Eigenverbrauch sind starke Umsatzbremsen.
Gebäude und Infrastruktur nicht vorbereitet
Ein so großes Unternehmen wie die Lück-Gruppe mit rund 1.000 Mitarbeitern konnte den Umsatzrückgang gut auffangen, ohne Mitarbeiter zu entlassen. Betriebe, die auf den Markt spezialisiert waren, erging es schlechter. Habermehl wünscht sich von der Politik, dass sie nicht noch weitere "Schreckgespenster" in die Welt setzt. Wenn sie die Energiewende weiter vorantreiben wolle, müsse sie entsprechend positive politische Signale aussenden.
Fehlende Zielmarken: Alexander Neuhäuser beklagt, dass es für die Umrüstung des Gebäudebestands keine Zielmarken gibt. "Wir müssen die Gebäude erst noch energiewendefähig machen", gibt er zu bedenken. Häuser seien oft mit ganz alten Verteil- und Zählanlagen ausgestattet. Die Anforderungen an wechselnde Lasten und an ein erzeugungssicheres Verbrauchen würden mit vorhandenen Elektroanlagen oft nicht erreicht. Ein vom ZVEH unterstütztes Ziel der Bundesregierung ist es, dass alle Gebäude bis 2050 den KfW-Standard 55 (Heizungsversorgung aus erneuerbaren Energien, Solarthermie, Außenwanddämmung, Dachdämmung und Fenster mit Dreifachverglasung) erfüllen.
Hausanschlüsse für Versorgung nicht ausgelegt
Infrastruktur: Ähnlich verhält es sich mit der fehlenden Infrastruktur für Elektromobilität. Hausanschlüsse seien nicht in der Lage, beispielsweise eine nächtelange Volllast-Abfrage für Elektro-Autos zu schultern. Steckdosen und Leitungen seien nicht darauf ausgelegt.
Genauso lahmt natürlich der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur. Eine bedarfsgerechte Abdeckung mit Ladestationen erachtet der ZVEH weiterhin als zwingend notwendig. Vor diesem Hintergrund hält der Verband die stark kritisierte Förderung des E-Auto-Kaufs für vertretbar. "Wir glauben, dass darüber das Thema Infrastruktur am ehesten an Fahrt gewinnt", sagt Neuhäuser.