Interview "Die Ressourcen sind nicht frei"

Laut einer Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Creditreform führen die Corona-Hilfen zu einem Stau bei den Insolvenzen. Die DHZ sprach mit Studien-Autorin Simona Murmann über die Auswirkungen.

Simona Murmann, Expertin für Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. - © ZEW

Von Frank Muck

DHZ: Sie sprechen von 25.000 hauptsächlich kleinen Unternehmen, die auch ohne Corona in eine Krise geraten wären. Das klingt relativ hoch. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Murmann: Wir vergleichen den Rückgang des Creditratings mit dem Absinken in der Periode vor der Krise. Bei 25.000 Unternehmen hätte das in der Krise beobachtete Absinken der Bonität eigentlich zu einer Insolvenzanmeldung führen müssen. Aufgrund der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht mussten diese Firmen dies nicht anmelden. Als zweites wichtiges Element haben wir uns angeschaut, wie es den Unternehmen vor der Krise ging. Diese Unternehmen waren vorher schon schwach.

DHZ: Bewegt sich das in einem durchschnittlichen Rahmen, was die Insolvenzzahlen in normalen Jahren angeht?

Murmann: Wir hatten im vergangenen Jahr 16.300 Insolvenzen. Im Jahr davor waren es 19.000. In einem Krisenjahr hatten wir also deutlich weniger. Wenn die Mechanismen gegriffen hätten, wären zusätzlich 25.000 Unternehmen sehr wahrscheinlich insolvent gegangen, also mehr als doppelt so viele Insolvenzen.

"Die Schwierigkeiten waren so stark, dass in normalen Zeiten ein Insolvenzanmeldung hätte folgen müssen."

DHZ: Wären diese Betriebe tatsächlich schon insolvent oder lediglich in ernsten Schwierigkeiten?

Murmann: Wir gehen davon aus, dass diese tatsächlich insolvent gegangen wären. Deren Abfall im Bonitätsranking zeigt, dass sie trotz aller Hilfsmaßnahmen in ernsten Schwierigkeiten waren. Diese waren defacto so stark, dass in normalen Zeiten bei einem ähnlichen Abfall des Creditratings eine Insolvenzanmeldung hätte folgen müssen.

DHZ: Was waren das für Firmen?

Murmann: Das waren in der Hauptsache Mikrofirmen mit zehn und weniger Mitarbeitern. Diese haben vor allem von der Kurzarbeit profitiert, also von der Möglichkeit, die Lohnkosten zu reduzieren. Wir gehen davon aus, dass sich bei Beendigung der Kurzarbeit zumindest ein Teil der Insolvenzen realisieren wird.

DHZ: Aus welchen Branchen sind diese Betriebe?

Murmann: Interessanterweise sind so gut wie alle Branchen betroffen. Nicht nur die, von denen man ausgeht, dass sie kontaktintensiv sind. Die am stärksten betroffene Branche ist das Gastgewerbe. Aber auch in anderen Branchen haben wir das Problem der Insolvenzlücke festgestellt.

DHZ: Sind auch Handwerksbranchen betroffen?

Murmann: In unserer Analyse haben wir nur eine relativ grobe Brancheneinteilung vorgenommen. Das Bau- und Ausbaugewerbe ist in den Bereich Manufacturing zugeordnet. Auch da sehen wir eine Insolvenzlücke. Im Bereich Food-Production, worunter zum Beispiel die Fleischer und die Bäcker fallen würden, ist das ebenfalls zu beobachten. Wenn man sich vor Augen führt, dass wir weniger Insolvenzen hatten als in einem guten Wirtschaftsjahr, zeigt das, dass auch Unternehmen, die in ganz normalen Geschäftsjahren hätten Insolvenz anmelden müssen, von diesem Aufschub Gebrauch gemacht haben.

"Kurzarbeit war gerade für die kleinen Unternehmen, deren Lohnkosten-Anteil relativ hoch ist, das Mittel der Wahl."

DHZ: Aber auf die Prüfung der Kreditwürdigkeit einerseits und die Prüfung der Berechtigung auf Hilfszahlungen wurde doch auch während der letzten Monate immer gepocht. Hätte man da nicht sehen müssen, dass die Hilfe für viele zu spät kommt?

Murmann: Man kann darüber streiten, ob sie wirklich zu spät gekommen ist. Die Unternehmen sind ja noch am Markt. Durch die Verspätung gab es ja nicht deutlich mehr Insolvenzanmeldungen. Bei den Krediten gab es eine gewisse Bonitätsprüfung. Das galt jedoch nicht für die Kurzarbeit und gerade für die kleinen Unternehmen, deren Lohnkosten-Anteil relativ hoch ist, war die Kurzarbeit das Mittel der Wahl.

DHZ: Heißt das, dass die Aussetzung der Insolvenzanzeigepflicht ein Fehler war?

Murmann: Das würde ich nicht sagen. Die Politik stand vor einem ganz abrupten Einbruch sowohl der Nachfrage als auch des Angebots. Die Umsätze sind plötzlich stark gefallen. Hätte man dieses Angebot nicht gemacht, wären sehr viele Firmen insolvent gegangen. Die meisten Firmen hätten keine Hilfskredite annehmen dürfen, weil sie dann überschuldet gewesen wären. Das ist ein Insolvenzkriterium. Für viele Unternehmen wäre in der Zeit, in der sie auf Hilfszahlungen warten, die Zahlungsunfähigkeit schon erreicht gewesen. In dem Moment war das Instrument volkswirtschaftlich sinnvoll.

"Die Umorientierung der Arbeitnehmer wird verhindert. Starken Unternehmen wird die Mitarbeitergewinnung erschwert."

DHZ: Aber welche negativen Effekte hat diese Maßnahme?

Murmann: Die Ressourcen, die in nicht lebensfähigen Unternehmen gebunden sind, sind auch nicht frei zum Beispiel für Gründungen oder für effizientere Unternehmen. Diese Marktdynamik kann durch solche Effekte gestört werden. Dafür sehen wir Anzeichen. Studien aus vorherigen Krisen haben gezeigt, dass diese „Zombie-Firmen“ den guten Unternehmen am Markt schaden, weil die Banken unter Umständen weniger Kredite ausgeben können, weil sie diese Firmen am Leben halten. Das hat volkswirtschaftlich also langfristig Auswirkungen. Hinzu kommt, dass durch die Kurzarbeit die Arbeitnehmer in den Unternehmen gebunden sind. Das hat sozial sicherlich Vorteile, verhindert oder verzögert aber die Umorientierung der Arbeitnehmer. Starken Unternehmen wird die Mitarbeitergewinnung erschwert. Das ist ein Effekt, den man im Blick haben sollte.

DHZ: Kann es auch passieren, dass sich ein Teil dieser Firmen aufgrund der Hilfsmaßnahmen vielleicht sogar längerfristig retten kann?

Murmann: Das ist durchaus möglich.

DHZ: Wie sollte man jetzt reagieren, damit dieser Effekt sich nicht noch verstärkt?

Murmann: Im Moment sind wir in einem Lockdown. Auf bestimmten Märkten können derzeit keine Umsätze generiert werden. Man sollte kontinuierlich bewerten, ob die Förderungen noch notwendig sind. Es gibt aber auch das umgekehrte Phänomen, besonders bei der Kurzarbeit, dass auch starke Unternehmen die Kurzarbeit genutzt haben und am Ende ihren Anteilseignern Dividende ausgezahlt haben. Auch das sollte man im Blick behalten.