"KondiTOURei" Die mobile Konditorei: Mit dem Lkw zum Bio-Bauern

Immer mehr Landwirte verkaufen ihre Erzeugnisse in eigenen Hofläden, die wenigsten jedoch in verarbeiteter Form. Nanetta Ruf möchte das ändern. Mit ihrer „KondiTOURei“ will sie von Hof zu Hof fahren und die Rohstoffe zu süßen und herzhaften Leckereien verarbeiten. Über eine die sesshaft wird, indem sie durch die Gegend fährt.




Mit ihrer "KondiTOURei" bietet Nanetta Ruf eine Möglichkeit für landwirtschaftliche Betriebe, ihre eigenen Rohstoffe vor Ort zu veredeln, wenn die Betriebsstrukturen eine Verarbeitungsstätte am Hof nicht ermöglichen. - © KondiTOURei / Nanetta Ruf

Von Max Frehner

Ein Food-Truck, in dem nichts verkauft wird. Klingt erst einmal ungewöhnlich – und ist in dieser Form tatsächlich einzigartig, erklärt Nanetta Ruf. Schon bald möchte die 29-Jährige mit ihrer mobilen Konditorei erstmals auf Tour gehen. Ihr Ziel: Bio-Landwirte in Mitteldeutschland und je nach Nachfrage auch deutschlandweit.

Auf den Höfen möchte sie das veredeln, was vor Ort gewachsen ist oder erzeugt wurde: Obst, Gemüse, Erdbeeren, Kartoffeln, Milch, Eier. „Viele Landwirte vermarkten ihre Rohstoffe in einem eigenen Hofladen oder auf Wochenmärkten, die wenigsten jedoch in verarbeiteter Form“, sagt Ruf. Für diese sei die „KondiTOURei“ der richtige Partner.

Vorbild: mobile Käsereien

Ein Vorbild hat sich die Konditormeisterin aus dem hessischen Rockenberg an mobilen Käsereien genommen. Die haben sich teils schon mehrere Jahre bewährt und rollen inzwischen immer häufiger über die Straßen. Statt Käse will Ruf Köstlichkeiten wie Kuchen im Glas, Törtchen, Aufstriche, Eingekochtes oder auch Gewürzmischungen oder Pesto auf den Höfen produzieren – je nach verfügbaren Rohstoffen und Kundenwunsch. Diese können anschließend von den landwirtschaftlichen Betrieben in der eigenen Vermarktung angeboten werden.

Ein Fahrzeugbauer ist aktuell damit beauftragt, einen Wechselcontainer zur mobilen Verarbeitungsstätte auszubauen. Auf 18 Quadratmetern soll all das Platz finden, was es für eine Konditorei braucht, Büroraum, WC und Dusche inklusive. Während den teils mehrtägigen Hofaufenthalten will Ruf in ihrem Lkw mit Fernverkehrsfahrerhaus übernachten. „Vor Ort brauche ich dann nur noch einen Wasser- und Stromanschluss sowie einen Stellplatz“, erklärt sie.

Hofladen-Boom: Alternative zum Preisdruck der großen Konzerne

Hofläden, Märkte und Verkaufsautomaten haben seit Beginn der Pandemie einen wahren Boom erfahren. Das Ansteckungsrisiko ist dort geringer als im überfüllten Supermarkt, zudem essen die Menschen verstärkt zuhause und machen sich mehr Gedanken über die Herkunft ihrer Lebensmittel. Einige Landwirte sind in diesem Zuge neu in die Direktvermarktung eingestiegen, teils auch im Zusammenschluss mit anderen Betrieben. „Wenn die Ernte direkt an den Kunden verkauft wird, bleibt ihnen deutlich mehr als wenn noch Verarbeiter, Zwischenhändler und Einzelhandel mitverdienen und die Preise diktieren“, sagt Ruf. Damit der Hofladen jedoch läuft, brauche es ein attraktives und am besten auch vielfältiges Angebot. Hier setzt die Geschäftsidee der Konditormeisterin an.

Strenge Hygieneregeln und fehlendes Know-how: "KondiTOURei" schließt Verarbeitungslücke

„Nicht jeder Landwirt hat die Räumlichkeiten und Maschinen für eine eigene Verarbeitung.“ Hinzu kämen die strengen Regeln an Hygiene und die erforderlichen Fachkenntnisse. Die „KondiTOURei“ könne den Landwirten diese Dienstleistung anbieten. „Es muss kein Geld für Baumaßnahmen in die Hand genommen und kein Personal eingestellt werden. Ich komme nur dann, wenn ich wirklich gebraucht werde, produziere die gewünschte Menge und lasse die fertigen Produkte fertig verpackt und etikettiert zum Weiterverkauf da“, erklärt Ruf.

"Nach meinem Abi war ich nirgendwo länger als eineinhalb Jahre"

Nanetta Ruf glasiert einen Cottbuser Baumkuchen. - © Max Frehner

Vor etwa eineinhalb Jahren nahm ihr Plan einer mobilen Konditorei konkrete Züge an – bei einer Runde am Lagerfeuer, wie sie erzählt. Sie habe lange überlegt und gesucht, wie und womit sie sich selbstständig machen möchte. Auch die Frage, wo sie sich niederlassen möchte, stand im Raum. „Nach meinem Abi war ich nirgendwo länger als eineinhalb Jahre“, sagt sie. Das Gymnasium schloss Ruf damals mit Note 1,8 ab. Sie begann ein Geoökologie-Studium, das sie nach wenigen Semestern für eine Ausbildung zur Konditorin abbrach. Es folgten der Besuch der Meisterschule und zwei Anstellungen in Stuttgart sowie am Bodensee.

„Aus familiären Gründen hat es mich dann zurück in die Heimat gezogen.“ Nachdem sie eine Zeit lang in der elterlichen Rosengärtnerei mit Café ausgeholfen hat, fand sie schließlich eine Festanstellung in der Bäckerei einer großen Behinderteneinrichtung. Dort nahm sie nach kurzer Zeit die Betriebsleiterposition ein. Aktuell füllt Ruf dort eine 75-Prozent-Stelle aus. Die übrige Zeit widmet sie sich der Vorbereitung ihrer Selbstständigkeit.

"KondiTOURei" soll primär Bio-Landwirte mit Direkvermarktung ansprechen

Sesshaft im engeren Sinne wird Ruf mit ihrer mobilen Konditorei nicht. Doch scheint sie mit ihrer Geschäftsidee genau das umsetzen zu können, was ihr am Herzen liegt. „Ein Bezug zu Umwelt und Natur ist mir sehr wichtig“, erklärt die Konditormeisterin. Sie möchte wissen, wo die Rohstoffe gewachsen sind, die sie verarbeitet. „Außerdem brauche ich einfach das Gefühl, mit meinem Schaffen etwas zu bewirken.“

Bioqualität liegt ihr am Herzen. Aufgewachsen auf einem Bioland-Betrieb hat sie sich für ihre Ausbildung einen Demeter-Hof mit Konditorei ausgesucht. Auch für ihre Gesellen- und Meisterprüfung verwendete sie ausschließlich Rohstoffe, die aus kontrolliert biologischem Anbau stammen und möglichst von Landwirten aus der Region. Mit ihrer „KondiTOURei“ möchte sie deshalb auch primär Bio-Bauernhöfe ansprechen. Grundsätzlich steht ihr Angebot aber auch Nicht-Bio-Betrieben offen. „Wenn es für sie in Ordnung ist, dass auch Bio-Zutaten verwendet werden“, erklärt sie. Ihre mitgebrachten Zutaten müsste sie andernfalls getrennt lagern, was platztechnisch nicht möglich sei.  

Die "Crowd" finanziert den Etagenbackofen

Rund 220.000 Euro hat Ruf für ihre fahrbare Erstausstattung inklusive LKW, Container, Maschinen und Rohstoffe veranschlagt. Sie ist zuversichtlich, dass ihr Angebot bei den landwirtschaftlichen Betrieben gut ankommen wird. „Ich habe mit Landwirten, Beratern und Anbauverbänden gesprochen – die meinten alle, das sei eine super Idee.“ Auch zwei Banken hätten sich sofort bereit erklärt, das Projekt zu finanzieren. Und falls das Konzept dennoch scheitert? „Dann kann ich den Container immer noch für Workshops verwenden oder als Foodtruck oder stationäre Konditorei betreiben.“

Bestätigt sieht sie sich auch durch eine Crowdfunding-Kampagne, die sie im Februar gestartet hat. Corona treibe die Preise, Maschinen würden teurer als anfangs kalkuliert. „Der ursprünglich vorgesehene Etagenofen hat nicht die passenden Anschlusswerte. Ein passender kostet ein Drittel mehr“, sagt Ruf. Über die Plattform Startnext sucht die Konditormeisterin deshalb finanzielle Unterstützer, die sie mit „Dankeschöns“ wie Cookies oder einem Backkurs entschädigt. Wenige Tage vor Kampagnen-Ende sind die ausgerufenen 10.000 Euro bereits erreicht. Jeder weitere Cent soll jetzt in weitere Maschinen fließen: Rühr-, Spül- und Ausrollmaschine müssen finanziert werden. Zudem Arbeitstische und Rohstoffe, die der Landwirt nicht selbst anbaut.

Erste Aufträge sind gewonnen

Vor ein paar Wochen hat Ruf ihr Bio-Zertifikat erhalten, die rechtlichen und steuerlichen Angelegenheiten sind geregelt und der Ausbau des Containers ist in vollem Gange. Im August will Ruf erstmals auf Tour gehen. Ihre ersten Aufträge hat die Konditormeisterin bereits gewonnen. „Ein Gemüsebetrieb möchte mit mir zusammenarbeiten. Und ich werde für die Rosenschule meiner Eltern die kulinarischen Produkte herstellen.“