Hülya Yig-Özgen braucht kein Ladengeschäft, keinen Showroom und keine Werkstatt. Sie arbeitet mobil und vor Ort beim Kunden. Sie ist Augenoptikermeisterin und erklärt, wie das Geschäftsmodell von "Brille auf Rädern" funktioniert.

Zum Interview am Telefon erreicht man Augenoptikermeisterin Hülya Yig-Özgen unterwegs – per Freisprechanlage im Auto. Sie ist auf den Weg zu einer Kundin, der sie ihre neue Brille bringt – und sich auch gleich anschaut, wo die Brille zum Einsatz kommt. Diesmal ist es eine Kanzlei. Die Kundin ist eine Anwältin, die kürzlich einen Fahrradunfall hatte. Dabei ging die Brille kaputt. Hülya Yig-Özgen bringt ihr nun die neue vorbei – individuelles Anpassen inklusive.
Passt die Brille – ist sie zu eng oder sitzt sie schief auf den Ohren? Drückt ein Bügel? Dies zu klären, ist ein Standard für jeden Optiker. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob die Anpassung in einem stationären Ladengeschäft stattfindet oder im eigenen Büro oder Wohnzimmer. Aber im Vorfeld auch schon zu wissen, wie die Räumlichkeiten aussehen, in denen eine Brille vorrangig getragen wird, hilft um das Richtige auszusuchen. "Das ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um eine Arbeitsplatzbrille handelt", sagt die Augenoptikermeisterin.
"Brille auf Rädern": Wichtig zu wissen, wo die Brille zum Einsatz kommt
Brillen, die an die Lichtverhältnisse vor einem Bildschirm abgestimmt sind, schützen die Augen, lassen sie langsamer ermüden. Doch oftmals unterscheiden sie sich bei Brillenträgern von deren Sehhilfen, die sie normalerweise tragen. Es handelt sich um eine klassische Zweitbrille. Oftmals fördern auch Arbeitgeber die Anschaffung und so kommt es auch vor, dass Hülya Yig-Özgen von einem Unternehmen beauftragt wird, gleich mehrere Arbeitsplätze und das Sehvermögen von mehreren Mitarbeitern zu überprüfen und Arbeitsplatzbrillen anzubieten.
"Ich habe zum Beispiel auch eine Kooperation mit einer kompletten Gemeindeverwaltung und dabei geht es nicht nur um die Bürokräfte", erzählt sie. Genauso kümmert sie sich um geeignete Schutzbrillen bei den Bauhofangestellten. Damit diese nicht alle einzeln einen Termin ausmachen und den Arbeitsplatz verlassen müssen, kommt die Augenoptiker eben vorbei – mit einem Brillensortiment, mit Messgeräten und dem nötigen Blick, die Gegebenheiten vor Ort zu erfassen, um dann zur richtigen Brille zu raten.
Flexibles Arbeiten für Kunde und Augenoptikerin
Vor sechs Jahren hat Hülya Yig-Özgen sich als mobile Augenoptikermeisterin selbstständig gemacht und die Firma "Brille auf Rädern" gegründet. Dabei hat sie die eigene Situation genutzt, in der das flexible Arbeiten Vorteile brachte, um diese auch anderen zu ermöglichen. Ich habe mich aus der Elternzeit heraus selbstständig gemacht", sagt sie und erwähnt auch gleich eine weitere wichtige Zielgruppe ihrer Arbeit: Müttern mit Kindern. "Wenn ich zu den Kundinnen nach Hause komme, ist die Situation meist viel entspannter. Die Kinder können einfach weiterspielen und wir können in Ruhe eine Brille aussuchen und alles besprechen."
In ihrem Kofferraum hat Hülya Yig-Özgen immer einige Kästen mit Brillen verschiedenster Hersteller und Kollektionen dabei. Außerdem bringt sie Instrumente zur Refraktion mit, um die individuelle Sehstärke zu messen. Ein Raum als Lager bei sich zuhause im osthessischen Gelnhausen bei Meerholz und ein Büro machen ihren Augenoptikerbetrieb komplett. Zur Fertigung und Bearbeitung der Gläser und Fassungen arbeitet sie mit einer externen Werkstatt zusammen.
"Brille auf Rädern": Psychologin, Modeberaterin und Handwerkerin
Hülya Yig-Özgen ist bereits seit 21 Jahren Augenoptikermeisterin und lange Zeit hat sie angestellt in einem klassischen Optikerbetrieb gearbeitet. Dass sie heute viel unterwegs ist und sich selbst ständig an neue Situationen und Menschen anpassen muss, liebt sie sehr. "Manches Mal habe ich das Gefühl, dass ich Psychologin, Modeberaterin und Handwerkerin in einem bin", sagt sie lachend. Zugleich erwähnt sie, dass es auch natürlich oft Situationen gäbe, wo sie zu Menschen nach Hause kommt, die krank und deshalb nicht mobil sind. "Viele wollen sich den Stress ersparen, in die Stadt zu fahren, nach einem Parkplatz zu suchen und das dann ein paar Tage später gleich wieder, wenn die Brille fertig ist", berichtet Hülya Yig-Özgen.
Natürlich könnten sich diese Menschen auch eine Brille online bei einem der bekannten Portale bestellen, die es mittlerweile im Augenoptikersegment gibt. Aber dann müsse man zuhause auch alleine klarkommen, wenn die Brille nicht passt oder drückt. "Brille auf Rädern" möchte also einen Spagat anbieten zwischen den flexiblen Online-Angeboten und der individuellen Service vor Ort. Hülya Yig-Özgen empfindet es deshalb auch sehr wichtig, online insgesamt präsent zu sein – ob bei social media oder der eigenen Website, die verschiedenste Wege bietet, mit ihr in Kontakt zu treten. "Ich bin 24/7 erreichbar, wenn es sein muss und das schätzen auch viele Kunden."
Schaut man sich im Netz um, entdeckt man auch bereits den ein oder anderen Fernseh- oder Zeitungsbeitrag über die mobile Augenoptikermeisterin und die "Brille auf Rädern". Das Geschäftsmodell haben in Deutschland auch schon andere für sich entdeckt und umgesetzt. Doch Hülya Yig-Özgen sagt selbstbewusst: "Ich bin wohl die bekannteste."