Mädchen verlassen die Schule im Durchschnitt mit besseren Abschlüssen als Jungen. Am Arbeitsmarkt platzieren sie sich trotzdem schlechter: Sie gehen in Branchen mit geringerem Verdienst und mit niedrigerem sozialen Ansehen.
Barbara Oberst
2012 machten 8.101 junge Frauen ihren Gesellinenabschluss bei den Friseuren. Ihnen gegenüber standen nur 736 Männer. Umgekehrt kamen auf 14.424 erfolgreiche männliche Kfz-Mechatroniker-Gesellen nur 379 Frauen. Immerhin rücken Frauen in gemischtgeschlechtliche Branchen und auch in ausgewählte Männerdomänen vor: So ist im Handwerk von 2002 bis 2012 der Anteil der weiblichen Auszubildenden bei den Malerinnen und Lackiererinnen von 8,3 auf 12,7 Prozent angestiegen, bei den Tischlerinnen von 6,6 auf 9,7 Prozent, bei den Kfz-Mechatronikerinnen von 1,6 auf 2,8 Prozent und bei den Sattlerinnen von 22,8 auf 39,2 Prozent. Doch von einem ausgewogenen Verhältnis kann noch lange nicht die Rede sein.
Julia Zimmermann vom Deutschen Jugend Institut in München beobachtet, dass das geschlechtsspezifische Berufswahlverhalten um so ausgeprägter ausfällt, je niedriger der Schulabschluss ist. Mädchen, die höchstens den Hauptschulabschluss erreichen, sind in ihrer Wahl stark eingeschränkt, denn die meisten Ausbildungsgänge mit ausgewogenem Geschlechterverhältnis verlangen mindestens einen mittleren Schulabschluss.
Viele Berufe von vornherein ausgeschlossen
Zudem scheinen Lehrer und Berufsberater Hauptschülerinnen nicht zur Aufnahme eines MINT-Berufes zu ermuntern, im Gegenteil: Sie kennen gar nicht die ganze Bandbreite möglicher Berufe, die für Hauptschüler in Frage kämen, hat Irene Hofmann-Lun vom Deutschen Jugendinstitut herausgefunden. Schon von vornherein schlössen Lehrer und Berufsberater viele Berufe für junge Mädchen aus, und begründeten dies mit den geringen Chancen der Kandidaten.
Schließlich müssten Jugendliche mit Hauptschulabschluss mit Realschülern um Ausbildungsplätze im MINT-Bereich konkurrieren. Außerdem seien die Anforderungen, die in der Berufsschule in den entsprechenden Fächern gestellt würden, zu hoch. Folglich empfehlen viele Lehrer den Mädchen typische Frauenberufe.
Einen weit stärkeren Einfluss als die Lehrer haben allerdings die Eltern auf die Berufswahl ihrer Kinder. Insbesondere Gespräche mit dem Vater motivieren Mädchen, einen "Männerberuf" zu ergreifen. Auch wenn sie sich im Sportverein, bei der Feuerwehr oder einer ähnlichen Einrichtung engagieren, wählen junge Frauen häufiger einen frauenuntypischen Beruf. Gerade für Mädchen spielt darüber hinaus die Meinung der Freunde eine große Rolle bei der Berufswahl. Die Gründe, weswegen sich Jugendliche für einen Beruf entscheiden, sind bei Jungen und Mädchen ähnlich.
An erster Stelle steht der Spaß an der Sache. Beiden Geschlechtern wichtig ist aber auch, ob der künftige Arbeitsplatz sicher ist und ob überhaupt Chancen auf eine Lehrstelle bestehen. Während aber Mädchen vergleichsweise großen Wert darauf legen, in ihrer Arbeit anderen Menschen zu helfen, ist für Jungen viel stärker der Umgang mit Technik wichtig.
Junge Frauen, die den Blick über den Tellerrand wagen, berichten, dass es schwierig sei, in einer männerdominierten Branche zu arbeiten. Sie seien häufig unangenehmen Bemerkungen ausgesetzt und müssten ihre Kompetenz viel stärker beweisen als ihre männlichen Kollegen. Für sie ist der Aufstieg und die Weiterentwicklung in der Männerbranche schwierig. Umgekehrt bekommen Männer in Frauenberufen häufig einen besonderen Vertrauensvorschuss, sowohl von den Kolleginnen als auch von den Kunden.