Frauen in Männerberufen im Handwerk Berufswahl: Frauen entscheiden anders

Zuerst das Klischee: Frauen sind sozial, kommunikativ und technisch unbegabt. Männer sind machtorientiert, unkommunikativ und technisch begabt. Falsch, sagen Wissenschaftler.

Barbara Oberst

Daniela Roß ist Metzgermeisterin und Obermeisterin der Fleischerinnung Hanau – eine Arbeit, die ihr rundum Spaß macht. - © Rolf Oeser

Im Gehirn seien diese Aspekte nicht festgeschrieben. "Wenn es um Lesen, Schreiben oder Einparken geht, spielen nicht nur Geschlecht, sondern Erfahrung, Alter, Kultur, die konkrete Situation und viele andere Faktoren eine wichtige Rolle", sagt Sigrid Schmitz. Das Gehirn, egal ob männlich oder weiblich, entwickle genau die Fähigkeiten, die gefordert würden, so die Professorin für Gender Studies an der Universität Wien.

Trotzdem wählen Frauen in Deutschland bevorzugt Berufe im sozialen, künstlerischen oder Dienstleistungsbereich – allesamt gesellschaftlich weniger anerkannt und schlechter entlohnt als die von Männern bevorzugten technischen Branchen. Genderforscher erklären dieses Berufswahlverhalten mit der Sozialisation: Schon Säuglinge würden unterschiedlich behandelt. Bei Mädchen lobten Eltern soziales Verhalten, Jungen bekämen mehr Aufmerksamkeit, wenn sie sich durchsetzten.

Fragt man Frauen, die in männer-dominierten Berufen arbeiten, wie sie zu ihrer Berufswahl kamen, so erzählen sie von Vorbildern. "Viele dieser Frauen berichten, dass sie als Kind oft mit ihren Vätern getüftelt haben, am Auto, an technischen Geräten, oder dass sie eine Frau kannten, die einen entsprechenden Beruf hatte", beobachtet Doro-Thea Chwalek, die die Koordinierungsstelle "Girls'Day, Boys'Day" leitet.

Ein Leben für die Metzgerei

Auch Daniela Roß hatte Vorbilder. Die 41-jährige Metzgerin ist Obermeisterin der Fleischerinnung Hanau und kann auf drei Generationen Metzger in ihrer Familie zurückschauen – inklusive starker Frauen. Ihre Großmutter führte nach dem Tod des Gatten den Betrieb im hessischen Rodenbach mit ihrem Sohn weiter. Trotzdem dachte Daniela Roß zunächst an einen typisch weiblichen Weg: "Ich träumte davon, Juristin zu werden. Dann, in der elften Klasse, wurde mir von einem Tag auf den anderen klar, dass ich ins Geschäft einsteigen wollte", erinnert sie sich. Anfangs lernte sie Fleischereifachverkäuferin. Erst, als ein Berufsschullehrer anregte, sie solle doch Fleischer lernen, wechselte sie ins Männerfach.

"Ich weiß nicht, warum wir nicht selber auf die Idee gekommen waren. Auf jeden Fall wechselte ich auf Fleischer in der Fachrichtung verkaufsbetont und machte anschließend meinen Meister." Nachteile im Männerberuf hatte sie nie. "Die Reaktionen sind zu 100 Prozent positiv. Und auch körperlich hatte ich nie Probleme", stellt Roß klar. Für manche Arbeiten müsse sie eben Hilfsmittel nutzen. Heute leitet Roß mit ihrer Mutter den Verkauf in der Metzgerei Schaaf, während ihr Vater die Produktion stemmt.

Auch die Erziehung ihrer zwei Kinder ließ sich mit der Arbeit vereinbaren. Die Kinder verbrachten viel Zeit im Betrieb. Im Familienverbund von Eltern und Großmutter konnte sich immer jemand um den heute 17-jährigen Sohn und die 15-jährige Tochter kümmern.

Doch nicht viele Frauen schaffen das. Wenn Frauen sich selbstständig machen, tun sie das zu fast 70 Prozent im Nebenerwerb. So bleibt genügend Zeit für die Familie oder andere Interessen. Zudem arbeiten selbstständige Handwerkerinnen überwiegend in frauendominierten Gewerken: Rund 30 Prozent der Chefinnen im Handwerk sind Friseurinnen, 21 Prozent Kosmetikerinnen, sechs Prozent Damen- und Herrenschneiderinnen. Zwar hat der Anteil der Frauen im Handwerk zugenommen. Über ein Viertel der Auszubildenden sind weiblich. Die Zahl der von Frauen abgelegten Meisterprüfungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren gar auf über 20 Prozent verdoppelt.

Verzicht auf lukrative Berufe

Doch nutzen junge Frauen bei weitem nicht die ganze Bandbreite von 140 Ausbildungsberufen im Handwerk. Sie beschränken sich auf zehn Berufe, und darunter ist kein naturwissenschaftlich-technischer Beruf. Initiativen wie der Girls'Day sollen Mädchen für MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) begeistern. Doch lässt der Erfolg in Zahlen zu wünschen übrig: Seit 2005 ist laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung nur in sieben dualen Ausbildungsberufen der Anteil der weiblichen Auszubildenden um mindestens vier Prozentpunkte gestiegen.

Vielleicht hat Susan Pinker Recht. Die kanadische Psychologin hat festgestellt, dass Frauen umso stärker in Frauenberufe gehen, je größer der Wohlstand des Landes ist. Können es sich Frauen finanziell leisten, verzichten sie auf ­lukrative und stärker anerkannte Berufe zugunsten eines sie ausfüllenden ­Lebens. Dennoch sind viele Frauen von Altersarmut bedroht, weil sie zu wenig verdienen und kaum Rücklagen haben.

Es ist also dringend nötig, dass Frauen sich den Branchen zuwenden, die nach Fachkräften suchen und besser bezahlen. Doro-Thea Chwalek ist da hoffnungsfroh, auch wenn der Prozess sehr langsam vor sich geht: "In der Rückschau sehen wir Veränderungen. Ende des 19. Jahrhunderts war der Beruf des Sekretärs ein reiner Männerberuf, heute ist er rein weiblich. Es ist also nichts in Stein gemeißelt."